Feminismus-Pionierin Was uns Hedwig Dohm heute noch zu sagen hat

Sie war die meistbeschimpfte Frau im Deutschland ihrer Zeit: Hedwig Dohm hat für das Frauenwahlrecht gekämpft und dafür, dass Frauen studieren können – und schon über Mansplaining geschrieben, als es den Begriff noch nicht gab.

Von: Martina Boette-Sonner

Stand: 03.03.2021 | Archiv

Portrait der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm | Bild: picture-alliance/dpa

Wer interessiert sich denn noch für Frauenrechtlerinnen aus dem 19. Jahrhundert? Kennt jemand Hedwig Dohm? Sollte man kennen! Hedwig Dohm stammte aus einer Familie mit 18 Kindern, durfte nicht aufs Gymnasium, heiratete, bekam fünf Kinder, wurde Schriftstellerin, Frauenrechtlerin, Aktivistin. War Katja Manns Großmutter. Baute sich ein Frauennetzwerk auf. Was hat die uns noch zu sagen? Ist sie unsere Urgroßmutter? Antworten von drei Feministinnen der Gegenwart.

Hedwig Dohm und die Utopiern der 68er

Lilith Lichtenberg von der Künstlergruppe "Weibsbilder": "Ich habe neulich meine Arbeit angeschaut, die ich als Soziologiestudentin geschrieben habe. Die hieß: ‚Vom weiblich-dämmernden Zwischenreich. Mit dem Rettungsboot zur Mündung des mündig Werdens‘, und war getragen damals von der Hoffnung auf eine Utopie."

Feminismus der 68er. Verdammt lange her. Immerhin gab es damals an der Uni schon den Weiberrat, in Frankfurt. Nachfolgerinnen von Hedwig Dohm, geboren 1831, gestorben 1919. Sie wollte, das Frauen studieren dürfen, setzte sich fürs Frauenwahlrecht ein, hat es auch noch erlebt in Deutschland. Hat die uns noch etwas zu sagen?

Damals wie heute: Wiederkäuer

Hedwig Dohm schrieb: "Man kommt sich auf dem Gebiet der Frauenfrage immer wie ein Wiederkäuer vor. Das liegt an der Taktik der Gegner." Kommt mir irgendwie bekannt vor. Mir sagte man: "Deine Frauenplatte hat einen Sprung". Hedwig Dohm, Schwester im Geiste also. Findet sich auch schon bei Hedwig: Wer nicht im Ehegefängnis landen wollte, der sollte auf jeden Fall ökonomisch unabhängig sein.

Ich habe vor ein paar Jahren noch gehört, dass man zu einer Freundin sagte: Haben Sie denn keinen Ernährer? Hedwig Dohm wusste damals Ende des 19. Jahrhunderts schon, dass man Druck machen muss, wenn sich was verändern soll und dass das Private politisch ist. Kommt mir bekannt vor.

Hedwig Dohm und die Männerherrschaft

Hedwig Dohm schrieb: "Nicht freiwillig werden die Männer ihre Geschlechtsherrschaft fahren lassen, die sie für ein legitimes Recht halten, und doch nur ein uraltes Privilegium ist, das im Laufe der Jahrhunderte ihr Rechtsbewusstsein korrumpiert hat."

Auftritt der Wissenschaftlerin Gabriele Herzog-Schröder: "Ich bin Ethnologin und habe mich schon vor vielen Jahren mit feministischen Ansätzen in der Kulturanthropologie beschäftigt. Für mich ist Feminismus wichtig, weil er strukturelle Diskriminierung anzeigt und sich ihr entgegenstellt. Würden Männer systematisch benachteiligt, wäre ich Androist."

Damals wie heute: Mansplaining

Hedwig Dohm wäre das wahrscheinlich auch, denn sie dachte schon damals Benachteiligungen zusammen: Frauen, Religion, Denkverbote, Rassismus. War für eine andere Gesellschaft. Bei ihr war einfach schon alles da, auch, dass wir zu Frauen, zu Ehefrauen, zu Müttern gemacht werden. Da hilft nur der Zusammenschluss! "Die Charakterschwachen machen Front gegen die Frauenbewegung," schrieb Hedwig Dohm, "– aus Furcht. Sie haben immer Angst, von der Frau – besonders von ihrer eigenen – unterdrückt zu werden. Weil sie sich heimlich ihrer Schwäche bewusst sind, betonen sie bei jeder Gelegenheit ihre Oberhoheit."

Das Steht in "die Antifeministen" von Hedwig Dohm. Da fällt mir Rebecca Solnit ein und ja, der Begriff des Mansplainings. Männer, die uns die Welt erklären, weil sie Männer sind. Wird gerade stark kritisiert und auch als sexistisch bezeichnet. Ein Fehler! Shitstormverdächtig! Sowas kannte Hedwig Dohm allerdings auch schon. Sie war in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die öffentlich meistbeschimpfte Frau in Deutschland. Ließ sich aber nicht einschüchtern. Also: Aufstehen, Krönchen richten, weitermachen.

Quatsch, wir brauchen keine Kronen. Anpacken! Auftritt der Praktikerin Lilo Illmer-Görres: "Ich mache die Printmedien bei SIAV EV, einem Trägerverein für Frauenprojekte. Und ich bin Feministin, weil ich frei, selbstbestimmt und gleichberechtigt leben will und weil da noch viel zu tun ist."

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