Serie "Bagdad nach dem Sturm" Im Schatten des Irak-Kriegs

Wie die Amerikaner und Briten den "War on Terror" erlebten, haben sie bildgewaltig in Film und Serie verarbeitet. Die Perspektive der Iraker wurde dabei oft ausgeblendet. Das ändert nun die neue arte-Serie "Bagdad nach dem Sturm".

Von: Vanessa Schneider

Stand: 06.04.2021 | Archiv

Eine brisante Lage zwischen den Fronten: Waleed Zuaiter als Muhsin Al-Khafaji in der arte-Serie "Bagdad nach dem Sturm" | Bild: Sife El Amine (Arte)

Es sind nur wenige Tage, bevor der damalige US-Präsident George W. Bush in einer Fernsehansprache die Invasion in den Irak ankündigt. Hier, im März 2003, mitten im geschäftigen Stadtzentrum von Bagdad sind der irakische Polizist Muhsin al-Khafaji (Waleed Zuaiter) und seine beiden Töchter Mrouj und Sawsan noch guter Dinge. Die ältere, Sawsan, kann die Ankunft der Amerikaner und ihrer Koalition der Willigen kaum erwarten - sie hofft, dass die Amerikaner Freiheit und Demokratie bringen werden.

Wenn es nur so einfach wäre: neun Monate später ist Saddams Regime zwar gestürzt, aber von Freiheit keine Spur. Die von den Amerikanern geführte Übergangsverwaltung hat das Militär, die Behörden und öffentlichen Einrichtungen aufgelöst. Auch Khafaji hat seinen Job verloren. Seine Stadt liegt in Ruinen, Bomben erschüttern die Erde und tauchen den Nachthimmel in grelles Licht, während in den Wohnungen Kerzen flackern: es mangelt an Strom, Wasser, Essen, an medizinischer Versorgung. Khafajis Tochter Mrouj (July Namir) braucht dringend eine Dialyse – schon ihre krebskranke Mutter hat die westlichen Sanktionen nicht überlebt. Und auch die rebellische ältere Tochter bereitet ihm große Sorgen, als sie plötzlich verschwindet. Ihre Tätigkeit als Übersetzerin für die Übergangsverwaltung hat sie geheimgehalten.

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BAGHDAD CENTRAL | Official Trailer | Starring Waleed Zuaiter and Corey Stoll | Bild: Fremantle (via YouTube)

BAGHDAD CENTRAL | Official Trailer | Starring Waleed Zuaiter and Corey Stoll

Um Sawsan zu finden und Mrouj zu helfen, stimmt Khafaji zu die Besatzer beim Aufbau der irakischen Polizei zu untertützen - im Gegenzug wird seine Tochter im Militärkrankenhaus behandelt. Ein Deal, der auf Nachbarn und Familie wie Verrat wirkt - denn die vermeintlichen Befreier erweisen sich als eigennützig, ignorant und korrupt.

Mit Zwischentönen gegen das übliche Narrativ

Die Schwarz-Weiß-Logik  besonders US-amerikanischer Film-Narrative über den "War on Terror" greift in "Bagdad nach dem Sturm" nicht: Die Serie erzählt nicht von patriotischen Heldentaten und tragischen Soldatenschicksalen. Sondern vom Leben der Iraker im Chaos der Militäroperation – zwischen den Fronten der Koalitionsmächte und ihren oft undurchsichtigen interessen. Vorlage für die Serie ist der Roman "Baghdad Central" von Elliott Colla. Als Professor für arabische Literatur an der Georgetown Universität in Washington DC wollte er die Iraker ins Zentrum rücken, die durch die Invasion der Amerikaner plötzlich ihre Heimat, Identität und Souveränität verloren hatten.

Untergetaucht: Sawsan al-Khafaji (Leem Lubany) in einer Szene aus der arte-Serie "Bagdad nach dem Sturm"

Ein Aspekt der in den meisten anderen Erzählungen über diese Zeit höchstens am Rande thematisiert wird. Genau wie die Erfahrungen von Frauen, die "Bagdad nach dem Sturm" gleich von mehreren Seiten beleuchtet: Die Professorin Zubeida Rashid versucht das unterdrückerische System von innen zu verändern. Und auch ihre Studentin Sawsan und deren Schwester, zwei gebildete, unabhängige und eigensinnige, junge Frauen stehen für einen Irak, der es selten in westliche Medien schafft. Sie glauben an einen säkularen, freien Irak und für sie ist - wie sich herausstellt - ausgerechnet die Gegenwart der Besatzer eine besondere Gefahr.

Ein ungewöhnlicher, sehr sehenswerter Noir-Thriller

In sechs Folgen dringt Muhsin al-Khafaji tief in das schmutzige Intrigenspiel zwischen Amerikanern, Briten und irakischen Nutznießern ein und spielt dabei selbst mit doppelten Karten, um seine Familie zu retten. Verkörpert wird der zynische, aber warmherzige Ermittler vom palästinensisch-stämmigen Amerikaner Waleed Zuaiter, der die Verletzlichkeit seiner Figur sehr sensibel transportiert. Dass die Serie mit einem großen arabisch-sprachigen Cast und über weite Strecken auf arabisch gedreht wurde, verleiht ihr zusätzliche Glaubwürdigkeit.

"Bagdad nach dem Sturm" ist ein ungewöhnlicher Noir-Thriller unter der brennenden Wüstensonne, der mit seinen vielen unerwarteten Wendungen die Spannung konstant aufrecht erhält. Der Blick auf den Schmerz eines kriegsgeplagten und zerissenen Landes bleibt ungetrübt, weil sich die Serie nicht in politischen Kommentaren verfängt – und die ist dadurch besonders sehenswert.

Ein Beitrag aus der Bayern 2 kulturWelt. Den Podcast können Sie hier abonnieren. Die Serie "Bagdad nach dem Sturm" läuft ab dem 08.04.2021 donnerstags in Doppelfolgen um 21:05 Uhr bei arte und ist in der arte Mediathek abrufbar.