Klimastreik Wann werden wir selbst aktiv?

Unser Sinnes- und Denkapparat ist nicht für den Klimawandel ausgelegt, sagt der Nachhaltigkeitsforscher Ortwin Renn. Schaffen wir es trotzdem, den Mut aufzubringen und die nötigen Konsequenzen aus der drohenden Katastrophe zu ziehen? Wann ist unser Kipppunkt erreicht?

Von: Max Büch

Stand: 19.05.2022 | Archiv

Justine (Kirsten Dunst) in Lars von Triers Apokalypse-Film "Melancholia". | Bild: Concorde Filmverleih/dpa/picture alliance

Was für ein Bild von Apokalypse: Während der alles vernichtende Komet der Erde entgegenrast, schreitet Kirsten Dunst als Justine in "Melancholia" des Nachts auf die Wiese, um sich nackt im Licht des Todessterns zu baden. Kein Chaos, keine Massenpanik – Lars von Trier zeichnet das Weltenende als apartes und unaufgeregtes Entgleiten in den Untergang. Eine Anti-Interpretation vom Weltenende, anders als all die Weltuntergangsszenarien aus Hollywood und möglichweise doch viel näher an der Wirklichkeit? 

Wir sind Kirsten Dunst in "Melancholia"

Während diese lustvolle Hingabe zur Endzeitstimmung von Kirsten Dunst 2011 vielleicht noch etwas absurd und fremdartig gewirkt haben mag, kann sie heutzutage durchaus als Allegorie auf den Umgang der Menschheit mit der sich immer deutlicher anbahnenden Klimakrise interpretiert werden. Der einzige Unterschied: Wir sind der Katastrophe nicht hilflos ausgeliefert, die Klimakrise ließe sich noch verhindern oder deutlich abmildern.  

Der aktuelle Bericht des Weltklimarats IPCC bestätigt einmal mehr, was wir schon jetzt auch in diesem Jahr wieder mit Flutkatastrophen und Waldbränden – allein in Europa – zu spüren bekommen: Die extremen Wetterereignisse der letzten Monate und Jahre wie Hochwasser, Starkregen, Hitzewellen, Feuer und Dürren könnten demnach nur ein Vorgeschmack auf das sein, was uns in den nächsten Jahren in einer immer heißer werdenden Welt erwartet. Keine Region der Welt ist davon ausgenommen, auch Bayern nicht.

Wann kommt der Moment, an dem wir selbst aktiv werden? 

Und wir? Wie ernst die Lage ist, haben wir wohl begriffen. Aber wann fangen wir an, die Konsequenzen aus diesen bedrückenden Zukunftsaussichten und den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ziehen? Wann ist unser Kipppunkt erreicht, wann der Moment, an wir uns nicht mehr im Licht der herannahenden Katastrophe räkeln, sondern wir ernsthaft anfangen, unsere Wirtschaft, unser Verhalten, unser Leben umzustellen und so radikal zu verändern, wie wir es müssten, um die Fortexistenz unserer Zivilisation zu sichern? Worauf warten wir noch? 

Auch wenn der Kontext ein völlig anderer ist und die Autorin Indi Samarajiva mit ihren Erinnerungen vom Bürgerkrieg in Sri Lanka die US-amerikanische Gesellschaft vor einer anderen Krise warnen will: Das Unprätentiöse und die Normalität des Alltags in einer Katastrophensituation bringt sie sehr treffend auf den Punkt: "Ich ging zur Arbeit, ich ging aus und ich hatte Dates." Das würden die Leute immer nicht kapieren. "Sie warten darauf, persönlich ins Gesicht geschlagen zu werden, während es Asche vom Himmel regnet." So aber würde das eben nicht ablaufen. Der eine Moment, auf den man warte, würde einfach nie eintreten.

"Collapse is just a series of ordinary days in between extraordinary bullshit, most of it happening to someoneelse. That’s all it is. – Der Kollaps ist nur eine Abfolge von normalen Tagen mit außergewöhnlichem Scheiß dazwischen, der meistens jemand anderem passiert. Das ist alles."

  Indi Samarajiva

Sinnes- und Denkapparat nicht für den Klimawandel ausgelegt

Sind wir in unserer Wahrnehmung durch den kulturellen Einfluss von Hollywoods Action-Katastrophen womöglich emotional schon derart stark geprägt, dass wir auch beim Klimawandel auf den Schlag ins Gesicht und den Ascheregen warten? Und deshalb die dramatische Lage nicht als Bedrohung begreifen können? Das Problem liegt wesentlich tiefer in uns verankert, sagt Ortwin Renn. Er arbeitet am "Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS)", dem Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung, und forscht seit vielen Jahren genau zu diesem Thema: dem Umgang moderner Gesellschaften mit Risiken.  

Unser Sinnes- und Denkapparat sei schlicht nicht für eine Situation wie den Klimawandel ausgelegt. "Bei Risiken, die schleichend daherkommen, sind wir von der Evolution her außerordentlich schlecht vorbereitet, sie wahrzunehmen und sie gefahrengerecht zu bewerten", sagt er im Interview, das Toralf Staud und Nick Reimer für das Buch "Deutschland 2050" mit ihm geführt haben. Gerade auch die Dynamik der Schwellenwerte für die klimatischen Veränderungen, die sogenannten "Kippelemente" widerstrebt der normalen Mentalität des Menschen, der nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" lebe. "So kommt es, dass praktisch alle Leute rein kognitiv um das Problem mit dem Klimawandel wissen und zum Beispiel in Umfragen auch angeben, dass sie das für ein wichtiges Thema halten. Aber die besondere Dynamik des Klimawandels führt dazu, dass er die Menschen nicht wirklich alarmiert, dass er sie nicht veranlasst, sofort und grundlegend ihr Leben umzustellen." 

Ein gemeinsames Narrativ jenseits aller Parteigrenzen entwickeln

Selbst wenn wir schärfsten Klimaschutz umsetzen würden, würde der Klimawandel nicht unverzüglich aus der Welt – und deshalb würde ein Teil der Gesellschaft wahrscheinlich schnell ungeduldig werden. Das habe sich auch zum Beginn der Corona-Krise gut beobachten lassen: "Als im Frühjahr 2020 die Schulen und Geschäfte schlossen und die Leute zu Hause bleiben sollten – da ging schon nach 14 Tagen eine Debatte los, was das wirklich bringe, dass jetzt mal genug sei, dass man die Maßnahmen endlich lockern müsse. Nach nur 14 Tagen!" 

Und doch hat auch gerade die Corona-Krise gezeigt, dass drastische Veränderungen erstaunlich plötzlich vonstattengehen können, dass weniger Konsum, weniger Auto- und Flugverkehr möglich sind. Für die Politik sieht Ortwin Renn als oberste Priorität, ein gemeinsames Klimaanpassungsnarrativ zu entwickeln, jenseits aller Parteigrenzen. "Darunter verstehe ich, dass sie die gefährlichen Entwicklungen und möglichen Konsequenzen der Erderwärmung beschreibt und zugleich formuliert, wie wir trotzdem unsere pluralistische und auf gegenseitigen Respekt ausgerichtete Gesellschaft erhalten können. Dieses Ziel sollte man als konstitutives Element nicht einer einzelnen Partei verstehen, sondern der gesamten politischen Kultur – es wäre dann auch nicht abwählbar, egal, wer die nächste Wahl gewinnt." 

Klimastreik: mit kleinen Gesten Großes bewirken

"Schulstreik für das Klima"

Und wir? Wann werden wir aktiv? Sollten wir nicht eigentlich über Klimastreiks statt über die Streiks der Lokführergesellschaft reden müssen? Vor vier Jahren, am 20. August 2018, dem ersten Schultag nach den Ferien, schrieb Greta Thunberg "Skolstrejk för klimatet" auf ein Schild und trat damit vor dem Schwedischen Reichstag in Stockholm in den wöchentlichen Klimastreik – alleine. Ihr "Schulstreik für das Klima" hat die Grundlage für die Fridays For Future Bewegung gelegt und sie selbst zur Ikone der Klimabewegung gemacht. Vor allem aber hat er gezeigt: Man kann auch mit scheinbar kleinen Gesten Großes bewirken und – so kitschig es klingt – die Welt verändern. Wann bringen wir den Mut dazu auf, uns selbst mit einem Schild vor das lokale Parlament zu stellen und in den Klimastreik zu treten?

"Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird" von Nick Reimer, Toralf Staud, Kiepenheuer & Witsch 2021