James Baldwin-Doku Streamingtipp: "I Am Not Your Negro"

Die Geschichte der USA ist untrennbar eine Geschichte der Schwarzen. Bis kurz vor seinem Tod hat James Baldwin für dieses Bewusstsein gekämpft. Der Film "I Am Not Your Negro" ist wütendes Portrait dieses feinsinnigen Kämpfers.

Stand: 16.12.2020 18:45 Uhr

James Baldwin in einer Menschenmenge | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Velvet Film

Alles beginnt mit einem Zufall. Als Regisseur Raoul Peck zu James Baldwin recherchiert, stößt er in dessen Nachlass auf den unveröffentlichen Text "Remember This House". Ein Manuskript, darin der 1987 verstorbene Literat Baldwin entscheidende Erinnerungen zu seinem Leben als Schwarzer in den USA festhält, vor allem an die Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre. Fragmente aus persönlichen Erfahrungen der Segregation und eine intime Auseinandersetzung mit drei großen Köpfen des Widerstandes: Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. Fast drei Jahrzehnte später hat Raoul Peck diesen Text zu einer sehr intensiven Dokumentation über den schwarzen Kampf gegen Unterdrückung verarbeitet - erzählt aus der Ich-Perspektive Baldwins.

Der Film beginnt mit Baldwins Kindheit. Warum ist Revolverheld John Wayne ein Nationalheiliger, jeder Schwarze mit Knarre aber ein Krimineller? Baldwin dröselt sie auf, die feinen Netze, in denen die weiße Erzählung vom minderwertigen Schwarzen fesgehalten sind und reproduziert werden. Findet sie auf der Leinwand wie im Alltag. Und Baldwin erinnert sich, wie die Schwarzen aufstehen, um sich aus diesen Netzen zu befreien. Allen voran King, Malcolm X und Evers.

Keine Legendenbildung

Baldwin, der elgant gekleidete, eloquente Literat und Intellektuelle scheut dabei nicht zurück, auch mit seiner eigenen Rolle ins Gericht zu gehen: "Ich war in jenen Jahren, ohne mir dessen bewusst zu sein, so etwas wie die große, schwarze Hoffnung des großen, weißen Vaters. Ich war kein Rassist, dachte ich zumindest – Malcom war Rassist, dachten sie zumindest." Gleichzeitig hinterfragt er die ideologischen Extreme der Bewegung. Den Pazifismus Kings, die Gewaltbereitschaft Malcolms. Es ist dieser subjektive Blick Baldwins auf die Heterogenität der Bewegung, die "I Am Not Your Negro" so klug und vielschichtig macht und davor bewahrt, stereotype Legendenbildung zu betreiben.

Der Film ist eine Analyse, Kritik und Anklage. Und hat, wie die Black Live Matters-Bewegung auf erschreckende Weise zeigt, bis heute nichts an Brisanz eingebüßt.