Meinung Sind Flüchtlinge die neuen Leprakranken?

Abschotten und Aussperren war über Jahrhunderte das Mittel zur Seuchenbekämpfung. In der Flüchtlingsfrage aber hat dieses Vorgehen katastrophale Folgen. Und dass Mauern nicht helfen, wissen wir hinlänglich aus Zombiefilmen.

Von: Martin Zeyn

Stand: 10.09.2020 | Archiv

Warten auf "The Walking Dead" auf der Comic-Con in San Diego | Bild: Chris Pizzello/Invision/AP

Leprastationen gab es in ganz Europa. Ganze Orden hatten sich der Pflege und Versorgung der Kranken verschrieben. Entweder vor den Stadttoren oder durch hohe Mauern geschützt, separierte man die Leprösen von den Gesunden. Tatsächlich mit einigem Erfolg, im 17. und 18. Jahrhundert konnten die Leprakrankenhäuser nach und nach schließen, weil es keine Infizierten mehr gab. Viele der Gebäude dienten im Anschluss als Irrenhäuser. Die Neuzeit hatte ein neues Krankheitsbild entdeckt, so erzählt es Michel Foucault in "Wahnsinn und Gesellschaft". Und heute? Was wollen wir heute wegsperren?

Auch im 3. Jahrtausend sind die althergebrachten Methoden nicht außer Mode gekommen. Europa schottet sich ab und sperrt die wenigen, die es über seine Außengrenzen geschafft haben, in Lager weg. Und glaubt so, der Krise Herr zu werden. Die Ereignisse in Moria haben diese Haltung eindringlich als Irrglauben entlarvt. Weder die Machthaber in der Türkei und Libyen, noch Abschreckungsmaßnahmen hindern Menschen daran, vor Krieg, Hunger und Verfolgung zu fliehen. Wir haben Zäune errichtet, patrouillieren im Meer und pferchen Menschen zusammen – in Unklarheit, ob sie je als Flüchtlinge anerkannt werden. Die Asylsuchenden erscheinen vielen als eine Krankheit, die unseren Reichtum oder gar die Einheit unseres "Volkes" bedroht.

Alle Mauern versagen – wissen wir aus der Pop-Kultur

Mauern seien da ein notweniges Mittel, um diese Bedrohung von uns fern zu halten. Und die Angst vieler Menschen sollte nicht unterschätzt werden, sie sitzt tief. Das zeigt sich auch in der populären Kultur, vor allem in Zombie-Filmen. Andere Menschen (in diesem Fall tot und voll fies) bedrohen die Menschheit. Alle Anstrengungen, Mauern oder Barrikaden zu errichten, versagen, ob nun in "Third World War", "The Walking Dead" oder in "Zone One" (einer kunstgewerblichen Edel-Schmutz-Version der Zombieapokalypse von Colson Whitehead).

Anders als die Furcht, die in der Unterscheidung von Kierkegaard nicht auf wirklichen Fakten beruht, ist es ein Symptom von Angst, zu glauben, wir erlebten gerade eine Flut, die uns – die Gesunden, Reichen, einzig Vernünftigen – alle wegspülen wird. Asylsuchende sind nicht krank, sind keine Zombies, sie sind nur arm und suchen Schutz. Bei uns. Corona hat uns monatelang woanders hinschauen lassen. Es wird Zeit, dass sich das ändert. Wegen der Menschen, die in überfüllten Lagern hausen müssen, aber auch, weil unsere Verdrängung sonst die Angst füttert. Wir brauchen Lösungen, kein weiteres Vertagen.