Beatrix von Storch beleidigt Abgeordnete Was hinter der Transfeindlichkeit steckt

Beatrix von Storch greift im Bundestag die Transfrau Tessa Ganserer an. Warum schlägt Transpersonen noch immer so viel Ablehnung entgegen? Ursachen dafür findet man wie so oft nicht bei den Opfern, sondern den Tätern.

Von: Martin Zeyn

Stand: 18.02.2022 | Archiv

Tessa Ganserer, Transfrau und Grünen-Abgeordnete im Bundestag. | Bild: picture alliance/ Geisler-Fotopress | Frederic Kern/ Geisler-Fotopress

"Wann ist ein Mann ein Mann?" Bei Herbert Grönemeyers Song sang noch die gesamte Nation mit. Was aber wäre gewesen, wenn der Refrain gelautet hätte: "Darf ein Mann kein Mann mehr sein?" Travestie-Shows mögen zwar in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein, Transmenschen sind es leider noch nicht. Deutlich machte das ein Ausspruch der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch über die "Genderideologie". In ihrer Bundestagsrede zum Weltfrauentag sprach von Storch die Grünen-Abgeordnete und Transfrau Tessa Ganserer als Mann an und bezeichnete ihr Outfit als "Verkleidung": "Wenn der Kollege Markus Ganserer Rock, Lippenstift, Hackenschuhe trägt, dann ist das völlig in Ordnung. Es ist aber seine Privatsache. Biologisch und juristisch ist und bleibt er ein Mann. Und wenn er als solcher über die grüne Frauenquote in den Bundestag einzieht und hier als Frau geführt wird, ist das schlicht rechtswidrig." Wie lautete gleich noch der AfD-Wahlslogan? "Deutschland. Aber normal." Eine Transperson ist in dieser Logik also unnormal, ja sogar "rechtswidrig". Was steht hinter dieser Ausgrenzung?

Die Biologie ist nicht eindeutig

Gott schuf Mann und Frau. So ungefähr steht es in der Bibel, ziemlich unscharf wie auch sonst die arg kursorisch zusammenfassende Schöpfungsgeschichte. Richtig ist, keineswegs werden alle Menschen so geboren. Die Zahlen sind nicht wirklich genau und die Angaben schwanken auch, aber in Deutschland geht man von 0,3 bis 0,6 der Bevölkerung aus. Jahrzehntelang wurden Kinder, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, durch Medikamentengaben oder operative Eingriffe nachträglich "eindeutig" gemacht. Mit oft fatalen Folgen für die Betroffenen, die körperlich, aber vor allem psychisch unter diesen Eingriffen litten. Ihnen wurde ein Teil ihrer Identität aberkannt. Weil sie als "unnormal" abgestempelt wurden.

Andere Kulturen gingen damit souveräner um, so gibt es wunderbare griechische Skulpturen von Hermaphroditen, die mit der (auch sexuellen) Faszination von Zweigeschlechtlichkeit spielen. Der berühmte Sänger Teresias etwa wurde als Mann geboren, lebte sieben Jahre als Frau, um dann wieder Mann zu werden. Und die Griechen machten ihn zu einer zentralen Sagengestalt – ohne sich zu fragen "Wann ist ein Mann ein Mann".

Auch das Einfügen in traditionelle Geschlechtsbilder ist kompliziert

Noch schwieriger wird es, wenn wir den Raum der schon recht vielfältigen Biologie verlassen. Was ist mit Menschen, die von sich sagen, einfach im falschen Körper geboren worden zu sein? Wie etwa Henri vom BR Podcast "Transformer", der sich erst als komplett empfand, als sie zum Mann geworden war. Dabei tauchen viele Fragen auf, die oft erst einer jahrelangen Klärung bedürfen. Eine solche Geschlechtsangleichung ist kompliziert – manche Menschen wünschen sich Jahre später auch in ihr altes Geschlecht zurück. Doch das sind Einzelfälle. Öfter bedeuten das Coming Out oder die Geschlechtsangleichungen das Ende einer jahrelangen Leidensgeschichte. Deshalb muss man das Bedürfnis von Transmenschen, mit ihrem wahren Geschlecht angesprochen zu werden und sich auch physisch diesem anzugleichen, ernst nehmen. Jeder Mensch muss selbst über sein Geschlecht entscheiden dürfen, wenn er oder sie (oder welches Personalpronomen auch immer sie als angemessen empfinden) das Gefühl hat, im falschen Körper zu stecken.

Allerdings: Ist das, was wir Pubertät nennen, nicht auch für alle ein zutiefst komplizierter Lebensabschnitt – selbst ohne das Gefühl zu haben, im falschen Körper zu stecken? Welche Art von Mann oder Frau bin ich? Wieviel Anteile des anderen Geschlechts erlaube ich mir, erlaubt mir meine Umgebung? Ich kenne Frauen, die haben breitere Schultern als ich, solche die mansplainen, also das andere Geschlecht nicht zu Wort kommen lassen, und denen kurze Haare besser stehen als mir. Und all das sind ganz normale Teile von mir. Und von ihnen. Wieviel Mann muss ich sein, um als Mann zu gelten? Braucht es 99 Prozent oder genügen 51?

Wir werden nicht als Mann oder Frau geboren, wir werden dazu gemacht

Wir sind Männer oder Frauen, weil uns die Gesellschaft dazu macht. Das ist der handgreifliche Teil von Judith Butlers Behauptung, es gebe in unserem alltäglichen Leben nur gender, also ein von gesellschaftlichen Normvorstellungen geprägtes Bild von Geschlechtlichkeit. Die Philosophin tritt entschieden dagegen an, dass die Biologie uns prägt. Ob oder wie weit sie damit recht hat, mag jeder Mensch für sich selbst bestimmen. Worum es Butler geht, ist keine akademische Debatte, auch keine Entwertung der Biologie. Ihr geht es um Freiheit. Freiheit, sich aus den Möglichkeiten zu bedienen. Mal männliche Attribute, mal weibliche zu inszenieren. Als Mann sich zu schminken, als Frau es zu lassen. Als Mann in Elternzeit zu gehen und der Frau zu ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten. Ganz einfache Schritte hin zu einer Überwindung der Geschlechtsdualität, die beiden Geschlechtern neue Freiheiten einräumt.

Für manche Menschen ist das Neue, das Vielgeschlechtliche, das Ambivalente anziehend, auch erotisch anziehend. Für andere nicht. Soll doch jeder nach seiner Façon glücklich werden. Manche brauchen den Schutz tradierter Rollen. Nicht immer freiwillig, nicht immer als Gewinn – manche bezahlen dafür. Psychische Belastungen sind kein Privileg von Transpersonen.

Was auffällt: Menschen, die unsicher sind, was ihren Körper und ihre Rolle in der Welt angeht, reagieren gereizt. Eine Transperson ist für sie eine Provokation, weil sie die eigenen Entscheidungen, den eigenen Freiheitsverzicht in Frage stellt. Sie können weder die Schönheit, noch die Freiheit auf den Gesichtern und den Körpern der Menschen sehen. Bzw. sie sehen sie schon, aber leiden darunter, nicht sich selbst etwas davon erlauben zu können. Sie sind nicht, wie sie als Mantra zur Beruhigung vor sich hertragen, die Normalen, die breite Masse. Sie sind nur wenigen, die Angst davor haben, dass die Fragilität ihrer Existenz, ihre eigentlich unsichere Geschlechtlichkeit offen zu Tage tritt. Wären sie nicht so aggressiv, sie hätten unser Mitleid verdient. Da hilft es nur, ihnen ein anderes berühmtes Lied vorzusingen, dass vielleicht ein wenig zur Beruhigung einer unnötig hochgekochten Debatte beitragen wird: "Imagine all the people living life in peace." Ob als Mann, Frau oder Transperson (oder mal das, mal jenes) sollte dabei keine Rolle spielen.