Die Anthologieserie "Strafe" Diese Serie erkundet das Wesen der Strafe

Vom Art-House-Drama zum 08/15-Krimi ist bei "Strafe" alles dabei. Zwei Fälle aber zeigen, wie überraschend und kreativ deutsche Krimis sein können – wenn die Macher*innen sich trauen.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 28.06.2022 | Archiv

Katharina Hauter in Oliver Hirschbiegels Episode der sechsteiligen "Strafe"-Serie nach von Schirach. | Bild: Foto: Luis Zeno Kuhn/ RTL / Moovie

Dass das Gerichtsurteil nicht zwangsläufig das Ende eines Falles darstellt, zeigt die letzte Episode der Serie "Strafe". Darin geht es um eine Mutter, die ihr Kind getötet haben soll. Der Regisseur David Wnendt stellt in seiner dramaturgisch sehr intelligenten Episode "Ein hellblauer Tag" das Ende samt Abspann einfach an den Anfang. Kapitelweise erzählt er die Handlung rückwärts, wobei er immer wieder einzelne Szenen vorzieht, mit den Erwartungen des Publikums spielt und diese dann unterwandert. Anfang und Ende sind für die verurteilte Frau identisch, sie sitzt mit Handschellen im Polizeiwagen – ihr Unglück ist ein Kreislauf, kein Entkommen von der Strafe möglich. 

Sechs Geschichten basierend auf Ferdinand von Schirachs "Strafe"

Gerichtsdramen und Krimis erzählen oft von der der Schuldfrage, der Suche nach dem Tatmotiv und von polizeilichen Ermittlungen. Die Anthologieserie versammelt sechs für sich stehende Geschichten, in denen der titelgebenden Strafe nicht zwangsläufig eine Schuld vorausgeht. Die Verfilmung von Ferdinand von Schirachs "Strafe" fragt: Worin liegt die eigentliche Bestrafung und wen trifft das Urteil wirklich? Im Fall "Subotnik" etwa, abgeklärt und elliptisch als Sozialdrama von der Berliner Regisseurin und Autorin Helene Hegemann inszeniert: Eine junge Anwältin verteidigt darin gegen ihre eigenen Ideale einen Menschenhändler und sitzt einer von Narben gezeichneten Frau gegenüber, die ihm entkommen konnte. Hegemann verzichtet darauf, die Taten explizit zu zeigen. Gerade dadurch gehen die Worte der Zeugin – und der anschließende Freispruch besonders unter die Haut. Ebru Düzgün, auch als Rapperin unter dem Künstlernamen "Ebow" bekannt, ist als ambitionierte Anwältin aus prekären Verhältnissen faszinierend widerborstig – eine Mauer aus Coolness, die dem Gewicht der Anschuldigungen gegen ihren Mandanten nicht standhalten kann. Diese gegen den Typ besetzten Charaktere funktionieren aber nicht immer: Olli Dietrich, in einer anderen Episode als mörderischer Rentner zu sehen, bleibt ungewohnt blass.

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Ferdinand von Schirach STRAFE - Offizieller Trailer | Bild: Constantin Film (via YouTube)

Ferdinand von Schirach STRAFE - Offizieller Trailer

Schirachs typisch schnörkelose und von wahren Fällen inspirierte Kurzgeschichten wurden von sechs ausgezeichneten Regisseurinnen und Regisseuren adaptiert, darunter auch Oliver Hirschbiegel und Mia Spengler. Wie Schirach bemühen sie sich um eine möglichst wertfreie, beobachtende Erzählhaltung – selbst wenn die Fälle noch so bizarr sind. Wie der eines Mannes, der tot auf dem Badezimmerboden gefunden wird – im Taucheranzug, Strick um den Hals, ein Porno auf dem Handy laufend. Die Machart der Filme ist so unterschiedlich wie ihre Qualität – vom Art-House-Drama zum 08/15-Krimi ist bei "Strafe" alles dabei.

Überraschend und kreativ, wenn die Macher*innen sich trauen

Im Gedächtnis bleibt die sowohl stilistisch als auch inhaltlich ungewöhnliche Episode "Der Dorn" von Hüseyin Tabak. Er lässt die Kamera einen Looping durch das karge Esszimmer eines einsamen Museumswärters fahren. Diese Kameravolte gibt ein gutes Gefühl für den Geisteszustand des Mannes, der sich mit Routinen an der Realität festkrallt und doch den Halt verliert – und das Publikum mit ihm. Tabaks psychedelischer "Strafe"-Film und auch der von David Wnendt zeigen, wie überraschend und kreativ deutsche Krimis sein können – wenn die Macher*innen sich trauen. Für diese beiden Fälle lohnt es sich einzuschalten.

Die Watchlist platzt aus allen Nähten, täglich gibt's neue Serien in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken und bei den unzähligen Streaming-Diensten: Bei "Skip Intro" diskutieren Katja Engelhardt und Vanessa Schneider über Hypes und die Geschichten hinter den spannendsten neuen Serien aus der ganzen Welt.