Nominiert für den Bayerischen Buchpreis Max Czollek erklärt Max Czollek

Welche Rolle spielt völkisches Denken im Rahmen der Konkurrenz der Opfer? Welche Denkstrukturen wappnen uns gegen rechts? Publizist Max Czollek erklärt, wie "Gegenwartsbewältigung" funktionieren könnte. Sein gleichnamiges Buch ist für den Bayerischen Buchpreis nominiert.

Von: Max Czollek/ Martina Boette Sonner

Stand: 11.11.2020 10:00 Uhr | Archiv

Max Czollek über "Gegenwartsbewältigung". Das Buch ist für den Bayerischen Buchpreis 2020 nominiert | Bild: Konstantin Boerner

Heimat und deutsche Leitkultur sind für ihn reine Phantasma, Max Czollek setzt auf eine "jüdisch-muslimische Leitkultur". Seit seiner Buch gewordenen Parole "Desintegriert Euch" gilt der Lyriker und Publizist als unermüdlicher Kämpfer für Diversität. Sein neues Buch "Gegenwartsbewältigung" wartet auch wieder mit starken Thesen auf: zum völkischem Denken, zur Realität der Diskriminierung des Ostens und zum Minderheitenschutz in der Corona-Krise. Martina Boette-Sonner hat Max Czollek mit den provozierendsten Passagen aus seinem für den Bayerischen Buchpreis nominierten Buch konfrontiert – und Max Czollek steht Rede und Antwort.

Wer hier dazugehören will, der muss eben nicht nur das Grundgesetz und die Straßenverkehrsordnung auf einem Bein stehend und mit dem Finger auf der Nasenspitze aufsagen können, sondern gefälligst auch den über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Geist der Gesellschaft inhaliert haben. Auch bekannt als deutsche Kultur. ("Gegenwartsbewältigung" S.18)

Max Czollek: "Ja, das ist Teil meiner Polemik gegen die Vorstellung einer deutschen Leitkultur, also die Vorstellung, dass es ein dominantes Zentrum, eine sozusagen dominante Orientierungslinie geben muss, an der sich alle zu orientieren haben, damit eine Gesellschaft funktioniert. Mein Argument bei 'Gegenwartsbewältigung' wie auch bei 'Desintegriert euch' ist, dass es diese Art von Leitlinie a) nicht braucht und b) die Gesellschaft schon heute ganz anders funktioniert, als dass man sie mit einer Leitkultur organisieren könnte.“

Wer sich gegenwärtig statt mit der realen Bedrohung von rechts lieber mit dem vermeintlichen Mangel gesellschaftlichen Zusammenhalts und großer Erzählungen beschäftigt, der tut so, als gäbe es nicht schon ein Fundament, auf dem das postnationalsozialistische Deutschland errichtet worden ist. Nein, es fehlt keine große Erzählung. Es fehlt die Kritik der gefährlichen politischen Denktraditionen, gegen die der Staat, in dem wir leben, gegründet wurde. Und diese Kritik heißt Antifaschismus.(S. 30)

"Ja, dieser Satz ist mir nochmal klarer geworden in der Auseinandersetzung mit Menschen, die früher ganz besonders links gewesen sind – man könnte sie als Altachtundsechziger bezeichnen – insbesondere aus Westdeutschland, die aus irgendeinem Grund irgendwann entschieden haben, dass sie selber nicht mehr links, sondern von jetzt ab liberal sein wollen. Und die mit dieser Entscheidung auch angefangen haben, sich auf die Suche zu begeben nach einer anderen Erzählung. Sodass diese merkwürdig verrenkte gegenwärtige Suche nach so etwas wie einem großen deutschen Narrativ entsteht, was eine Leerstelle behauptet, in die dann sowas wie Heimat als Erzählung hinein geht oder auch Leitkultur.

Dagegen möchte ich nochmal unterstreichen, dass sowohl die BRD wie auch die DDR gegen den Nationalsozialismus gegründet worden ist und dass diese Gesellschaften auch eigentlich nur eine Existenzberechtigung haben, wenn sie weiterhin antifaschistisch bleiben. Und Antifaschismus bedeutet in diesem Fall eben nicht nur nicht Nazi zu sein, sondern sich darüber hinaus auch auseinanderzusetzen, auf welche Weise bestimmte politische Denktraditionen bis heute aktuell sind, die der pluralen Demokratie das Wasser abgraben und so etwas wie die AfD und neovölkisches Denken und Handeln möglich machen."

Der Plan für dieses Buch lautete ursprünglich: Mich vom Phantasma der Heimat und Leitkultur zum Irrsinn des deutschen Volksbegriffs vorzuarbeiten, auf dem Weg die symbolischen Juden und Muslime aus ihren Vitrinen zu befreien und ein paar Gedanken zu entwickeln, wie man die AfD unmöglich machen kann. Eigentlich ganz easy und strukturiert, was mein Verlag auch gedacht haben wird. (S. 105)

"Das ist ungefähr auf der Hälfte des Buches, das ist eine Art Zwischenfazit, wo ich einerseits reflektiere, dass mir ins Endlektorat die Corona-Krise volle Kanne reingegrätscht ist und klar war: Ich kann kein Buch mit dem Titel 'Gegenwartsbewältigung' im Herbst oder Spätsommer veröffentlichen, wenn ich darin nicht auch auf diese Situation eingehe. Und wo ich gleichzeitig nochmal ein paar Thesen wie Bausteine zusammen ziehe -  z.B. die symbolischen Juden, die symbolischen Muslime - und nochmal darüber nachdenke, wie funktioniert eigentlich die Funktionalisierung von Minderheiten in der deutschen Gegenwart zur Erzeugung eines deutschen Selbstbildes? Und auf welche Weise – und das scheint mir die zentrale Frage der 'Gegenwartsbewältigung' zu sein –, ist unser eigenes Denken so eingerichtet gewesen, dass es so etwas wie die AfD nicht verhindern konnte. Und das ist total zentral für dieses Buch, weil ich glaube, wir reden viel zu viel über die AfD und diese neovölkischen Gedanken als etwas Fremdes, vor dem wir erschrecken, mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Und weil wir es nicht wollen, auch nichts damit zu tun haben. Und dagegen würde ich sagen. Na gut, der Wille ist klar in einer postnationalensozialistischen Gesellschaft. Niemand ist mehr Nazi und niemand will mehr Nazi sein. Aber damit ist die Frage nach der Kontinuität noch lange nicht geklärt. Vielleicht haben wir es uns mit unserem Wünschen und Sehnen danach, dass die Dinge besser werden mögen, zu leicht gemacht."

Niemand wird behaupten können, die Maßnahmen zu Corona seien eingerichtet und von uns allen eingehalten worden, um Migrant*innen zu schützen. Wäre es anders, hätten Staat und Gesellschaft ja bereits mit vergleichbar massiven Anstrengungen auf den NSU, auf Chemnitz, Halle und Hanau reagieren können. Haben sie aber nicht. (107)

"Genau das ist eine der zentralen Einsichten, die ich aus der Corona-Situation gezogen habe, dass man doch an den Corona-Beschränkungen, die gesamtgesellschaftlich in einer Drastik stattgefunden haben, wie man sie davor eigentlich kaum für möglich gehalten hätte, verschiedene Dinge ablesen kann. Und eine, die ich für zentral halte, ist, dass es in den Jahren davor nicht an den Mitteln gemangelt hat, sondern am politischen Willen. Und dass man fragen muss, für wen eigentlich in Deutschland diese Art von Anstrengungen unternommen werden? Und wenn wir uns anschauen, welche anderen Bedrohungslagen in der Gesellschaft gegenwärtig existieren – und das letzte Jahr war ja nicht nur das Jahr des Virus, sondern auch das Jahr des Angriffes von Hanau und Halle – , dann sehen wir, dass die gesellschaftlichen Anstrengungen sehr stark davon abhängen, wer in den Raum der eigenen Solidarität und damit in den Raum des schützenswerten Subjektes, wenn man so will, gezählt wird. Und da ist die Corona-Krise eben auch ein Punkt der Ernüchterung, weil sie nochmal klarmacht, dass die Gesellschaft sehr, sehr unterschiedlich Schutz einlöst und Schutz verspricht. Je nachdem, wie sehr die Angegriffenen dazugehören und dazugezählt werden oder eben nicht."

Welches Potenzial bergen neovölkische und menschenfeindliche Modelle für eine Bewältigung der ostdeutschen Problemkonstellation? In Demokratien kommt dem Staatsvolk die Funktion des Souveräns zu, dieses wählt sich seine Repräsentant*innen, die für einen begrenzten Zeitraum weisungsgebunden Entscheidungen fällen dürfen. In diesem Sinne skandierten die Demonstrant*innen bei den ersten großen Montagsdemonstrationen 1989 „Wir sind das Volk“ - und brachten damit gegenüber der SED-Führung ihren Anspruch zum Ausdruck, der Souverän zu sein, der über seine eigenen Repräsentant*innen entscheidet. (134)

"Ja, diese Passage steht im Kontext der Diskussion, auf welche Weise der Antifaschismus als Erzählung der DDR-Führung eigentlich nicht angekommen ist auf Bevölkerungsebene. Und diese Frage ist total wichtig, weil man, glaube ich, das Scheitern des Antifaschismus der DDR nur wirklich ermessen kann, wenn man ihn ernst nimmt. Also nur, wenn man versteht, dass die politische Führung und die sozusagen kulturellen Äußerungen und Praxen in der DDR tatsächlich aus Überzeugung antifaschistisch gewesen sind, versteht man auch, auf welche Weise die 90er-Jahre mit der Rückkehr rechter Gewalt und rechten Denkens in den Bundesländern der ehemaligen DDR ein echter Zusammenbruch und auch eine echte Krise bedeutet haben.

Und gleichzeitig muss man, glaube ich, danach fragen', welche Funktion dieses völkische Denken eigentlich spielt in der ehemaligen DDR. Und ich glaube – das ist eine Sache, die mir sehr wichtig ist auch in 'Gegenwartsbewältigung' nochmal nachzuvollziehen –, dass das völkische Denken im Rahmen einer Konkurrenz der Opfer ( also einer Realität, in der ganz viele Minderheiten in Deutschland diskriminiert werden ) eine Art Hierarchie einzieht und sagt: Im Rahmen einer nationalistischen und ethnozentristischen Erzählung, wie es die AfD bereitstellt, kann man als ostdeutscher Mensch sagen: Erst wir, weil wir sind Deutsche und dann die anderen. Das ist eine der wichtigen Leistungen, sagen wir mal, des völkischen Denkens. Und da zeigt sich in einem Zerrspiegel nochmal, auf welche Weise eine Diskriminierung Ost eigentlich Realität ist und diese Art von Bedürfnis erzeugt."

Es genügt nicht mehr, Zäune und Sicherheitskameras aufzustellen, damit sich Ereignisse wie die von Halle oder Hanau nicht wiederholen. Es bedarf nicht nur größerer gesellschaftlicher Sicherheit - sondern einer anderen Gesellschaft. (138)

"Ja, ich glaube, das ist eine fast schon geschichtsphilosophische Betrachtung aus 'Gegenwartsbewältigung', dass man sich nach 1945 – insbesondere aus einer jüdischen Perspektive, aus der ich gucke, aber ich glaube, auch insgesamt – die Frage stellen muss, ob es genügt, von jetzt ab die Juden besser zu schützen, und dann passiert das nicht noch einmal. Oder ob man nicht viel grundlegender danach fragen muss, auf welchen Strukturen und auf welchen Denktraditionen so was wie der Nationalsozialismus basiert und sowas wie die Vernichtungspraxis des Nationalsozialismus möglich wird. Und daraus ergibt sich diese Zuspitzung zu sagen: Wir brauchen nicht mehr Sicherheitskameras, wir brauchen eine andere Gesellschaft. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der man nicht mehr darüber nachdenkt, dass es eine dominante Position gibt, an der sich alle anderen orientieren müssen. Eine, die strukturell den Verdacht formuliert, dass das Viertel der deutschen Gesellschaft, die einen Migrationshintergrund haben, sozusagen sich erst integrieren müssen, um demokratisch zu sein. Ich glaube, dass tatsächlich das Durchdenken der Strukturen, die das zwanzigste Jahrhundert möglich gemacht haben, eine sinnvolle und notwendige Reaktion auf die Vernichtung sein muss. Und das glaube ich ist glaube ich einer der Motoren, die die Kritik und die Polemik und die Wut antreibt, aus der meine politischen Essays entstehen."

Max Czollek. Gegenwartsbewältigung. Carl Hanser Verlag

Max Czollek über "Gegenwartsbewältigung" können Sie ab 15.11. im Diwan nachhören.