Anne-Sophie Mutter im Interview "Wir Künstler sind unseres Berufes beraubt worden!"

Die Initiative "Aufstehen für die Kunst" hat eine Popularklage beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof eingereicht: Der prüft jetzt, ob der Kunst-Lockdown der Landesverfassung entspricht. Ein Gespräch mit Mit-Initiatorin Anne-Sophie Mutter.

Stand: 31.03.2021

Kunst im Lockdown | Bild: BR

Ein Jahr Notstand und kein Ende in Sicht: Jetzt hat Stargeigerin Anne-Sophie Mutter in München Klage eingereicht gegen die coronabedingten Schließungen kultureller Einrichtungen. Gemeinsam mit dem Opernsänger Christian Gerhaher und anderen Künstlerinnen und Musikern hat sie dafür die Initiative "Aufstehen für die Kunst" gegründet. Die Initiative fordert verlässliche und baldige Wiedereröffnungs-Szenarien, eine Quarantänebefreiung mit Test-Konzept für international reisende Künstler – wie im Profisport. Dazu sollen Reihen- und Massentestungen vom Staat bezahlt werden.

Andreas Krieger: Sie haben mit der Initiative eine Popularklage eingereicht. Warum?

Anne-Sophie Mutter: Eigentlich wollten wir nach Monaten des Stillstands und Shutdowns schon im November rechtliche Schritte unternehmen. Wir haben aber dann abgewartet, weil wir die Hoffnung hatten, dass man nach dem zweiten Lockdown differenzierte und flexible Lösungen anbieten würde, die einen einen Kulturbetrieb ermöglichen würden. Dies ist aber nicht geschehen. Unsere Klage soll in unserem Rechtsstaat prüfen, ob die Exekutive auch wirklich nach der Gesetzeslage handelt. Immerhin ist Bayern ein Kulturstaat. Wir haben in der Bayerischen Verfassung Artikel 108 die Kunstfreiheit und wir möchten gerne überprüft wissen, inwieweit diese Kunstfreiheit in den letzten zwölf Monaten tatsächlich gegeben war.

Es gibt die Versammlungsfreiheit, man denke nur an die 20.000 Demonstranten in Leipzig letztes Jahr. Und es gibt die Religionsfreiheit. Es muss doch Gleichberechtigung all dieser Grundrechte geben. Ich bin sehr dankbar, dass es jetzt eine Pilotstudie in Berlin gibt. Die Konzertkarten für die 1.000 getesteten Konzertbesucher waren in drei Minuten ausverkauft. Das ist ein Pilotprojekt, das richtungsweisend sein sollte.

"Sicherer als ein Besuch im Supermarkt"

Können Sie bitte die Ziele der Initiative "Aufstehen für die Kunst" beschreiben?

Die Initiative "Aufstehen für die Kunst" hat zum Ziel, die Kunst wieder in den Mittelpunkt des alltäglichen Geschehens zu rücken, zumal wir jetzt ja auch über Tests verfügen. Anhand von vielen Studien, die in den letzten Monaten erarbeitet wurden, hat sich herauskristallisiert, dass es keinen sichereren Ort gibt als den Konzertsaal, mit 0,6 Prozent Ansteckungswahrscheinlichkeit sehr viel sicherer als beispielsweise ein Besuch im Supermarkt. Von anderen öffentlichen Plätzen, an denen man sich ja auch noch treffen darf, ganz zu schweigen. Es geht uns darum, das wieder ins Zentrum des Bewusstseins zu rücken. Und natürlich immer wieder der Hinweis, das Kunst und Kultur Nahrung sind, tägliches Brot für Herz und Seele, dass man die Bürgerinnen und Bürger nicht nur auf Drogerie- und Baumarkt reduzieren darf. Es gibt die Unantastbarkeit der Kunstfreiheit und der Kunstausübung. Wir Künstlerinnen und Künstler sind unseres Berufes beraubt worden. Nun sind zwölf Monate vorbei. Und der Politik ist es nicht gelungen, flexible und differenzierte Wege aufzuzeigen, wie ein Leben mit der Kunst wieder möglich ist.

Verstehen Sie die Bedenken der Politiker?

Ich spreche doch nicht von Konzertsälen, die zu hundert Prozent besetzt sind. Ich möchte noch einmal das Pilotprojekt in Berlin erwähnen, mit 1000 Personen in der Philharmonie. Ein Teil des Publikums wurde am Abend selbst vor der Philharmonie getestet. Ein anderer Teil hat sich am gleichen Tag in der Stadt testen lassen. Und alle selbstverständlich mit Maske und Abstand. So könnte man weitere Kulturveranstaltungen durchführen. Wir können Hand in Hand mit den Virologen zusammenarbeiten, die über Monate hinweg kulturelle Veranstaltungen begleitet haben. Die Kunst wird von der Politik undifferenziert weggeschubst und in eine Kategorie mit Fußpflege und Bordellen gestellt. Jetzt muss einmal die Exekutive, müssen die Handelnden und Entscheider überprüft werden. Zu diesem Zweck haben wir die Klage ins Rollen gebracht. Und es geht uns auch darum, für Künstlerinnen und Künstler eine eigene Lobby zu schaffen. Wir haben lange genug im Stillen gelitten. Jetzt leiden wir mal ein bisschen lauter und pochen auf unsere Rechte. Noch einmal: Die Kunstfreiheit ist ein Grundrecht und im Gesetz verankert. Da muss die Politik jetzt auch mal Farbe bekennen.

"Kollektive Gedächtnisse, die sich über Dekaden, über hundert Jahre gebildet haben"

Wie sehen Sie die Zukunft der Künste, wenn es so weiter geht?

Für die Zukunft bedeutet es, dass unser Beruf nicht krisensicher ist. Viele Künstlerinnen und Künstler mussten schon in den letzten zwölf Monaten umsatteln und werden nie wieder in die Kunst zurückfinden. Du bist nicht Künstlerin mit einer Stunde Üben am Tag. Sondern du widmest dich seit deinem fünften Lebensjahr der Kunst. Mit allem, deinem Körper, deinem Geist, deiner Seele, deiner Lebenszeit. Was bedeutet das für eine junge Generation? Das bedeutet, dass der Beruf des Künstlers unattraktiv wird, wenn er so wenig von vom Staat geschützt wird. Wir sind so gerne die Kulturnation. Im Moment sind wir die Klopapier- und Drogeriemarkt-Nation. So kann es nicht bleiben. Jetzt schon – nach zwölf Monaten – wissen wir, dass Orchester aufgelöst werden. Das sind ja auch kollektive Gedächtnisse, die sich über Dekaden, manche über hundert Jahre gebildet haben. Wir haben in Europa, besonders auch in Deutschland, sehr alte und wertvolle Klangkörper. Die dürfen wir nicht verlieren. Jede Form von Kultur – und ich schließe natürlich auch Theater, Oper, Pop, Jazz mit ein – jede Form von emotionaler akustischer Umarmung ist gerade in einer Zeit, in der die körperliche Umarmung gar nicht mehr möglich ist, umso wichtiger.

Einen ganzen Beitrag zur Initiative "Aufstehen für die Kunst" finden Sie beim Kulturmagazin Capriccio.