Jahrestag der Befreiung Flossenbürg "KZ-Gedenkstätten sind Seismographen für gesellschaftliche Zustände"

Ohne echte Begegnungen mit Zeitzeugen werden Gedenkakte zu "Surrogaten im virtuellen Raum", bedauert KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit. Ein Gespräch über die komplizierte Erinnerungsarbeit in der Pandemie und ihre Chancen.

Von: Andrea Mühlberger

Stand: 14.04.2021 | Archiv

Begrüssungsbanner vor der Kommandantur Flossenbürg, April 1945 | Bild: National Archives Washington D.C.

"Wer sich nicht mehr daran erinnert, was geschehen ist, vergisst auch, was geschehen kann." Mahnende Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April. Auch an anderen Orten wird in diesen Tagen an das Ende des Nazi-Terrors erinnert: Das frühere Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz wurde am 23. April 1945 durch US-Truppen befreit. Wie im vergangenen Jahr kann die Gedenkveranstaltung wegen der Pandemie nicht wie sonst stattfinden; mit einem Treffen von Zeitzeugen am Ort ihrer unvergesslichen Qualen. Die wenigen Überlebenden müssen den symbolischen Gedenkakt live im Internet verfolgen. Erinnerungsarbeit im Zeichen von Corona. Andrea Mühlberger hat darüber mit dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit gesprochen.

Andrea Mühlberger: Was bedeutet es denn, Herr Skriebeleit, wenn diese Veranstaltungen ins Netz wandern und die Zeitzeugen als wichtigste Teilnehmer fehlen?

"Wir dürfen im digitalen Raum keinen Fehler machen!", mahnt der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit

Jörg Skriebeleit: Das bedeutet, dass ein ganz wesentlicher Bestandteil der Gedenkfeiern vor Ort nicht stattfinden kann. Und jenseits der Gedenkreden und des jährlichen Rituals fehlen vor allem dieser Begegnungscharakter, die Spontanität, die Unmittelbarkeit – nicht nur durch die Konfrontation mit dem Ort, an dem man wieder ist, sondern auch mit denen, die einen begleiten, die man trifft, die einem zuhören. Das findet alles nicht statt und deswegen ist es tatsächlich nur ein Surrogat im digitalen Raum.  

Kaum noch echte Begegnungen. Das erleben wir in der Pandemie schon seit gut einem Jahr. In Flossenbürg wird der Gedenkakt erneut gestreamt; mit wenigen Teilnehmern vor Ort. Dazu gibt es Videoclips auf Instagram und Facebook. Wird Gedenken dadurch nicht ein bisschen banal – oder ist das seine zeitgemäße Form?

Das ist wirklich eine sehr gute Frage! Wir dürfen im digitalen Raum nicht die Fehler machen, die wir im analogen Raum schon kritisch analysiert haben. Das heißt ganz konkret: Wir wollen die Menschen – und ich spreche jetzt nicht von ehemaligen Häftlingen und Angehörigen, sondern von Schülerinnen und Schülern, von Besucherinnen, Besuchern – nicht überwältigen. Wir wollen sie nicht überemotionalisieren, denn das sind diese Orte ja per se schon. Und da haben wir in Flossenbürg viel gelernt. Bei Filmclips reicht es nicht, historische Aufnahmen zu nehmen oder Zeichnungen von einem guten Karikaturisten. Wir müssen sehr aufpassen, nicht billige Stereotype zu bedienen. Nach 76 Jahren weiß jeder, was er von Erinnerungsarbeit erwartet. Wir wollen die Leute erst mal überraschen und zum Gespräch mit uns und anderen anregen.

Die verschiedenen Dimensionen und Facetten des Weiterlebens stehen beim diesjährigen Gedenktag im Fokus.

Zum Beispiel?

Den diesjährigen Befreiungstag haben wir unter den Begriff des "Weiterlebens" gestellt und dazu sieben Filmclips mit biografischen Beispielen produziert, um das Weiterleben in seinen menschlichen, psychischen, gesellschaftlichen und politischen Dimensionen aufzufächern, wie "Scham" oder "Neuanfang". Das sind nicht nur Zeitzeugeninterviews, sondern animierte Mini-Clips, die einen zum Nachdenken bringen sollen, indem sie nicht das Erwartbare reproduzieren, sondern erstmal irritieren.

Sie betonen immer wieder, das Erinnern mit Zeitzeugen sei eine Phase, die zu Ende gehe – seit dem Herbst gibt es dazu auch eine eigene Ausstellung zum "Ende der Zeitzeugenschaft". Wie sieht die nächste Phase aus? Ist der Lockdown nicht schon eine Art Probe aufs Exempel, wenn Begegnungen zwischen Schulklassen und Zeitzeugen vor Ort nicht mehr stattfinden können?

Überall in Flossenbürg lauerte der Tod - auch beim Essensappell

Diese Frage beschäftigt uns schon sehr lange. Und der im letzten Jahr ausgefallene 75. Jahrestag der Befreiung ist nicht wiederholbar: zwölf Personen, die letztes Jahr sicher gekommen wären, sind heute nicht mehr am Leben. Natürlich wird die Unmittelbarkeit der Zeitzeugen, die in den Konzentrationslagern inhaftiert waren und ihnen entronnen sind, enden. Aber in den Geschichten ihrer Söhne, Töchter und Enkelkinder ist noch einiges von dieser Unmittelbarkeit vorhanden. Und es ist eine Unmittelbarkeit, die einen mindestens genauso anfasst, denn sie zeigt, wie tief die Entwürdigung von Menschen durch die NS-Schergen und durch die SS-Aufseher war. Damit kann man gut arbeiten, das ist eine von mehreren Richtungen.  

In welche Richtungen gehen Sie noch?

Ein ganz wesentlicher Punkt sind natürlich die historischen, authentischen Orte. Ich will da keine Plattitüde verwenden und sagen, alle bayerischen Schülerinnen und Schüler müssen eine KZ-Gedenkstätte besucht haben. Aber wir merken tatsächlich in der praktischen Arbeit vor Ort, dass die Begegnung mit diesen schwierigen Orten in vielen etwas auslöst. So ein Besuch, wenn er gut gemacht ist, entwickelt oft eine Nachhaltigkeit, die manchmal erst Jahrzehnte später spürbar ist. Und in dieser Trias aus Angehörigen, Begegnungen mit historischen Relikten und professioneller Arbeit sehe ich mehr Chancen als in der Trauer darüber, dass die Zeitzeugen nicht mehr da sind. Es ist ein biologischer Prozess. Wir müssen uns damit konfrontieren und als professionelle Einrichtungen die Relevanz des Themas immer wieder zurück in den gesellschaftlichen Raum spielen.

Sie erwähnen die Bedeutung des historischen Ortes für die Erinnerungsarbeit: Welche Folgen hat es, wenn wie jetzt im Lockdown der Ort wegbricht, Ausstellungen und Gedenkstätten geschlossen sind?

Komplizierte Gedenkstätte: Ein Großteil des ehemaligen Lagers Flossenbürg ist heute öffentlicher Raum.

Flossenbürg ist ja ein komplizierter Ort. Ein Großteil des ehemaligen KZs ist heute ein öffentlicher Raum, Bestandteil der Gemeinde Flossenbürg, keine abgegrenzte Liegenschaft wie Dachau. Unsere Ausstellungen sind gerade selbstverständlich zu, aber der öffentliche Raum des Lagers mit den Informationstafeln ist begehbar. Das ist unter Corona-Bedingungen kein hygienisches Problem. Tatsächlich haben wir gerade gar nicht so geringe Besucherzahlen. Wir merken auch, dass viele Familien kommen, und die Kommunikation von Eltern zu Kindern zu diesem Thema ist eine andere als in der Schule. Aber das muss man auch ganz deutlich sagen: Es sind Elternhäuser, in denen das Thema eine hohe Bedeutung hat.

Und es gibt ja für kaum ein Verbrechen der Weltgeschichte so viele Beweise wie für den Holocaust. Trotzdem hat man den Eindruck, sind in den Social-Media-Kanälen viele Leugner unterwegs und mehr Fake-News denn je - die Ideen der Nazis sind offenbar nicht totzukriegen, doch die Zeitzeugen sind fast alle gestorben. Wie halten Sie dagegen?

Ich glaube nicht, dass die Anzahl der Leugner zugenommen hat, aber sicherlich der Anteil der Relativierer. Ihnen müssen wir mit klugen Methoden entgegentreten, auch über unsere sozialen Medien. Laut Studien genießen KZ-Gedenkstätten eine extrem hohe Glaubwürdigkeit, weil sie mit all ihrer Kompetenz differenziert, aber nachhaltig zu diesen Verbrechen ermitteln. Mit dieser Glaubwürdigkeit müssen wir auch in die sozialen Kanäle gehen und dort intervenieren. Wir müssen politischer werden!

Hat Gedenken in Zeiten von Corona eine andere Qualität bekommen?

Das Gelände von Flossenbürg mit seinen Infotafeln kann als Teil des öffentlichen Raums auch im Lockdown besichtigt werden.

Wir haben schon weit vor der Pandemie bemerkt, das andere gesellschaftliche Zustände breit diskutiert worden sind, nicht erst 2015 durch die Flüchtlinge, die nach Deutschland und nach Europa gekommen sind. Und wir merken, dass gesellschaftlich unsichere Zustände immer unsere Besucherzahlen erhöhen. Das klingt zunächst verwirrend, hängt aber damit zusammen, dass Leute an solchen Orten Fragen geschärft haben wollen, die sie umtreiben. KZ-Gedenkstätten stehen symbolisch für die größten Menschheitsverbrechen. Und auf der Basis dieser größten Menschheitsverbrechen, dieser negativsten aller Geschichten, versuchen Leute ihr demokratisches Instrumentarium, ihre moralischen Kontexte und den politischen Konsens zu schärfen. Ich sage immer wieder: KZ-Gedenkstätten sind Seismographen für gesellschaftliche Zustände. Das merken wir auch jetzt während der Pandemie. Die E-Mails sind zu einer Flut angschwollen…

Und worum geht es in den Mails?

Die Leute wollen sich versichern. Sie haben Zeit, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu befassen. Wir haben eine Menge Nachlässe bekommen, Bilder, auch von Tätern. Die Leute haben Zeit und setzen sich tatsächlich ans Familien-Archiv, an Überlieferungen, an Familiengeschichten. Sie haben Zeit, sich daheim viele Fragen zu stellen. Und sie erwarten Antworten. Manchmal kommt man sich vor wie bei der Telefonseelsorge oder psychologischen Sprechstunde. Das ist eigentlich gar nicht unser Auftrag. Aber wir merken, unsere Aufgabenspektrum hat sich eher erweitert.

Der Gedenkakt zum 76. Jahrestag der Befreiung von Flossenbürg mit Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit, CSU-Ministerin Kerstin Schreyer und Stiftungsdirektor Karl Freller findet am 25. April statt und wird live gestreamt. Das Gespräch mit Jörg Skriebeleit hören Sie in der Sendung KulturLeben auf Bayern2 am 15.4.