Der Erfinder Bayerns: Ludwig Ganghofer Wie viel Heimat-Kitsch vertragen wir noch?

Gebirgsromantik, Heimatsehnsucht, Herz und Schmerz: Ludwig Ganghofer war mit seinen Heimatromanen einer der auflagenstärksten Schriftsteller*innen seiner Zeit. Der 24. Juli ist sein 100. Todestag. Welche Sehnsüchte stillt sein Werk heute noch?

Stand: 20.07.2020

Idyllisch und friedlich steht diese typische Berghütte auf einer Alm oberhalb von Wagrain im Salzburger Land (Österreich). | Bild: picture alliance

Ludwig Ganghofer, quasi der Erfinder des Heimatromans, verfasste im Akkord wildromantische Liebesdramen vor imposanter Alpenkulisse. Das war ein paar Jahrzehnte aus der Mode. Jetzt aber "ganghofert" es aus vielen Wohnzimmern. Der lange verpönte Begriff Heimat ist wieder in Mode – auch im Film und in der Literatur. Einige frische und abgeklärte BR-Produktionen gehen dieser Entwicklung zum 100. Todestag des Autors nach.    

Literatur oder Kitsch? Die Akte Ganghofer 

Ludwig Ganghofer hat keinen guten Ruf in der Literaturgeschichte. Schwarzweiß-Malerei und Heimat-Kitsch – diesen Vorwurf musste sich der 1855 in Kaufbeuren geborene Schriftsteller schon zu Lebzeiten gefallen lassen. Beißend war der Spott, mit dem Karl Kraus den Lieblingsdichter des Kaisers und dessen Nähe zum wilhelminischen Deutschland überzog. Vergessen wird darüber oft die liberale Seite des Homme de Lettres, der auch in literarischen Zirkeln geschätzt wurde. 

In einem "Bayerischen Feuilleton" fragt Autor Thomas Grasberger, ob man seine Romane heute allen Ernstes noch lesen kann. Wo doch unser eigener Heimatkitsch zwischen Bergdoktor und Regionalkrimi inzwischen kräftig Ausgestaltung erfährt? Eine Recherche nach dem bayerischen "Heimaterfinder" und seinen "Nachfolgern". 

Und immer wieder Heimat 

Was verrät die neue, alte Sehnsucht nach Heimat über uns? Mit welchen Erzählstrategien arbeiten die Wiedergänger*innen Ganghofers heute? Die Filmemacherin Julia Benkert widmet sich in ihrer aktuellen Fernsehdokumentation "Ganghofer und seine Erben" philosophisch und humorvoll dem Heimatgenre aus heutiger Sicht und findet überraschende Verbindungen. 

Ludwig Ganghofers "Waldrausch", ein wildromantische Liebesdramen vor der obligatorischen Alpenkulisse zieht sich leitmotivisch durch die Dokumentation. Es ist die Geschichte einer Jahrhundert-Waldblüte, die ein ganzes Dorf in Liebestaumel und Raserei versetzt. Der Rausch unserer Tage hingegen bewegt sich zwischen Blätterwald und Alkohol. 

Akustische Sehnsuchtswelten 

Ob als Lesung oder Hörspiel: Ganghofers Kulissen bergen auch akustisches Potenzial. In "Der Jäger von Fall", einer BR-Hörspielproduktion aus dem Jahr 1954, entspinnt sich ein Heimatdrama in den Lenggrieser Alpen. In der Geschichte um die verarmte Sennerin Modei, den Wilderer Blasi und den Jäger Friedl sind Volksschauspieler wie Hans Baur, Adele Hoffmann oder Fritz Straßer zu hören.

Letzterer liest außerdem äußerst beredt "Das Schweigen im Walde". Eine Lesung des Erfolgsromans aus dem Archiv des BR von 1954.