Staatstheater Nürnberg Das Finale der Webserie "Erste Staffel"

"Big Brother" hat die Sehgewohnheiten verändert. Menschen stellten sich öffentlich aus - der Vorreiter von YouTube und Social Media. Boris Nikitin analysiert den Wechsel vom Entertainment zur Politik.

Von: Christoph Leibold

Stand: 21.06.2020

Erste Staffel - Finale | Bild: Staatstheater Nürnberg

"Das ist das Gedankenspiel, das ich mit dem Stück mache: Inwiefern ist das So-Sein als Mensch oder Körper zum Gegenstand eines Wettbewerbs geworden." Ein Wettbewerb nämlich, um Aufmerksamkeit. Mit "Big Brother", sagt Regisseur und Autor Boris Nikitin, wurde Realität zu Reality. Die Show markiert für ihn den Startschuss ins Zeitalter der Selbstdarstellung, das mit solchen Fernsehformaten begann und durch die Möglichkeiten, die die Sozialen Netzwerke in der Folgezeit eröffneten, einen exponentiellen Schub erfuhr.

"Seit dem Jahre 2020 gab es ein Umdenken. Man konzentrierte sich umso stärker darauf, die Dinge zu den Menschen zu befördern, anstatt die Menschen zu den Dingen. Klimakatastrophen verstärkten dieses Verhalten umso mehr. Bereits in fünf Jahren, von denen in manchen Teilen der Erde fast durchgängig ein Lockdown herrschte, hatte sich vieles verändert. Die Menschheit gewöhnte sich an das Leben mit Maske. Reisen war zwar weiterhin möglich, allerdings mit Kosten und Auflagen verbunden, die es für viele doch nahezu unmöglich machten. Geschäftliches lief ausnahmslos online. Virtual Reality wurde zu einem essentiellen Alltagsbestandteil. Der Takt des Lebens beschleunigte sich, während das Real Life immer unwichtiger wurde."

Boris Nikitin  

Ganz ohne zynisch sein zu wollen, muss man sagen: Corona spielte Nikitin thematisch in die Karten. Wegen Covid-19 verlagerten sich weite Teile des öffentlichen Lebens ins Digitale. Die ganze Welt saß damit auf einmal quasi im Container – das verlieh dem Projekt zusätzliche Dringlichkeit.

Für die Web-Serie "Erste Staffel" filmt Nikitin eine Gruppe von Schauspieler*innen in einer Container-Kulisse auf der Bühne des Nürnberger Staatstheaters, wie sie über die Pandemie, Verschwörungstheorien und dergleichen diskutieren. Die Aufnahmen schneidet er mit thematisch verwandtem Bewegtbild-Material aus dem Netz zusammen. Den Anlass für sein Projekt fand Nikitin in der Vergangenheit. In der finalen Folge blickt er aus der Zukunft zurück auf unsere von Corona geprägte Gegenwart, die dann Vergangenheit sein wird.