Weltbürger aus Bengalen So denkt Friedenspreisträger Amartya Sen

Er ist ein Wirtschaftsnobelpreisträger, der sich für die Armen einsetzt, ein in Harvard lehrender Weltbürger, dem seine indische Herkunft wichtig ist: Amartya Sen. Am kommenden Sonntag wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 13.10.2020

Amartya Sen klatscht lächelnd in die Hände und schaut nach rechts oben | Bild: picture alliance / NurPhoto

Das scheinbar Unvereinbare zusammen denken, das bestimmt die wissenschaftlichen Arbeiten des Philosophen und Ökonomen Amartya Sen. Seine Studien zu Armut, Hunger und Krankheit sowie seine Weiterentwicklung der Sozialwahltheorie achten die Identität des Einzelnen: "Mich interessierte die mehrfache, die multiple Identität und ihre Implikationen aus einer philosophischen Perspektive", sagt Amartya Sen im BR-Exklusiv-Interview. "Die Philosophie des Kommunitarismus, die davon ausgeht, dass das Gemeinwesen die wichtigste Identität ausmacht, ist ein Fehler: Identitäten wechseln. Als die Franzosen, die Briten und die Deutschen sich im Ersten Weltkrieg mit Hingabe töteten, galt allein die nationale Identität. Heute ist die europäische Identität bestimmend, eines Tages ist es hoffentlich eine globale Identität, für Europäer wie Asiaten."

Amartya Sen – ein Global Player und Inder aus Überzeugung. Die Wurzel seines weltweiten Netzwerks sei seine Herkunft, sagt Amartya Sen: "Meine indische Herkunft ist eine Hilfe, denn wir sind eine Mischkultur. Ich war mir dieser Identitäten immer bewusst. Ich war Inder, das war mir wichtig, ich war Asiate und sehr daran interessiert, etwas über die chinesische, japanische, koreanische, thailändische Kultur zu lernen, genau wie über die afrikanische und europäische. Und ich hatte ein großes Interesse an einer allgemein menschlichen Identität."

Weltbürger aus der Provinz  

Geboren ist Amartya Sen 1933 in Santiniketan, fünf Autostunden von Kalkutta entfernt, einem kleinen idyllischen Ort zwischen moosgrünen Kanälen und Reisfeldern, in dem Indiens einziger Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore vor etwa 120 Jahren eine Universität gründete. "Santiniketan" meint "Heimstadt des Friedens", das klingt fast wie ein Omen, angesichts der Kür von Sen zum Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Eine besondere Ehrung für einen Nobelpreisträger (1998 für Wirtschaftswissenschaften). Sen wurde in 30 Sprachen übersetzt. Er lebt seit langem in den USA, hat aber seinen indischen Pass behalten: "Dafür nehme ich lange Schlangen und Kontrollen bei den Migrationsbehörden in Kauf, habe aber auch das Recht, die indische Politik zu kommentieren." Das tut der stolze Bengale auch bis heute.

Amartya Sen erlebte als Jugendlicher die blutige Teilung des indischen Subkontinents, danach die weitgehend friedliche Koexistenz der Kulturen im multiethnischen, vielsprachigen Indien, in dem alle Weltreligionen zu Hause sind. Ein Miteinander, das nur gelingen kann, wenn die Mehrheit Minoritäten achtet, weiß Sen. Allerdings sieht er die friedliche Koexistenz gefährdet, denn Indiens Premier Narendra Modi, ein Hindu-Fundamentalist mit rechtsnationalem Rückenwind, spaltet die Gesellschaft. Zuletzt mit einem neuen Staatsbürgergesetz, das die muslimische Minderheit verunsichert, ausgrenzt und über Nacht ihre indische Identität in Frage stellen kann.

Identität als Instrument von Gewalt  

Viele von Modis intellektuellen, akademischen und politischen Gegnern sind inzwischen hinter Gittern. "Nationalismus ist ein politisches Gift", sagt Amartya Sen, das heißt: Identität kann zur politischen Waffe werden, zum "Instrument von Gewalt". Eine Antwort darauf lautet für ihn: Bildung, auch "Unterricht in Weltgeschichte und nicht nur die deutsche, japanische, chinesische Kultur, die wie Bäume getrennt voneinander wachsen, wir haben in der Geschichte immer interagiert. Wir brauchen eine globale Geschichte darüber, wie Ideen sich von China nach Indien bewegten, von Indien zur arabischen Welt, von der arabischen Welt nach Italien, von Italien nach Deutschland, all das gehört zu einer globalen Geschichte und einer globalen Zivilisation. Das ist sehr wichtig."  

Noch scheint das eine Zukunftsvision. Noch wird Amartya Sen im Westen vor allem als Harvard-Professor wahrgenommen und nicht als das, was er vor allem ist: ein Weltbürger aus Bengalen mit multipler Identität.