"Die Forsyte-Saga" im BR-Podcastcenter Die nobelpreiswürdige Mutter aller Seifenopern

Literaturnobelpreisträger John Galsworthy wollte mit seiner Forsyte-Saga den gehobenen Mittelstand "konservieren" und "unter Glas zur Schau stellen". Die Familiensaga aus dem England zu Anfang des 20. Jahrhunderts hat Suchtpotential.

Stand: 21.04.2021 16:48 Uhr

Illustration Mann und Frau mit roten Hüten | Bild: BR

"Aus irgendeinem Grund waren die Forsytes verstimmt, nicht als Einzelpersonen, sondern als Familie", berichtet der Erzähler in Teil 1 der Hörspielserie "Die Forsyte-Saga". Diese Verstimmung tut sich vor einem Empfang anlässlich der Verlobung von June Forsyte mit dem Architekten Philip Bosinney auf. Denn: Ist der rebellische Künstlertyp ohne Geld und Beziehungen für die Enkelin des alten Jolyon Forsyte wirklich der Richtige? Schließlich muss man aufpassen: Nicht-funktionierende Ehen schaden dem guten Ruf des Familienclans. Und die Junes Ehe wäre nicht die erste in der Familie, die aus dem Rahmen fällt.

In drei Romanen porträtierte Galsworthy vier Generationen aus der Kaufmannsfamilie Forsyte, ein Teil jenes Bürgertums, das im England der Neuzeit der herrschenden Klasse stets den Rücken stärkte. Skandalträchtige Beziehungen, finanzielle Katastrophen, Gerüchte und Taugenichtse zeigen sich da. Doch trotz all dem muss der Neue in der Familie bald lernen: "Einen Forsyte unterschätzt man nicht."

Downton-Abbey, Jane Austens "Stolz und Vorurteil" und die Forsyte-Saga

Was ist das, das diese englische Noblesse so spannend macht für Fans von Romanen, TV- und Hörspielserien? Da ist Jane Austens "Stolz und Vorurteil" (1813), das von Lieben und Intrigen einer Familie an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erzählt. Da ist die Familien-Saga "Downton Abbey", die zu Anfang des 20. Jahrhunderts spielt. Und da ist "Bridgerton", eine der erfolgreichsten Netflix-Serien aller Zeiten. Es wird sich verliebt, sich verlobt, geheiratet, die Damen und Herren des Adels und der Society stürzen sich in Affären und fliegen auf dramatische Art und Weise auf – das alles vor der Kulisse der prüden Gesellschaft.

Als Leser und als Hörerin kann man sich da zurücklehnen und genießen, wie sich die Dramen entfalten. Denn man ist nicht Teil jener Gesellschaft, jene gehen einen nichts mehr an und man muss sich auch nicht aus den Fesseln der Vorstellungen solcher High-Society-Clans befreien. Und doch: Immer wieder findet sich eine Figur, mit der man sich doch für ihre Leiden- und Liebschaften insgeheim sehr gern identifiziert.

Der Nobelpreis für John Galsworthy

Was die "Forsyte-Saga" so fesselnd macht, ist die Präzision der Beschreibungen von John Galsworthy. Er fängt die Charaktere in all ihren Widersprüchlichkeiten ein. Als man im Zuge des Ersten Weltkriegs auch im Hause Forsyte das Sicherheitsgefühl verliert, versucht man zwar weiterhin, sich an Stand und Ordnung festzuhalten. Doch mit den Figuren und ihren Vorstellungen zerfällt auch eine Epoche.

"An der Tür sah er sie die Hand heben und die Finger mit den Lippen berühren. Er lüftete feierlich den Hut und blickte nicht mehr zurück."

Die Forsyte-Saga, Ausschnitt

John Galsworthy erhielt 1932 den Nobelpreis für Literatur. Man ehrte ihn für seine vornehme Schilderungskunst, "die in der Forsyte-Saga den höchsten Ausdruck findet." Ein halbes Jahr später starb Galsworthy an einem Gehirntumor.