Serienevent über die Wiesn "Oktoberfest 1900" und die Geburt des Bierzelts

Kein Oktoberfest auf der Theresienwiese. Aber in der ARD Mediathek kämpfen zwei Bierdynastien um die Vormachtstellung auf dem größten Volksfest der Welt. Die Serie "Oktoberfest 1900" wagt eine Zeitreise ins alte München.

Von: Marie Müller

Stand: 07.09.2020 | Archiv

Oktoberfest 1900: Curt Prank (Mišel Matičević) bestaunt den Oktoberfesteinzug vor seiner neuen Bierburg. | Bild: ARD Degeto/BR/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Zwei Männer sitzen an einem überdimensionierten Modell des Oktoberfests. Macht, Gier, aber auch Zukunfts-Visionen liegen in der Luft. Es sind die ersten Minuten der Serie "Oktoberfest 1900". In sechs Episoden wird die Geschichte des Nürnberger Großbrauer und Gastronom Curt Prank (Mišel Matičević) erzählt, der plant, fünf kleine Budenplätze auf dem altehrwürdigen Oktoberfest zu übernehmen um seinen größenwahnsinnigen Traum zu verwirklichen - dafür geht er über Leichen. Sein Ziel: "Ich möchte das Oktoberfest neu erfinden. Die Zeiten der kleinen Wirtsbuden sind vorbei. Ich baue eine Bude für 6.000 Menschen. Eine Burg, eine Festung! 6.000 Plätze. Das ist die Zukunft."

So visionär sein Bierburg-Vorhaben ist, so erbost ist die Welle der Kritik, die in München über ihn hereinbricht: Sein vermessener Plan drängt die kleinen Münchner Traditionsbrauereien, wie das Deibel Bräu der Hoflingers (unter anderem Francis Fulton-Smith, Martina Gedeck), an den Rand der Existenz. Und die Münchener Großbrauer sorgen sich um das bayerische Reinheitsgebot – und vor allem um ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Vormachtstellung.

Bierburgen statt Bierbuden

Das Leben schreibt die besten Geschichten, und so beruht diese Erzählung auf wahren Begebenheiten: Tatsächlich wurde das Bier im 19. Jahrhundert auf dem Oktoberfest noch in kleinen Buden ausgeschenkt. Um mehr Sitzplätze und Platz für eine Musikkapelle zu schaffen, hatte sich 1898 der Wirt Georg Lang aus Nürnberg über Strohmänner fünf Budenplätze gesichert und errichtete hier seine riesige "Bierburg". Der Beginn der großen Bierhallen auf der Theresienwiese.

Ob den Wirte-Krieg daraufhin so stattgefunden hat, ist zwar nicht überliefert, aber die Serie entspinnt aus dieser revolutionären Veränderung diverse Handlungsstränge: Eine Romeo-und Julia-Geschichte in der Curt Pranks Tochter Clara (Mercedes Müller) unerwartet eine leidenschaftliche Liaison mit dem Hoflinger-Sohn Roman (Klaus Steinbacher) eingeht. Der Kampf um die Vormachtstellung zwischen Prank sowie seinem schärfsten Konkurrenten und Gegenspieler Großbrauer Anatol Stifter, herrlich entrückt und brutal gewinnorientiert gespielt von Maximilian Brückner. Und auch die tatsächlich prekäre Lage der "Biermadel" wird erzählt, für die stellvertretend Brigitte Hobmeier als toughe Colina Kandl kämpft.

Flasche statt Fass

Kämpfe ziehen sich wie ein roter Faden durch "Oktoberfest 1900": Großbrauer gegen Kleinbrauer, Brauer gegen Wirte, die Bohème gegen die spießige Bürgerlichkeit, Männer gegen Frauen, Jung gegen Alt und - dafür steht die Zeit um 1900 ganz besonders – der Kampf zwischen noch starker Tradition und noch frischer Moderne.

Ein besonderer Streitpunkt ist das Flaschenbier: "Ein Bier aus der Flasche ist kein Bier. Ein gescheites Bier kommt aus dem Fass." Und sein Gegenüber antwortet: "Wir müssen exportieren. Und dafür müssen wir Geld ausgeben, investieren. Einen Kredit aufnehmen. Das macht man heute so."

Macht, Intrigen, Familie und Liebe

Es gibt keine Hänger in diesen sechs Episoden, das Tempo ist von Anfang an hoch und hält bis zum Ende. Die Story um Macht, Intrigen, Familienzusammenhalt und Liebe von den Drehbuchautoren Christian Limmer, Michael Proehl und Ronny Schalk zieht in den Bann und die Figurenentwicklungen sind spannend und vielfältig - erfreulich vor allem, wie viele starke, fortschrittliche Frauen-Charaktere gezeigt werden.

"Mein Vater hat mir alles beigebracht übers Brauen – ich wollte so werden wie er. Dann kam der Ignatz. Ernst hat er mich genommen und stark waren wir zusammen. Bis du gekommen bist. Dann war ich keine Brauerin mehr, dann war ich Mutter."

- Maria Hoflinger, gespielt von Martina Gedeck, zu ihrem Sohn Roman

Passend zur Zeit um 1900 ist der Look düster, schmutzig und die Kulisse der dreckigen Gassen, vollen Wirtshäuser und des farbenprächtigen Oktoberfests braucht sich nicht hinter historischen Produktion aus dem Ausland zu verstecken.

Und auch wenn einige Wiesenwirte die Serie "rufschädigend" und "diese negative Darstellung schlimm" finden, macht es großen Spaß, sich in diesem Jahr wenigstens auf dem Bildschirm aufs Oktoberfest zu träumen.

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Alle sechs Episoden gibt es bis zum 31. Dezember 2020 in der ARD Mediathek.

Das Erste zeigt die sechsteilige Event-Serie an drei Abenden am Dienstag, 15. September, Mittwoch, 16. September und Mittwoch, 23. September 2020, jeweils um 20:15 Uhr. Außerdem gibt es am 15. September um 21:45 die Dokumentation "München 1900".