GEMEINSAM LAUTER: Harry Klein, München "Alles spricht dafür, dass wir 2021 vergessen können"

Von: Max Büch, Tom Bauer

Stand: 27.11.2020 | Archiv

Für die Aktion GEMEINSAM LAUTER gehen wir auf Tour durch die brachliegende Clublandschaft in Bayern. Als Zeichen für die Clubkultur. Zwei DJ-Sessions, dazu Interviews mit den Beteiligten. Tourstart: Harry Klein mit Stefanie Raschke, Julian Wassermann und Proximal.

#SupportYourLocalLieblingsClub: Harry Klein mit Stephanie Raschke an den Decks | Bild: BR

Clubkultur on hold Der Harry Klein Club in München

"Mei, der erste Schock ist vorbei", sagt der "Hausmeister" des Clubs, Peter Süß, auf die Stimmung im Laden angesprochen. Zusammen mit Peter Fleming und seinem Bruder David Süß betreibt er den renommierten Münchner Club Harry Klein, der trotz Lockdown und geschlossener Türen aktiv geblieben ist und – so gut es eben geht – über Livestreams weiter Programm macht. Frustrierend sei es aber, keinerlei Perspektive zu haben und keine Informationen zu bekommen. "Wir wissen, dass wir die Letzten sein werden, die aufmachen, das ist uns voll und klar bewusst." Es gebe aber keinerlei Möglichkeit an Informationen zu kommen, geschweige denn, dass Gespräche geführt würden. "Auf was können wir uns einstellen?" Die Frage verhallt resonanzlos im politischen Raum.

Wirtschaftlich werde das Harry Klein mit den Finanzhilfen und Förderungen über die Runden kommen – Mitleid habe er aber vor allem mit Betrieben, die neu in der Branche sind: "Wir haben den Luxus, Rücklagen gebildet zu haben. Wir haben keine Kreditzahlungen mehr zu leisten. Es ist zwar immer noch furchtbar, wenn Rücklagen aufgebraucht werden, aber wenn man jetzt gerade investiert hat, ist das echt bitter."

DJ-Sessions Stefanie Raschke, Julian Wassermann, Proximal (VJ)

GEMEINSAM LAUTER Wir geben Bayerns Musikszene eine Stimme

Keine Konzerte, keine Festivals, geschlossene Clubs: Die Corona-Pandemie hat die Veranstaltungsbranche besonders hart getroffen. Unzählige Beschäftigte in der Musik- und Kulturszene kämpfen seit Monaten um ihre Existenz.

Um auf die schwierige Situation während der Corona-Krise aufmerksam zu machen und der heimischen Kultur- und Musikszene eine Bühne zu bieten, schließen sich
PULS, BAYERN 3, Bayern 2 und die BR KulturBühne zur gemeinsamen Support-Initiative “GEMEINSAM LAUTER” zusammen.

Alle zwei Wochen präsentieren wir neue Künstler*innen, Live-Clubs, Betreiber*innen und Initiativen aus ganz Bayern in den BR Programmen. Lasst uns #GemeinsamLauter sein, dass es ohne die Kulturschaffenden nicht still wird!

Nahaufnahme Wie geht's den Leuten hinter den Decks?

Marlene Neumann aka Proximal ist Resident im Harry Klein – also Teil der Stamm-Crew – und als VJ für die Videoprojektionen während der DJ-Sets verantwortlich. "Wir arbeiten ähnlich wie ein DJ. Das heißt, wir kommen mit einzelnen Videoschnipseln zu unserem Setup – man kann das auch Auflegen nennen – und mischen die dann passend zur Stimmung, zum Raum und zur Musik natürlich ineinander. Livebild-Collagen, das erklärt es ganz gut." Mit eigenen Resident VJs ist das Harry Klein eine Ausnahme in der deutschen Clublandschaft, kaum ein anderer Club legt einen solchen Fokus auf die Livebild-Projektionen – in anderen großen Clubs wird überwiegend mit Lichtinstallationen gearbeitet. Nur in Österreich gebe es noch eine gute Videoszene, dort werden sie "Visualisten" genannt, erläutert Neumann. 

Die vergangenen Monate sieht sie nicht nur negativ: Sie habe die Zeit viel genutzt, auch für Kunst. Aber natürlich sind auch ihr mit den Maßnahmen gegen die Pandemie unzählige Auftritte weggebrochen. "Arbeit habe ich gerade nicht so viel – wie alle Künstler, die vor allem live-performativ arbeiten." Aktuell verlagere sich ihr Tätigkeitsfeld mehr in den Bereich Videoproduktion und Grafik.

"Man muss kreativ bleiben"

Stefanie Raschke, Resident DJ im Harry, hat die Zeit dagegen genutzt, um mit einem Studienfreund ein Start-Up zu gründen. Man wisse ja nicht, wie es weitergeht und wie lange dieser Zustand noch andauert. "Irgendwann gehen die Ersparnisse auch zu Ende. Und ein Jahr ohne Einnahmen hat man natürlich nicht geplant, vor allem, wenn die Gigs schon alle fest zugesagt waren."

Ihr Kollege Julian Wassermann ist heilfroh, seinen anderen Job noch behalten zu haben. "Sonst wäre ich jetzt auch auf Hartz IV angewiesen." Er hatte sich noch Anfang des Jahres überlegt, sich voll und ganz auf das Auflegen und die Musik zu konzentrieren. Die Auszeit war für ihn trotzdem auch eine Chance, Neues zu starten. "Ich habe ganz viel Musik zu Hause gemacht in den letzten Monaten – so viel wie noch nie. Es ist auch mal schön, dass man zuhause ist und nicht immer nur am Verreisen bzw. Touren."

Bei aller Not ist es schon erstaunlich, wie pragmatisch und auch positiv alle Beteiligten hier mit dieser Ausnahmesituation umgehen, die ihre Branche mit am härtesten trifft. "Man muss kreativ bleiben", ist Marlene Neumann überzeugt und hängt gedanklich schon in 2021. "Es wird ein spannendes Jahr. Ich denke, wenn man sich der Lage anpasst, dann schafft man das schon. Natürlich wird sich das nicht alles in diesem klassischen Live-Club und Festival-Betrieb abspielen. Mehr in Richtung Ausstellungen und oder auch individuelle Videogestaltung für Künstler."

DJ-Setlisten Die Tracks der beiden Sets

Julian Wassermann

  1. Beneath The Surface - Julian Wassermann
  2. Karman Line  - Julian Wassermann
  3. Evolver  - Julian Wassermann
  4. Maverick  - Julian Wassermann
  5. Last Call - MODEM
  6. Burried Lakes -  Fur Coat, Julian Wassermann
  7. Cloudy Nights -  Fur Coat, Julian Wassermann
  8. Desert Ground  -  Fur Coat, Julian Wassermann
  9. Doppler - Julian Wassermann
  10. Night Rider - Julian Wassermann, Artche
  11. Portal - Julian Wassermann
  12. Marginal - MODEM

Stefanie Raschke

  1. Umatic Child (Framewerk's Umatic Chill Remix) - Roni Iron
  2. Alright (Original Mix) - Framewerk
  3. Amnesia (Original Mix) - Ezequiel Arias
  4. Are We HereA (Original Mix) - udiojack
  5. E Ke Keq Aty (Monastetiq Remix) - Motel Sazani
  6. Voyage (Space Motion Remix) - Mode Apart
  7. Transter (Original Mix) - Whoriskey
  8. Behind the fog (Original Mix) -  Rafael Cerato/Eleonora
  9. Endless Memory (Nick Devon Remix) - EarthLife
  10. Amethyst (Original Mix) - Stefanie Raschke
  11. Zion (Original Mix) - Simon Doty

Blick in die Zukunft Wie geht's weiter?

Das Harry Klein hat schon sehr frühzeitig auf ein eigenes Programm mit Livestreams gesetzt, um nicht vom Radar der Leute zu verschwinden. Dadurch hat man auch wieder mehr mit dem lokalen Nachwuchs in Kontakt treten können, was während des regulären Betriebs nicht so einfach ist. Aber das kommende Jahr sehen die Betreiber noch weniger optimistisch als Neumann. "Alles spricht dafür, dass wir 2021 vergessen können" – die Zukunftsaussichten für Clubbetreiber wie Peter Süß waren schon mal bunter als nach diesem eintönigen Jahr.

Und wenn es doch zur Öffnung kommt, bleibt die Frage, ob der Betrieb überhaupt wirtschaftlich arbeiten kann. Nur eines ist jetzt schon klar: "Wir wollen nicht die Schiene mit teureren Eintrittspreisen fahren. Es ist ja jetzt schon so: Kultur oder Ausgehen, sowas muss man sich leisten können. Da dann mal den Eintrittspreis zu verdoppeln ist keine Lösung für uns." Er hält kurz inne, äußert dann doch den Wunsch, den wohl alle Gastronomen in ihrem Herzen hegen: "Wir wollen eigentlich wieder so aufmachen, wie es davor war."

Hier könnt Ihr das Harry Klein in München unterstützen.

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