Überlebensnotwendig Gerhard Polt über die Wirtshauskultur

Die Wirtshäuser haben zu. Ein fataler Verlust, findet Gerhard Polt – nicht nur für die Geselligkeit. Sondern auch für die Demokratie. Eine melancholische Liebeserklärung

Von: Knut Cordsen

Stand: 02.02.2021 | Archiv

Der bayerische Humorist Gerhard Polt | Bild: picture alliance / dpa

Für den großen bayerischen Erzähler Oskar Maria Graf war es eine Auszeichnung: als "lustiger Wirtshauserzähler" zu gelten, "sonst nichts". In "Gelächter von außen" schrieb er: "'Man kennt sich oft gar nicht mehr aus, aber zuhören könnt man dir ewig', loben die Bauern einen flotten Wirtshausunterhalter, der ihnen Geschichten, Witze und Schnurren erzählt, und jeder geht erheitert und zufrieden nach Hause und behält bloß das, was ihm am meisten gefallen hat."

Institution der bayerischen Lebensart

Die bayerische Wirtshauskultur ist legendär, und gerade in Zeiten wie diesen, da die Seuche durchs Land zieht und der Stammtisch verwaist, merkt man, was einem fehlt – und was man an ihr hat. Gerade in diesen Tagen, da sich Diskussionen an den "digitalen Stammtisch" verlagern, die Hassrede sich ungehemmt Bahn bricht, weil man nur einem Computerbildschirm und keinem Menschen gegenüberhockt, erkennt man den Wert des Austauschs vis-à-vis.

Zeit, dieser Institution der bayerischen Lebensart ein Loblied zu singen. Keiner ist besser geeignet, ein solches exklusiv für den BR anzustimmen, als der 78-jährige Gerhard Polt, der 1979 seine Fernsehserie "Fast wia im richtigen Leben" gleich in der ersten Folge mit der Nummer "Im Wirtshaus" anheben ließ. Jürgen Roth zitiert den "bayerischen Hegel" Polt in seinem Buch "Das perfekte Wirtshaus" mit folgenden unabweisbaren Weisheiten: "Zeit ist Zeit / Ist Einheit für Gemütlichkeit", "Brot plus Zeit ist Brotzeit" sowie "Zeit mal Zeit ist Malzeit". Vielleicht braucht gerade unsere Zeit, die Zeit von Corona und Lockdown, von Stillstand und zugesperrten Wirtshäusern, eine Erinnerung daran, wie überlebensnotwendig die Wirtshauskultur ist.

Audio von Gerhard Polt

Das Wirtshaus – Spiegel des Lebens und dessen Bühne

Polt, der wortmächtige Künstler, preist das Wirtshaus als "Wärmestube" und "Konzerthaus" der vielfältigsten Stimmen gleichermaßen, kurz: als "Agora": "Ein Parlament ist das Wirtshaus natürlich auch immer gewesen – und ist es bis heute: Da wirbeln die Meinungen durcheinander wie Konfetti auf einem Faschingsball, der natürlich auch im Wirtshaussaal stattfindet, wie die Trauerfeiern." Das Wirtshaus – ein Spiegel des Lebens und dessen Bühne. Immer schon, so Polt, sei das Wirtshaus eine Heimstatt der Diversität gewesen: "Der ganzen Gesellschaft, Kind und Kegel, Deppen, Gaunern, Intellektuellen, Beamten, Rückkehrern aus der Kriegsgefangenschaft wie Rückkehrern von den Seychellen bietet es eine Heimat."

Es schwingt Sehnsucht mit in Gerhard Polts Worten: Zeitlang nach dem Besuch von Wirtshäusern, in denen Revolutionen geplant und Räusche ausgeschlafen wurden. Eine gute Informationsquelle waren sie seit jeher: "Ganz ohne Medien erfuhr man im Wirtshaus all das, was die Politik versucht hat zu verschweigen." Jeder Gastronom, der die Pandemie als existenzbedrohend erlebt, wird nur allzu gern vernehmen, was Polt im BR sagt: "Immer waren es die Wirtsleute, die ihr Ohr am Zeitgeschehen hatten: großartige Wirtspersönlichkeiten und Kellnerinnen fungierten als Entertainer mit Speis und Trank und Witz und Wort." Gut bairisch schließt Polt: "Und sollte es das Wirtspaar auch nicht mehr geben, ja, dann gibtʼs weder Gast noch Bier noch Wein. Dann sind wir zivilisatorisch auf die Gant gekommen." Soweit sind wir glücklicherweise noch nicht. Nie war diese melancholisch gefärbte Liebeserklärung ans Wirtshaus so nötig wie heute.

Der Beitrag stammt aus der Bayern 2 kulturWelt vom 3. Februar 2021. Den Podcast können Sie hier abonnieren.