Interview Alexander Kluge: "Intelligenz bedeutet Einfühlung"

2020 hat uns gesellschaftlich auf die Probe gestellt. Der Filmemacher, Philosoph und Schriftsteller Alexander Kluge sehnt sich nach einer neuen Öffentlichkeit. Ein Interview über politische Verantwortung, Neugier und neue Chancen.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 14.12.2020 | Archiv

Alexander Kluge mit Kamera | Bild: SZ Photo / Regina Schmeken

Cornelia Zetzsche: Alexander Kluge wenn sie auf ihr Jahr 2020 schauen, was waren die wichtigen Ereignisse für Sie?

Alexander Kluge: Nun sind das Einbrüche, wie man sie nicht kennt. Also wenn sich im April plötzlich die Quarantäne entwickelt, man dann Wand an Wand elektronisch mit Leuten redet, die 800 Kilometer entfernt sind, also sich anpasst, dann ist das seltsam. Mich erinnert das an anfliegende Bombenflugzeuge 1945. Das besteht auch im Wesentlichen aus Wartezeit, dass es aufhört zwischen Fliegeralarm und Ankunft der Bomber, die dann Gott sei Dank über die Stadt meist wegfliegen, das ist lange Zeit Wartezeit. Und so ist es hier ein Wartejahr gewesen.

Wir haben in diesem Jahr auch das Kriegsende gefeiert, Gedenken und Corona fielen zusammen im April und Mai. Aber wir sind ja jetzt nicht im Krieg.

Das wäre ein ganz falscher Ausdruck. Aber ein seltsames, fremdes Lebewesen, ein Alien kommt aus einer anderen Partie der Evolution plötzlich in die Lunge der Menschen gesprungen. Die haben sich bei uns verirrt. Eigentlich haben die sich Millionen von Jahren entwickelt, in den Lungen der Fledermäuse. Und jetzt kommen sie plötzlich auf den anderen Planeten Mensch und sind unglaubliche Maskierer. Die stellen sich vor so eine Zelle in uns, maskiert als das Lieblingsmolekül, das die Lungenzelle doch bitte hereinlässt. Und so wie die bepuderte Wolfspfote im Märchen von den "Sieben Geißlein" für die Hand der Mutter gehalten wird, so lassen unsere Zellen diese maskierten Eindringlinge ein, mit gravierenden Folgen. Und mich hat sehr gewundert, einer so fremden Wirklichkeit so zu begegnen.

Wir haben uns geöffnet für diese Viren, unsere Körper haben die Maskierung nicht erkannt. Wir zählen zehntausende Infizierte täglich. Haben Sie den Eindruck, dass die Regierung, die Öffentlichkeit, wir Bürger richtig mit der Pandemie umgegangen sind?

Nein, ich bin verblüfft darüber, wie wenig angepasst wir als Menschen reagieren, wie wenig intelligent wir - wenn Intelligenz Einfühlung bedeutet - auf so eine Situation wirklich eingehen. Die zweite Welle wäre nicht notwendig gewesen, und die Lässlichkeit, mit der man den ersten Lockdown sehr frühzeitig abgebrochen hat, zeigt, ganz anders als in Ostasien,  uns fehlt hier die Einsicht, wir sind bequem geworden. Ich wüsste nicht, welche Krise in der Welt, sei es Flut, Krieg oder Krankheit, wir eigentlich wirksam mit der Berliner Republik, mit der Mentalität, die um elf Uhr früh aufsteht, bewältigt hätten.

Wir sind eine hedonistische, eine genusssüchtige Republik.

… eine konsumorientierte Republik, ja. Ob man sich das langfristig leisten kann in einer globalisierten Welt, das bezweifle ich ganz stark.

Dieses Virus hat alle anderen Themen verdrängt, am Ende sogar Trump und das Klimaproblem, die Flüchtlinge warten immer noch in Griechenland, die Kriege in Syrien und Jemen sind nicht beendet, scheinen aber in unserer Wahrnehmung kaum noch stattzufinden.

Es entstehen immer mehr Minengelände ohne Anweisung, wie man die Minen räumt. Das ist unsere Vergesslichkeit, ein Kennzeichen unseres Aktualitätsbegriffs. Schon in einer Woche kann die Frage, wie die Doktorarbeit einer Politikerin geschrieben ist, den Krieg in Äthiopien oder in Berg-Karabach aus dem Bewusstseins löschen. Das ist alles sehr kurzfristig. Und wenn ich auf Berg-Karabach und Baku gucke, lese ich verblüfft, wie dort ein Konflikt von 1994 einschlägt, der aber eigentlich 4000 Jahre alt ist, wieder mit blutigen Folgen. So sehe ich das mit einem Vergrößerungsglas im Moment.

Zu den Begleiterscheinungen dieses pandemischen Jahres gehören Risse in der Gesellschaft, die längst bestanden und nun deutlich geworden sind. Wie erklären Sie sich den Rechtsruck und Bewegungen wie die "Querdenker"?

Erklären kann ich es so leicht nicht, aber ich denke an das Jahr 1929. In der absoluten Frustration gehen Menschen eben nicht nach links, sie entscheiden sich nicht dafür, die Verhältnisse aktiv zu verändern, nicht für ihre Nicht-Ohnmacht. Sie verlieben sich gewissermaßen in die Ohnmacht und wählen autoritäre Führer. Und das können auch Führer unpersönlicher Art sein, das können auch Meinungswolken sein, die wie Alkohol die Menschen benebeln.

Das sind die Grenzen der Demokratie. Denn die Meinungsfreiheit lässt auch Freiheit für Demagogie.

Das war wohl so schon bei Sokrates, sonst wäre er nicht gestorben. Das ist eine falsche Klage. Wir kommen um Demokratie nicht herum, sie ist die freiheitlichere und die bessere Form fürs Gemeinwesen, egal ob wir sie lieben oder nicht. Aber was wir machen müssen und können ist, eine Öffentlichkeit bauen, in der diese Minengelände, diese Nebelfelder des Geistes, weniger werden.

Haben Sie das Gefühl, dass die Kultur in dieser Epidemie deutlich genug sichtbar ist?

Das habe ich durchaus, das kann ich im Netz auch sehen. Was ich nicht glaube, ist, dass unsere Kulturverwaltung irgendetwas taugt. Die bildet falsche Schwerpunkte, die ist nicht nur zögerlich, sie ist, wie beim Humboldt-Forum, auf Prestige bedacht. Die offizielle Kulturpolitik der Bundesrepublik ist zum Verrücktwerden. Und dennoch findet Kultur statt.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Na, ich rechne sogar damit, dass mit Hilfe der Impfungen die Öffentlichkeit wieder voll begehbar wird. Und was ich mir persönlich wünsche, ist Zusammenarbeit der verschiedenen Künste, die Musik, die Texte, die Bildenden Künste, die arbeiten zusammen an einem Gegen-Algorithmus. Ich sehe doch die Welt sonst voller Algorithmen und Werbung und Medien. Ich bin nicht gegen Medien, aber ich bin gegen verwaltete Medien.

Sie sind für eine Wunderkammer, sagen Sie.

AK: Die Wunderkammer ist eben nicht verwaltet, und eine Wunderkammer tragen wir in unseren Köpfen, in unseren Phantasien pausenlos mit uns. Menschen selber sind Wunderkammern.

Das Portrait über den Philosophen und Filmemacher Alexander Kluge gibt es im Bayerischen Feuilleton als Podcast. Inklusive der Stimmen seiner Weggefährten Ferdinand von Schirach, Helge Schneider, Edgar Reitz und Anselm Kiefer.