Freedom Day  Freiheit um jeden Preis?

Am 19.7., dem Freedom Day, entfielen in Großbritannien weitgehend alle Corona Maßnahmen. Das Versprechen: Die Briten bekommen ihre Freiheit zurück. Aber um welchen Preis? Denn schon steigt die Anzahl der Toten wieder. Gesundheitsminister Sajid Javid ist an Covid 19 erkrankt. Teile des Kabinetts mussten in Quarantäne. Mittlerweile haben sich London und andere Städte gegen diese Lockerungen ausgesprochen, in deren öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt die Maskenpflicht bestehen.

Stand: 19.07.2021

Das Londoner Wembley-Stadion | Bild: picture-alliance/dpa

Endlich wieder Hochzeiten groß feiern, zu Tausenden ins Freibad gehen und sich in dichten Pulks wieder vor einer Musikbühne drängen? Der Wahnsinn! Ein Wunsch wird wahr: endlich wieder Normalität, endlich wieder hemmungslos feiern und genießen. Das ist das Versprechen des Freedom Day. Aber kann das wirklich jemand wollen, angesichts von über 50.000 Neuinfizierten täglich in Großbritannien?  

Freiheit ist ein zentraler Wert in Demokratien

Noch steigen die Corona-Todesfälle auf der Insel moderat. Aber sie steigen. Letzte Woche waren es über 60 an einem Tag, im Mai noch unter 10. Sind das Menschen, die noch leben könnten? Wenn jetzt die Maskenpflicht und alle weiteren Beschränkungen fallen, dann werden die Infektionszahlen steigen. Das haben auch die Studien zu den EM-Spielen ganz deutlich gezeigt: Tausende Fans haben sich dort angesteckt. In den Niederlanden wurde ein Konzert zu einem Superspreader-Event. Jeder Zwanzigste steckte sich auf dem "Verknipt"-Festival in Utrecht an – trotz Tests und Impfnachweisen.  

Ja, wir alle vermissen unsere  Freiheiten. Richtig ist auch: Der Staat braucht sehr gute Gründe, um die Freiheiten seiner Bürgerinnen und Bürger einzuschränken. Hannah Arendt war es, die das in einem Aufsatz emphatisch auf einen Satz gebracht hat: Demokratie ist die "Freiheit, frei zu sein“. Eine Regierung weist uns also nicht Freiheiten zu, die wir demütig zu empfangen haben. Sie muss jede Einschränkung vor dem Wahlvolk rechtfertigen. Macht Boris Johnson also doch alles richtig? Gibt er uns unsere Freiheit zurück? 

Wetteinsatz: das Leben  

Die Einschränkungen während Corona waren massiv. Aber jedes Mal, wenn sie gelockert wurden, gab es eine neue Welle. Wir könnten also aus Erfahrung klug werden. Wir könnten warten, bis in vier Monaten alle geimpft sind, die das wollen. Die britischen Politiker könnten einen Rückzieher mit dem Votum der meisten Wissenschaftler begründen – und dem hohen Inzidenzwert von 465. Der Freedom Day muss kommen. Aber schon jetzt? 

Bringing Freedom Home – ein toller Slogan. Freiheit nach 14 Monaten Pandemie – das ist ein größeres Geschenk als Weihnachten und Ostern zusammen. Nur ist das, was Boris Johnson macht, eine Wette. Es werde schon nicht so schlimm kommen, weil jetzt – anders als im letzten Winter - viele geimpft seien.  

Es steht jedem Menschen frei zu wetten, ob nun im Hunderennen oder an der Börse. Aber Wetten gehen auch schief und im letzten großen Wettskandal an der Börse, den überbewerteten Hauskrediten in den USA, haben Millionen von Menschen ihr Hab und Gut verloren und die gesamte Weltwirtschaft ging in die Knie. Boris Johnsons Wetteinsatz ist aber kein Geld, sondern das Leben seiner Bürgerinnen und Bürger. Ich wäre mehr als froh, wenn er gewänne. Wenn er nicht recht behält, dann sind Beerdigung die nächsten Großveranstaltungen.