"Saukrippi, varreckta" Anleitung zum gepflegten Schimpfen

Die Nerven liegen blank im zweiten Corona-Winter, auf den Intensivstationen, in Talkshows, im Netz und auf der Straße. "Schimpfen ist das neue Impfen", so sieht's aus. Doch Friedrich Ani zeigt, was wahres Schimpfen ist.

Von: Friedrich Ani

Stand: 03.12.2021

Schriftsteller Friedrich Ani | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Saukrippi, varreckta! Oder wie soll man mit dem SARS-Virus reden, wenn nicht zornentbrannt und mit grenzwertigem Vokabular? XXL-Beschimpfungen, anders geht’s nicht mehr. Schimpfen ist das neue Impfen. Ich impf dich, du Opfer! Ich ramm dir die glühende Nadel meiner Wut ins Hirn, bis du kapierst, dass ich recht hab, und zwar immer und bei allem.

Früher wurde noch geschimpft...

Schimpfen ist so super. Leider ist schimpfen total out. Früher, in der guten alten Zeit, da wurde noch geschimpft, was das Zeug hielt: auf den Nachbarn mit seinem Laubbläser, auf die Kassiererin mit ihrer Wechselgeldschwäche, auf die Lehrerschaft mit ihrer absoluten Unkenntnis vom Genie des Sohnes, auf die Regierung mit ihren minderhirnigen Ministern, aufs Fernsehprogramm sowieso und die transusigen Stürmer in der Nationalmannschaft. Wer nichts zu schimpfen hatte, hatte auch nichts mitzureden am Stammtisch des Alltags.

Lange Zeit galt Schimpfen als innige Herzensangelegenheit, als eine gesellschaftlich anerkannte Form engagierten Beleidigtseins, welches der im Grunde grenzenlosen Liebe zum beschimpften Objekt oder der beschimpften Person entsprang. Vielleicht, zugegeben, handelte es sich nicht in jedem Fall um absolute Liebe, vielleicht manchmal bloß um scheue Zuneigung oder eingetrübte Gewohnheit. Gleichwohl: Wenn was oder wer aus dem persönlichen Existenzgehege einen dermaßen in Rage versetzte, dass kein Halten mehr war und jeglicher Wortschatz erodierte, dann wehte ein frischer Wind durch die Seele.

Der Zweck: Selbstreinigung

Beim traditionellen Schimpfen nämlich ging es eher selten um das vermeintlich oder tatsächlich kaputte Ding oder die unfähige Person oder den plötzlich gottlosen Kosmos. In Wahrheit galten die oft durchaus schmerzhaften Verbalwatschn vor allem dem trutschigen Trottel, der man selber war. Weil man viel zu lange taten- und gedankenarm zugeschaut und sich allem möglichen Unrat gefügt hat, anstatt auf den Tisch zu hauen und eine Meinung kundzutun, die sich gewaschen hat. Gut, eine Meinung hatte seinerzeit auch eine andere Bedeutung als heute, nämlich eine tiefsinnige, aber über das Thema ist bereits gesprochen worden.

Schimpfen also als Selbstreinigungszweck. Auch. Natürlich möchte ich schon, dass mein Furor nicht nur mich selbst richtig durchschüttelt und zu einer überraschenden, brauchbaren Erkenntnis bringt. Meine Kanonade soll durchaus wahrgenommen werden, und zwar deutlich – deswegen ja auch die hin und wieder gewöhnungsbedürftige Ausdrucksweise –, weil ich doch etwas bewirken möchte. Eine echte Veränderung womöglich. Wenigstens eine Korrektur, eine winzige Verschiebung hin zum Besseren, nicht nur in meinem Sinn, im Sinn von allen, die es gut meinen mit unserer Gesellschaft.

Ja, schimpfen soll zu etwas nutze sein. Man macht sich Luft und schafft einen reinigenden Durchzug, eventuell einen Umschwung eingerosteter oder längst verrosteter Mechanismen.

Und wenn nichts passiert oder fast nichts? Zum Beispiel schafft der Nachbar sich nach dem Anschiss einen hypermodernen E-Bläser an oder die Lehrerin sieht beim nächsten Aufsatz des hochbegabten Schülers über dessen grausame Rechtschreibung gnädig hinweg. Wenn sich also nichts Entscheidendes tut, dann … Dann wartet man halt ab und denkt weiter nach. Und wenn dann immer noch nichts Glorreiches passiert, bringt man die Schimpfkanone erneut in Stellung. Hilft ja nichts, muss ja raus, der Unmut, das Unbehagen, der heilige Zorn.

Ist diese Einstellung nicht das Gebot der Stunde? Ist es nicht genau das, was die Menschen in diesen Zeiten auf die Straße und ins Internet treibt? Zorn rauslassen, Ungerechtigkeiten anklagen, Anweisungen verweigern, sich Luft verschaffen?

Heute blöken die Leute

Mag sein. Schimpfen ist das nicht. Die Leute blöken, spucken, röhren, geifern, schwadronieren, labern und wetteifern ums Rechthaben, wie seit der Erfindung der Sprache noch nicht. Verbaler Krawall all überall. Alle rotzen ihr klopapierdünnes Wissen als der Weisheit letzter Schluss in die Welt und erwarten Reaktionen, Beifall, digitale Umarmungen, Revolution, und zwar sofort. Schimpfen? Viel zu leise. Lieber suhlen sich solche Schein-Erregten in Arroganz und Gemeinheiten, sie gerieren sich als Opfer und begehen ununterbrochen Verbrechen an der Mitmenschlichkeit.

Nicht einer, der für die schwer Infizierten betet. Nicht eine, die in Stille verharrt, um die tägliche Fron derjenigen zu würdigen, die rund um die Uhr in Kliniken und Notfallstationen, in Praxen und mobilen Rettungszelten ihr Leben für die Erkrankten riskieren und mit den wenigen lichtvollen Worten, die ihnen in ihrer Erschöpfung geblieben sind, die Nacht für die Geschundenen erträglich machen – so gut es eben geht in pandemischer Finsternis.

Nein, schimpfen ist das nicht, was auf den Straßen und im Internet zu hören ist. Es ist nicht einmal Wut und schon gar nicht heiliger Zorn. Das ist Kadavergehorsam vor dem eigenen Ego, das einen Putin vor Neid erblassen ließe.

Und die, die lieber grollen wollen und toben, ohne zu vernichten? Die vom Verstand aus reagieren und nicht aus Ignoranz? Die nicht vergessen haben, dass die Demokratie eine Staatsform ist und keine Hüpfburg für Naive? Die sauer sind und sauer bleiben, ohne sich mit Brunnenvergiftern gemein zu machen? Die mit dem schwerhörigen Nachbarn trotzdem ein Bier trinken wollen, weil er halt der Nachbar ist und eigentlich ganz in Ordnung abseits seiner Unsinnsmaschine? Was machen all diese Deutschlandbewohner gerade?

Vielleicht eine Pause nach dem Motto: Impfen statt schimpfen. Die Pause jedoch, das ist ja klar, die ist irgendwann vorbei. Und dann, Saukrippi, varreckta, dann leg ich wieder dermaßen los!

Ein Beitrag aus dem Kulturjournal vom 5.12.2021, das Sie hier nachhören und abonnieren können.