Interview: Schutz des Landlebens "Stadt und Land dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden"

Das Land wird von Stadtmenschen entweder als agrarindustrielle Ressource oder als Naherholungs-Freizeitpark verstanden. Der Kulturgeograf Werner Bätzing mahnt in seinem Buch "Das Landleben" zu einer neuen Wertschätzung.

Von: Nora Binder

Stand: 15.02.2021 | Archiv

Blick auf Winzer | Bild: BR

Für viele Städter ist das ursprüngliche, naturnahe Landleben ein Sehnsuchtsmotiv geworden - gerade in der Pandemie. Der Kulturgeograf Werner Bätzing beobachtet zwischen Stadt und Land allerdings eine zunehmende Verklärung und Entfremdung: Was für den einen als Wochendend-Erholungsoase dient, ist für die anderen echter Lebensraum. In seinem aktuellen Buch "Landleben", erschienen bei C.H. Beck, plädiert Bätzing für eine neue, unverklärte Wertschätzung des Ländlichen.

Nora Binder: Herr Bätzing, wo sehen Sie die Gründe der zunehmenden Entfremdung zwischen Stadt und Land?

Werner Bätzing: Die Entfremdung hat mit der Industriellen Revolution begonnen, als das Wirtschaftswachstum sich auf die Industriestädte und -gebiete konzentrierte und der gesamte kulturelle und soziale Fortschritt in den Städten stattfand. Das Land wurde auf einmal abgeschrieben, vorher war es relativ gleichwertig. Interessanterweise dreht sich in der aktuellen Corona-Situation das Blatt: Das "langweilige" Land gilt nun als ein sicherer Fluchtort vor den Städten mit ihrer hohen Dichte an Menschen.

Werner Bätzing

Laut der Thesen in Ihrem Buch begreifen die Städter das Land dabei aber kaum als landwirtschaftlichen Raum.

Die Städter haben ein eher technisches Verständnis von Natur. Auf dem Land ist das seit jeher anders: Man lebt in der Natur, man lebt mit der Natur. Und Landwirtschaft hat ja über Jahrtausende lang Natur genutzt, ohne sie zu zerstören - das ist etwas, was für Städter heute überhaupt nicht mehr vorstellbar ist. Die Städter suchen die unberührte Wildnis, die ländlichen Bewohner aber verstehen die Kulturlandschaft als schützenswerte Lebensgrundlage.

"Die eigene Heimat geht kaputt"

Massentierhaltung und überdüngte Felder zeugen aber nicht gerade von Landschaftsschutz, oder?

Viele Bauern leiden heute selbst darunter, dass sie ihre Flächen übernutzen müssen, dass sie zu viel düngen müssen, dass die Tiere nicht artgerecht gehalten werden können - einfach, weil sie sonst pleite gehen. Das widerspricht ihren jahrhundertelangen Erfahrungen. Und hier liegt auch das Grundsatzproblem: Das heutige hochmoderne, extrem komplexe und globalisierte Wirtschaften zerstört die Lebensräume der Menschen. Die Städter bekommen davon weniger mit, weil sie abgetrennt von den Produktionsbedingungen ihrer Lebensmittel leben. Die Artenvielfalt geht kaputt. Die Vielfalt der Landschaft geht kaputt. Man kann auch ganz bewusst sagen: Die eigene Heimat geht kaputt. Stadt und Land dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie müssen vielmehr zusammenarbeiten, um diese großen Probleme zu bewältigen.

Was ist Ihrer Meinung nach nötig, um den ländlichen Raum in dieser Hinsicht aufzuwerten?

Ein zentraler Punkt wäre die Einsicht der Politik, dass der ländliche Raum unverzichtbar ist. Das ist bisher zu wenig passiert, gerade im Rahmen des durchgreifenden Neoliberalismus. Seit der Wende haben Politik und Wirtschaft ihre Mittel vorrangig auf die großen Zentren konzentriert, weil das nun mal rentabler war. Der Staat muss aber Verantwortung für alle seine Bürger zeigen, er darf sich nicht bloß auf wenige Zentren konzentrieren. Denn langfristig sind diese Zentren ohne den ländlichen Raum auch nicht mehr überlebensfähig.

Und welche Maßnahmen ließen sich aus dieser Einsicht konkret ableiten?

Es gibt keine Patentrezepte. Aber zwei Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Erstens ist unser gesamtes Wirtschaftssystem auf Seiten der ökonomischen, juristischen und bürokratischen Rahmenbedingungen auf Großbetriebe ausgelegt. Kleine Betriebe, wie sie vor allem auf dem Land existieren, tun sich extrem schwer, sie müssten besser berücksichtigt werden. Das Zweite sind die Infrastrukturen, die ebenfalls noch viel zu zentral angelegt ist. Ich denke, dass dezentrale Lösungen gerade mit dem Internet und mit neuen intelligenten technischen Lösungen viel einfacher umzusetzen wären als früher - sie müssten nur endlich angegangen werden.

Beitrag: "Vom großen Missverständnis zwischen Stadt und Land"

Den ttt-Beitrag "Besserstädter und Bauernlümmel – Vom großen Missverständnis zwischen Stadt und Land" finden Sie auch in der ARD-Mediathek.