Eine Filmrechte-Fachfrau erzählt Warum immer mehr Serien auf Büchern basieren

"Game of Thrones"(HBO) ist die vielleicht berühmteste, aber auch "Dexter" (Showtime), "Normal People" (Prime Video) und aktuell "Blackout" (Joyn+) gehören dazu: Immer mehr Serien basieren auf Büchern. Woran liegt das?

Von: Vanessa Schneider

Stand: 11.11.2021 | Archiv

Moritz Bleibtreu als Pierre Manzano in einer Szene aus der Serie "Blackout" von Joyn | Bild: © Joyn, Christoph Köstlin

Ein Blick in die Buchhandlung und man wird das Gefühl nicht los: Serien dringen immer mehr in die Literaturwelt ein oder ist es umgekehrt? Die Romanvorlagen zu "Das Damengambit", "Game of Thrones" und "Dopesick" werden mitsamt Artwork der Verfilmung zum Serienstart neu aufgelegt. Beispiele gibt's auch in Deutschland, wo vor kurzem die Adaption des Thrillerbestsellers "Blackout" beim Streamingdienst Joyn startete, die "Ibiza Affäre" bei Sky und jetzt im November "Westwall" im ZDF. Warum literarische Stoffe so wichtig sind für die Filmbranche und wie so eine Verfilmung überhaupt abläuft, darüber hat Vanessa Schneider, Host des BR-Serienpodcast "Skip Intro", mit Sema Kara, Rights Manager Film und Bühne bei der Penguin Random House Verlagsgruppe, gesprochen. Sie ist für die Lizensierung von Buchtiteln für Verfilmungen zuständig.

Vanessa Schneider: Meine Beobachtung ist, dass es immer mehr Verfilmungen gibt. Stimmt das überhaupt? Oder fällt es mir nur stärker auf, weil es überall beworben wird?

Die Serie "Bridgerton" basiert auf den historischen Liebesromanen von Julia Quinn.

Sema Kara: Nein, das ist definitiv so. Es ist sogar so, dass manche Produktionsfirmen mittlerweile schon zu 90 Prozent Literaturverfilmungen verarbeiten und nur noch 10 Prozent Originalstoffe. Das ist eine Entwicklung, die seit etwa fünf bis acht Jahren wirklich stark wird – und die wurde auch von den Streamern ganz entscheidend angefeuert. Denn im Gegensatz zu "konventionellen" Sendern und Produktionsfirmen produzieren die Streamer mehr. Mit Original-Serien können sie diese Menge an Content nicht schnell genug erreichen. Da lohnt es sich, auf bereits geschriebene Vorlagen zurückzugreifen. Das ist eine Entwicklung, die sich sowohl für fiktionale als auch für nonfiktionale Texte beobachten lässt. Wenn man sich auf Netflix, Amazon, Disney etc. das Programm anschaut, da habe ich manchmal das Gefühl, es gibt nur noch Literaturverfilmungen. Vor allem diese ganz bekannten Franchises wie etwa "Bridgerton" sind auch Literaturverfilmungen – "Das Damengambit", "Unorthodox". Tendenz steigend, auf jeden Fall.

Und warum ist das so?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Ein großer ist tatsächlich der finanzielle, kommerzielle. Denn bei Literaturverfilmungen achten Produktionsfirmen sehr stark darauf, welches Buch sich gut verkauft: Wo gibt es schon eine Fanbase oder eine sogenannte Built-in-Audience. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Zum Beispiel bei "Unorthodox" von Netflix: das Buch kam 2017 raus und war schon ein Bestseller und wurde dann verfilmt. Dadurch ist es noch mal höher auf der Bestsellerliste eingestiegen. Für eine Produktionsfirma bedeutet es ein geringeres Risiko, als mit einem Originalstoff an den Start zu gehen – wegen der Built-in-Audience. Filmprojekte brauchen ja wirklich ewig, fünf bis zehn Jahre im Schnitt. Wenn man aber schon eine literarische Vorlage hat, dann hat man das Material, den Stoff, die Welt – also eine Vorlage, mit der man total gut arbeiten kann. Das sind im Endeffekt die beiden großen Punkte, die für Literaturverfilmungen sprechen: Zum einen ist das Buch bereits etabliert auf dem Markt. Und es geht insgesamt schneller damit. Ein weiterer wichtiger Punkt ist natürlich auch die Tatsache, dass Autor*innen die Content Creators schlechthin sind. Auch deshalb ergibt die Zusammenarbeit zwischen Filmbranche und Buchmarkt so viel Sinn.

Wenn man weiß, dass der Stoff schon funktioniert, auch dramaturgisch und dramatisch, dann ist die Vorarbeit schon erledigt.

Die Thrillerserie "Blackout" über einen europaweiten Stromausfall wurde von Marc Elsbergs gleichnamigem Bestseller adaptiert.

Absolut, genau. Vorarbeit ist ein tolles Stichwort. Produktionsfirmen arbeiten gern mit Autor*innen zusammen, weil die eben die Spezialist*innen für diese Welt sind, für ihren Stoff. Da gibt es verschiedene Grade der Zusammenarbeit. Es ist ja ganz praktisch, wenn man den Spezialisten oder die Spezialistin gleich an der Hand hat. Zum Beispiel bei Themen wie einem weltweiten Blackout – wie im Buch "Blackout"von Marc Elsberg, das gerade als Serie bei Joyn angelaufen ist. Natürlich holt man sich da noch mal Expert*innen und Wissenschaftler*innen ans Set, aber Ansprechperson ist immer auch diejenige, die den Stoff geschrieben hat.

Das heißt, an der Serienverfilmung von "Blackout" hat der Autor Marc Elsberg auch mitgewirkt?

Genau, bei dem Verfilmungsprojekt war es so, dass er die erste Fassung des Drehbuchs bekommen hat und sich öfters mit den Drehbuchautoren getroffen hat und da wirklich übers Drehbuch gegangen ist, Vorschläge eingebracht hat. Damit man sich nicht zu weit vom Buch entfernt. Wobei eine Literaturverfilmung nicht eins zu eins eine Übertragung des Buchs ins Filmmedium sein soll. Das kann es auch gar nicht – das ist ja immer dieser "Point of Disappointment", an dem die Leserschaft sagt, wieso ist das nicht eins zu eins übertragen. Aber das geht eigentlich gar nicht. Eine Verfilmung ist immer ein alleinstehendes Kunstwerk. Und um einerseits die Orientierung am Buch zu haben, aber andererseits die Serie trotzdem für sich entwickeln zu können, war es für die Produzierenden ganz wichtig, mit dem Autor in einem Austausch zu sein.

Ich habe "Blackout" vor Ewigkeiten gelesen und war sehr gespannt auf die Serienumsetzung. Und mir ist sofort aufgefallen, dass da einige Sachen geändert worden sind in der Handlung. Interessant, dass Marc Elsberg involviert war. Wie läuft das ab und inwieweit haben dann der Autor oder der Verlag auch ein Mitspracherecht?

Bevor es überhaupt an dieses Projekt geht, machen wir einen Options- und Verfilmungsvertrag, wo dann das Involvement des Autors oder der Autorin mehr oder weniger grob oder genau festgelegt wird. Und bei "Blackout" gab es eben das Übereinkommen über die erste Drehbuchfassung – und dann entsteht alles durch den Austausch zwischen Produktionsfirma und Autor. Diese Abweichungen, Neu- und Weiterentwicklungen vom Buch werden dann schon abgesegnet von der Autorin oder vom Autor. Bei Marc Elsberg war es ein spezieller Fall, weil er sehr medienerfahren ist und weiß, wie solche Verfilmungsprojekte laufen.

Das Schöne an Literaturverfilmungen ist ja auch, dass man das Werk, das man vor sich hat, filmisch ergänzen kann. Du kannst eine Figur weiter erzählen, eine Welt weiterspinnen. Es gibt eigentlich keine Verfilmung, die entsteht, ohne dass der Autor oder die Autorin, da draufgeschaut hat. Da kann man auch, das machen wir manchmal, Berater*innen-Verträge schließen mit den Autor*innen. Wir haben letztens zu "Herkunft" von Saša Stanišić die Filmrechte verkauft, da wird es ein größeres Involvement vom Autor geben. Oder die Autorin, der Autor ist beim Drehbuch konkreter mit dabei, im Writers' Room. Das sind alles Dinge, die man im Vorfeld verhandeln kann.

"Westwall" mit Emma Bade und Jannik Schümann hat der Autor Benedikt Gollhardt selbst als Serie adaptiert.

Bei der Serie "Westwall" (ab 20.11. in der ZDF Mediathek) war es ein bisschen anders. Da waren wir als Verlag gar nicht so sehr involviert in die Verfilmung. Da war es so, dass Benedikt Gollhardt, der auch Drehbuchautor ist, einfach die Filmrechte bei sich behalten hat. Er hat ja auch das Drehbuch geschrieben, also das lief dann über ihn. Manchmal behalten Autor*innen einfach die Filmrechte, weil sie eh schon in der Filmbranche ansässig sind oder Erfahrungen haben – und dann wirklich auch das Drehbuch schreiben wollen. "Westwall" war ja ursprünglich auch als Drehbuch konzipiert. Dann hat er den Roman geschrieben, und dann wurde es verfilmt.

Und dann gibt es natürlich auch noch die Fans – ob jetzt von "Bridgerton", "Game of Thrones" oder "Harry Potter". Die Verfilmungen weichen zum Teil extrem von der Buchvorlage ab. Und gerade wenn man jetzt an "Harry Potter" denkt, da sind die Fans ja sehr spitzfindig. Die erkennen alle Änderungen und stellen alles in Frage. Inwiefern spielt das für Sie auch eine Rolle?

Ich bin selbst "Harry Potter"-Fan. Für mich war das tatsächlich so – ich hatte mir das anders vorgestellt. Harry sah nicht so aus, wie er aussehen sollte in meinem Kopf. Und Hogwarts sah nicht so aus wie das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich finde, als Leserin ist es wichtig, dass man da auf gewisse Art und Weise abstrahiert. Das, was ich mir als Verfilmung vorstelle, ist ja wirklich nur meine Lesart – und das, was ich vor mir sehe ist eben das, was der Regisseur oder die Regisseurin gesehen und gelesen hat. Aber natürlich ist das für uns als Verlag ganz wichtig: Wenn die Fanbase mit einer Verfilmung zufrieden ist, ist das für uns noch einmal ein ganz anderer Zuspruch, weil das natürlich die Verkaufszahlen beeinflusst.

Du hast gesagt, dass es für Produktionsfirmen eine Rolle spielt, ob ein Buch gut verkauft wurde, wenn es um eine Film- oder Serienadaption geht. Aber oft werden die Buchrechte ja schon vor der Veröffentlichung gesichert. Wie kommen die Serienschöpfer*innen denn überhaupt an die Stoffe ran?

Die Filmbranche ist wie die Buchbranche ein People's Business, also was da wirklich ganz wichtig ist, ist der persönliche Austausch. Ich habe eine riesige Liste an Produktionsfirmen und Scouts, mit denen ich das ganze Jahr über Stoffe rede.

Wir haben auch so was wie Filmstofflisten, wo wir dann die verfügbaren Filmstoffe für jedes Halbjahr bündeln und an die Produktionsfirmen rausschicken. Wir als Verlag gehen dann auf die Produktionsfirmen zu und besprechen mit denen Titel, die für sie in Frage kommen könnten, relativ individuell – nicht jeder bekommt das gleiche Angebot. Es kommen aber auch die Produktionsfirmen mit ihren eigenen Development Executives auf uns zu und durchkämmen ganz gezielt das Verlagsprogramm.

Dass Filmrechte auch schon vor der Veröffentlichung verkauft werden, ist tatsächlich schon Usus im angloamerikanischen Raum. Da kommt es wirklich öfters vor, dass mit der Unterschrift auf dem Autor*innen-Vertrag auch gleich der Filmvertrag mit unterschrieben wird. Das ist im deutschsprachigen Raum noch nicht so weit verbreitet. England, USA, da arbeiten Literaturagenturen wirklich schon sehr stark in diese Richtung und sprechen manchmal sogar ihre Autor*innen gezielt an: "Hey Soundso, wir wissen, dass diese Produktionsfirma gerade so einen Stoff sucht. Hättest du mal Lust, was in diese Richtung zu schreiben?" Das Kaufverhalten der Produktionsfirmen formt also auch den Entstehungsprozess von literarischen Stoffen.

Was bedeutet denn diese verstärkte Nachfrage nach verfilmbaren Stoffen für den Verlag und die Autor*innen? Wenn ihr neue Stoffe ins Programm nehmt, werden die von eurer Seite schon mit so einem Blick ausgewählt, dass die weiter verwertbar sind?

In einzelnen angloamerikanischen Verlagen und Agenturen ist das mittlerweile verbreitet, dass Stoffe unter der Linse der Verfilmbarkeit angeschaut werden. Wir als deutscher Verlag schauen trotzdem erstmal, ob der Stoff wirklich als Buch funktioniert. Das steht für uns immer noch an erster Stelle, wir wollen da auch gar nicht zu viel vorgeben. Bei den großen deutschsprachigen Verlagshäusern, soweit ich das mitbekomme, sieht man in diese Richtung bisher noch keine Tendenz.

In den USA ist die Schauspielerin und Produzentin Reese Witherspoon wegweisend, was die Literaturverfilmungen betrifft, gerade auch mit Blick auf die Stoffe, die sie auswählt – von "Big Little Lies" zu "The Morning Show", immer mit komplexen weiblichen Protagonisten. Und oft im Vorfeld auf die Vermarktbarkeit getestet, indem sie neue Bücher in ihrem Buchclub mit ihren Followern diskutiert.

"Big Little Lies" basiert auf dem Krimiroman "Tausend kleine Lügen" von Liane Moriarty.

Ihre Produktionsfirma "Hello Sunshine" verfolge ich auch ein bisschen. Ich habe zuerst die Serie "Big Little Lies" von ihr gesehen, fand ich ja großartig. Dann "Little Fires Everywhere". Aber mit ihrem Bookclub ist das einfach sehr klug gemacht. Durch diesen engen Kontakt zur Endkundschaft bekommt sie schnell mit, in welche Richtung es auch thematisch und inhaltlich geht. Stoffe von Frauen, diversere Stoffe. Und zum Beispiel oft Thriller mit weiblichen Protagonistinnen. Das ist gerade das, was quasi alle lesen wollen. Auch von der anderen Seite ist das interessant: Es gibt jetzt einen Netflix Bookclub. Super spannend, das umzudrehen und zu sagen, jetzt reden wir über die Vorlage.

Die Filmindustrie und die Buchindustrie wachsen immer mehr zusammen, habe ich das Gefühl. Literaturverfilmungen gibt es seit etwa 1912. Ich glaube, Oliver Twist war mit die erste. Aber die Beziehung wird immer enger, auch durch die Streamer und diese lokalen Produktionen, die die ja anstreben. Netflix hat ja wirklich auf der ganzen Welt Büros, weil es immer wichtiger wird, da dann zum Beispiel deutschsprachige Inhalte für die ganze Welt verfügbar machen, einfach nur mit Untertiteln. "Totenfrau" von Bernhard Aichner, einem unserer Thriller-Autoren, wird 2022 auf Netflix erscheinen. Das ist schon eine sehr interessante Entwicklung.

Was für Stoffe werden denn gerade besonders nachgefragt? Worauf können wir uns einstellen, was in den nächsten Jahren auf die Bildschirme kommt?

Sema Kara, Rights Manager Film und Bühne Penguin Random House Verlagsgruppe.

Deutschland ist ja das Thriller- und Crime-Land schlechthin. Das ist ein Genre, das nie an Faszination verliert. Und als Parallele im nonfiktionalen Bereich: "True Crime" ist wirklich ganz oben in Deutschland. Aber auch das Thema Diversität ist wirklich sehr groß und immer mehr im Kommen. Herkunft, Identität, Familie – das ist wirklich ein großer Themenkomplex, dem sich viele Produktionsfirmen von Arthouse bis Mainstream mittlerweile widmen. Das ist auch ein Thema, das uns im Verlagsprogramm sehr wichtig ist. Wir identifizieren da auch Lücken bei uns und arbeiten sehr stark darauf hin, sehr diverse Programm anbieten zu können. Das spiegelt ja auch so ein bisschen den Bedarf der Filmindustrie.

"Westwall" ist ab dem 20. November in der ZDF Mediathek zu sehen. Das gleichnamige Buch von Benedikt Gollhardt ist im Penguin Verlag erschienen. "Blackout" ist bei Joyn+ abrufbar. Die Buchvorlage von Marc Elsberg erschien 2012 bei Blanvalet.

Mehr zum Serientrend Literaturadaptionen im BR-Serienpodcast "Skip Intro".