Herzlichen Glückwunsch, Oida! Friedrich Ani gratuliert Bayern 2 zum Siebzigsten

"Bayerischer Rumpfung". So wurde der BR genannt, wenn Friedrich Ani früher im Atzinger mit Freunden diskutierte. Was die Wortschöpfung bedeutet und was Bayern 2 für Ani bedeutet – das erzählt der Krimiautor hier im schönsten Ani-Schwung.

Von: Friedrich Ani

Stand: 18.08.2020 | Archiv

Bunte Geburtstagskerzen in Form der Zahl 70 auf weißem Hintergrund | Bild: picture alliance / PantherMedia

Er ist einer von Deutschlands größten Krimiautoren – und hat als junger Journalist und Autor auch gern für das Radio geschrieben: Friedrich Ani. Hier erzählt er von seiner Liebe zu Bayern 2 – das ihn geprägt und auch ein wenig gefördert hat.

Mann, das darf nicht wahr sein: Ich bin in dem Jahrzehnt geboren, als Bayern 2 gegründet wurde. Ein paar Jahre liegen noch dazwischen, Gott sei Dank, aber so viele sind es auch nicht, dass ich hier als Junghörer und Nachwuchsgratulant durchgehen könnte.

Wild und wundervoll: BR-Urgesteine Klaus Kastan, Mercedes Riederer und Christoph Lindenmeyer

Bayern 2 – das waren für mich zuerst Zündfunk und später ähnliche Sendungen, deren Titel ich nicht mehr weiß. Ich will das auch nicht googeln, das macht mich ja noch älter. Auf Bayern 2 durfte ich meine ersten eigenen Texte vorstellen, bei Christoph Lindenmeyer und Herbert Kapfer und wie sie alle hießen, diese Redakteure, die so ganz anders waren, wie unsereins sich damals einen Angestellten des Bayerischen Rundfunks vorgestellt hat. Der Bayerische Rundfunk in den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern – schwierig, politisch jetzt. Man hatte seine Vorurteile, nicht nur nachts um elf im Atzinger in Schwabing, wenn wir die Weltpolitik diskutierten, von Strauß bis Idi Amin, von Kohl bis Thatcher. Und mittendrin der BR, der nicht Bayerischer Rundfunk hieß, sondern Bayerischer Rumpfung. Ein Rumpf mit einem ung: von Mein-ung. Da Bayerische Rumpfung und de Bayerische Staatskanzlei, da passte doch kein Bladl vom Bayernkurier dazwischen. Oder?

Walk On The Wild Side

Aber was hat das alles mit Bayern 2 zu tun? Nichts, scheint mir heute, und damals erst recht nicht. Ich glaube, es gab in jener Zeit Leute, die haben den Sender heimlich gehört. Weil sie befürchteten, jemand könnte sie sonst eventuell für CSU-nah halten. Selber schuld, wer vom Fernsehen auf andere Medien schließt. Gilt heute genauso. Auf Bayern 2 habe ich zum ersten Mal einen Song gehört, der hieß "Walk On The Wild Side". Irgendwann in den frühen Siebzigern. Auf Bayern 2. Walk On The Wild Side. Lou Reed. Unfassbar. Wahrscheinlich hat ihn eines dieser Urgesteine gespielt.

Ganz Bayern2 ist mittlerweile voller Urgesteine. Das kommt davon, wenn man siebzig wird und kein bisschen leise. Ohne diesen Sender wären ganze Generationen musikalisch vollkommen verblödet, alles, man von aktueller Popmusik wissen und hören musste, wussten die Redakteurinnen und Redakteure immer schon lange vor uns. Und ein Master Mind der ersten Stunde wie Judith Schnaubelt ist immer noch on air, nein, nicht seit siebzig Jahren, aber doch schon so lange, dass man manchmal den Eindruck hat, die Musikabteilung von Bayern 2 wurde irgendwann um diese Stimme herum konstruiert, damit auch ja niemand weghört, wenn’s drauf ankommt.

Das Wort war bei Bayern 2!

Erzählt gern, hört aber auch sehr gern zu: Friedrich Ani

Überhaupt die Kultur. All die Hörspiele, Features, Feuilletons, Journale. Das Kulturjournal! Jeden Sonntag, 18:05 Uhr. Wer das nicht hörte, war entweder taub oder lebte als kultureller Maulwurf unter der Grasnarbe des aktuellen Geschehens. Gespräche mit Schriftstellern, wie man sie bisher nicht kannte, ausführlich, intensiv, voller Neugier und gegenseitigem Respekt. Ein Mann wie Peter Hamm, der leider nicht mehr lebt, definierte die Rolle des Kulturredakteurs komplett neu, indem er, während er Radiosendungen der Kollegen verantwortete, gleichzeitig fürs Fernsehen Filme über Dichter drehte, Fernando Pessoa zum Beispiel oder Robert Walser oder – unaufhörlich – Peter Handke, den späteren Literaturnobelpreisträger.

Am Anfang aber war das Wort, und das Wort war bei Bayern 2. Schwer vorstellbar eigentlich, dass dieser Sender erst siebzig wird. Meiner Empfindung nach berichtete er bereits live über die Einweihung der Bibliothek in Alexandria und die einzige öffentliche Lesung von Homer bei einem Athener Blindenverein vor einer Handvoll ratloser Zuhörerinnen. Natürlich ist Bayern2 nicht nur in kultureller Hinsicht stilbildend gewesen, sondern auch, was die Aufbereitung politischer Nachrichten und des Zeitgeschehens im Allgemeinen betrifft.

Abgesehen davon ist das Radio für mich eh seit jeher das Königsmedium, deswegen jetzt Schluss mit reden, ich muss weiter zuhören. Herzlichen Glückwunsch, Oida!