Serie "Para - Wir sind King" Weibliches Hustlen im Berliner Wedding

Vier Mädels, ein Batzen Koks und die Hoffnung auf das Ende aller Probleme: Die neue Serie der "4 Blocks"-Schöpfer ist ein Hybrid aus Coming-of-Age-Story und Sozialstudie. Und geht über das Konzept purer Unterhaltung weit hinaus.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 21.04.2021 | Archiv

Die vier Haupfiguren aus der Serie "Para - Wir sind King" chillen auf einer Mauer: Fanta, Hajra, Rasq und Jazz | Bild: © 2021 Turner Broadcasting System Europe Limited - a WarnerMedia Company / W&B Television GmbH/ Pascal Bünning

Alles beginnt mit einem verwackelten Handyvideo: Es ist dunkel draußen, vier Freundinnen stolpern aufgekratzt in einen Spätkauf. Im Überschwang lassen sie eine Flasche fallen, die geht zu Bruch, der Betreiber des Ladens weist die jungen Frauen zurecht. Doch die Situation eskaliert. Eine der Vier schleudert dem Mann eine Flasche entgegen. Er geht zu Boden – die Freundinnen hauen ab.

Eine Nacht, sechs Monate Haft

Die Flasche hatte Hajra (Soma Pysall) geworfen. Sechs Monate später – nach abgesessener Jugendhaft – ist sie wieder im Berliner Wedding, bei ihren drei Freundinnen aus der verhängnisvollen Nacht: Jazz (Jeanne Goursaud), Fanta (Jobel Mokonzi) und Rasaq (Roxana Samadi). Wir Zuschauenden kehren zusammen mit Hajra zurück in ihr altes Leben. Loten aus, was sich inzwischen verändert hat, gehen mit ihrer Clique direkt auf die erste Feier, trinken, rauchen. Und wir finden Drogen: Eine ganze Menge in einzelne Plastiktütchen verpacktes Koks. Die Hajra mitnimmt. Und weiterverkaufen will.

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Para - Wir sind King | Teaser | TNT SERIE | Bild: TNT Comedy | TNT Serie | TNT Film (via YouTube)

Para - Wir sind King | Teaser | TNT SERIE

Zwei von drei Freundinnen sind überzeugt. Natürlich machen sie viel Geld – und natürlich geht das nicht lange gut. Obwohl Dank der Popkultur jedes kleine Kind weiß, dass man fremde Drogen besser nicht verkauft, wirken die Freundinnen doch nicht naiv. Weil sie mehr wollen als neue Klamotten, nämlich handfesten Problemen entkommen, die auch strukturell begründet sind.

So ist "Para – Wir sind King" einerseits süßer Eskapismus – mit bunten Farben, mitreißender Musik, coolen Outfits – und andererseits bittere Realität, wenn die Freundinnen erleben müssen, dass Geld tatsächlich nicht alles ist. Weil die Rollen in der Gesellschaft nicht mit ein bisschen mehr Bargeld in der Tasche gewechselt werden können.

Das alles kommt nicht als Aufklärungsbuch für Emanzipation und Gesellschaftsstrukturen daher, sondern wird von den Serienfiguren gelebt. Etwa als Jazz ihren Job als Tänzerin in einer Bar kündigt, weil ein Gast ein Foto von ihr macht, ihr Chef sie nicht verteidigt und Jazz mit den Worten kündigt: "Das ist ein fucking Dealbreaker. Ich hab gesagt, ich tanz hier unter Bedingungen, Alter, okay?"

Emanzipation auch hinter den Kulissen

Diese Frauenfiguren wirken echt. Die Schauspielerinnen sprechen authentisch, agieren glaubhaft. Das liegt auch daran, dass die Serienmacher sich nicht auf ihre Fantasie allein verlassen und Umfragen gemacht haben, wie Drehbuchautorin Luisa Hardenberg im Interview erklärt: "Ich glaube, dass Coming-of-Age-Themen sehr universell sind und bleiben. Darüber hinaus hatten wir Beraterinnen, die unsere Sachen gelesen haben und uns Feedback gegeben haben, zum Beispiel weil sie einen bestimmten Glauben leben oder Eltern haben, die aus einem anderen Land kamen. Oder wir haben Mädchen im Wedding auf der Straße angesprochen und sie gefragt: Wovor habt ihr Angst, was wünscht ihr euch, was macht euch wütend? Wir waren im Gesundbrunnencenter oder auf der Müllerstraße, einfach nachmittags, ganz normal. Am Anfang ist da natürlich eine Skepsis, wenn einen jemand Fremdes anspricht. Ich war überrascht davon, wie offen sie waren und es hat mich so berührt zu merken, dass es ganz ungewohnt für sie ist, dass man sich für sie interessiert und wichtig findet, was sie denken."

Obwohl die weiblichen Hauptfiguren in der Serie "Para – Wir sind King" finanziell schlecht dastehen und teilweise vorbestraft sind, werden ihre Stärken unterstrichen: Sie geben nicht auf, sie schmieden Pläne, sie sind füreinander da.

Und behaupten sich. Jede auf ihre Art: Als Tänzerin, indem sie so viel pauken wie möglich, endlich eine Ausbildung beginnen oder jung heiraten wollen, aus eigener Überzeugung und die auch verteidigen. Drehbuchautorin Luisa Hardenberg beschreibt die Herausforderung: "Das waren schon bewusste Entscheidungen da, den Mädels was sehr Empowerment-mäßiges zu geben. Weil ich die Vorstellung, dass das andere Frauen, andere junge Mädchen sehen und sich bestärkt fühlen so schön finde. Aber natürlich wollten wir das nicht als die große feministische Diskussion im On führen."

"Para – Wir sind King" funktioniert in erster Linie als Unterhaltungsserie, über das Erwachsenwerden, über Freundschaften und wie sie bestehen können. Und ist doch eine mit Bedacht konzipierte Sozialstudie – erzählt anhand einer Gruppe, die weniger privilegiert ist und es sonst nicht in Serien schafft, vor allem nicht mit so viel Respekt. Selten sind Figuren in Geschichten über soziale Probleme derart liebevoll untereinander, weil sie eben meist von Männern handeln, die Hindernissen auf stereotyp-maskuline Art begegnen: mit Gewalt, Unterdrückung und Machtspielen. "Para – Wir sind King" ist Diplomatie in Serie. Und sollte unbedingt in Form einer zweiten Staffel erhalten bleiben.

"Para – Wir sind King" kann ab 22. April bei TNT Serie gestreamt werden. Jeden Donnerstag erscheint eine neue Folge.