Neuer Film "Kids Run" zeigt Familienalltag als Boxkampf

Einst war Andi Boxer: Sein prekäres Leben als alleinerziehender Vater von drei Kindern aber ist härter als jeder Boxkampf. Barbara Ott erzählt in ihrem neuen Film "Kids Run" von einem atemlosen Leben – ohne die üblichen Klischees.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 01.06.2021

Szene aus dem Film "Kids Run" | Bild: Flare Film_Falko Lachmund

Ein muskulöser Rücken. Ein nackter Oberkörper, dem die Kamera folgt und der sich den Weg durch eine johlende Menge bahnt. Ein dunkler Raum und ein hell erleuchteter Ring. Andi klettert hoch und windet sich durch die Seile. Dann geht es gleich los. Ein glatzköpfiger Boxer verprügelt ihn übel. Als Andi zu Boden geht, blickt er kurz vor seinem Blackout noch hinüber zu der Tribüne, auf der seine Kinder sitzen.

Doch es ist alles nur ein Alptraum. Andi liegt Zuhause im Bett. Sein kleiner Sohn ruft nach ihm. Fast wie die Fortsetzung des Boxfights entwickelt sich die nächste Szene: Familiärer Nahkampf. Andi kämpft sich benommen aus der Horizontale hoch. Das Baby schreit. Es ist höchste Zeit. Die Tochter, das älteste seiner drei Kinder, muss zur Schule.

Alltag als nie endender Boxkampf

Familiärer Nahkampf: Für Andi gibt es keine Zeit zum Luftholen.

Das morgendliche Aufbruchschaos fordert Andi, den früheren Boxer, genauso wie seine Gegner im Ring. Voll innerer Spannung schaut man zu. Wartet darauf, dass der Gong kommt und Andi sich irgendwie in die nächste Runde rettet. Doch der erlösende Ton kommt nicht. Es geht einfach immer weiter. Schnell schnell. Runter durch das finstere Treppenhaus. Das Baby im Arm. Diesmal ist das kein Alptraum, sondern Realität. Draußen läuft Andi dem Vermieter über den Weg. Wieder fast ein Knockout.

Mit faszinierender Unbedingtheit erzählt Regisseurin Barbara Ott in ihrem Debütfilm "Kids Run" von Andi und seinen Kindern – atemlos und mit der Kamera immer nah dran. Andis Leben ist ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit. Jetzt muss er das Geld für seine Mietschulden aufbringen. Besser heute als morgen. Der Rhythmus der Montage ist trotzdem nicht hektisch, die Balance zwischen dem Getriebensein der Hauptfigur und den stilleren Momenten des Luftholens stimmt, etwa, wenn Andi in einem Kleintransporter sitzt, auf dem Weg zu einem Gelegenheitsjob auf einer Baustelle. Landschaften ziehen vorüber, ein Fluss wird überquert, es geht vorbei an Industriebrachen. Tochter und Sohn sind derweil in der Schule. Sie hat Andi zusammen mit einer Frau, die sich nicht mehr für die Kinder interessiert. Das Baby stammt aus einer anderen Beziehung, die erst kürzlich gescheitert ist. Tagsüber, während Andi arbeitet, ist der Säugling bei seiner Mutter, die dann nachts arbeitet.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

KIDS RUN - Trailer HD | Bild: farbfilmverleih (via YouTube)

KIDS RUN - Trailer HD

Klischeefreier Blick auf eine prekäre Lebenswelt

Toll ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Barbara Ott diesen Stoff entwickelt, ohne klischeehafte Dialoge, in denen Lebensmodelle erklärt würden, nein, die Sprache schwingt atmosphärisch mit, meist rau im Umgangston. Die Geschichte erzählt sich vor allem über die Bilder, direkt und unprätentiös, sie wirken nicht gefällig komponiert, sondern entwickeln ihre authentische Kraft aus sich heraus – minimalistisch, pur und voller Zärtlichkeit für die Protagonisten.

Auch die zweite Beziehung ging in die Brüche, trotzdem gibt es auch Liebe in Andis Leben.

Jannis Niewöhner in der Hauptrolle: eine Sensation! Er spielt diesen Andi zurückhaltend, agiert nicht äußerlich, sondern IST dieser wütende, manchmal aufbrausende, ansonsten eher passive Vater in prekärer Lage. Er und das gesamte Ensemble wurden für "Kids Run" letztes Jahr mit dem Deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet. Und Regisseurin Ott macht aus dem Stoff eben kein vorhersehbares Sozialdrama – sie öffnet den Blick auf eine Lebenswelt, erzählt von Frust, Überforderung, Zusammenhalt und Liebe. Denn natürlich liebt Andi seine Kinder.

Der Schluss bleibt offen – ohne Sentimentalität gestaltet Barbara Ott die letzten Bilder, ein bisschen Hoffnung keimt auf. Aber der mitreißende Film ist nicht auf ein Ende hin inszeniert: Der Weg ist das Ziel. Die Figuren von "Kids Run" über 100 Minuten zu begleiten, ist in der Komplexität der Charakterzeichnung durchaus beglückend.

"Kids Run" ist ab Donnerstag online auf www.alleskino.de zu sehen.

Ein Beitrag kulturWelt auf Bayern 2 – hier den Podcast abonnieren!