Frauen in der Filmbranche Quo vadis, Gleichberechtigung im Film?

Seit acht Jahren kämpft die Initiative ProQuote Film für mehr Gleichberechtigung in der Filmbranche. Viel hat sich seitdem nicht getan. Gesetzesänderungen und Sender bleiben halbherzig – das zeigen viele irritierende Beispiele.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 04.06.2021

Filmszene aus "Tatort - Der tiefe Schlaf" | Bild: BR/Kerstin Stelter

Mila Zhluktenko studiert seit 2014 an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film – in der Abteilung für Regie im Dokumentarfilm. Sie, Jahrgang 1991, sagt über ihre beruflichen Zukunftsaussichten: Es sei sowieso schon schwierig, aber als Frau noch mehr: "Wenn man sich die Zahlen anschaut, die bei ProQuote publiziert werden, kriegt man einen Schreck." Auf der Website von ProQuote Film liest man zum Status Quote aktuell: "Nur 15% der Kinofilme entstehen unter weiblicher Regie. Regisseurinnen bekommen max. 10% der Fördergelder, obwohl Frauen nahezu die Hälfte der Hochschulabschlüsse im Fach Regie ausmachen."

"Als Frau fragt man sich, wie man in diesem Beruf weiterbestehen soll", so Zhluktenko. "Also – man braucht nur einmal auf die Website klicken, und dann wird einem klar, warum diese Forderung gestellt wird." Die Forderung: Endlich ausgewogene Verhältnisse – die paritätische Vergabe von Mitteln und Aufträgen im Film- wie im Fernsehbereich, dazu Gremien, in denen ebenso viele Frauen wie Männer sitzen, sowie gleiche Bezahlung. 2014 gründete sich das Netzwerk ProQuote Regie, später umbenannt in ProQuote Film, um auf die oft prekäre Beschäftigungssituation von Regisseurinnen aufmerksam zu machen.

Neues Filmförderungsgesetz erfüllt Forderungen nur teilweise

"Im Filmförderungsgesetz (FFG) sollte festgeschrieben werden, dass mindestens 40% der Fördergelder an Projekte mit Regisseurinnen vergeben werden müssen. Dadurch werden Anreize für Produktionsfirmen und Sender geschaffen, die weiblichen Regie-Talente in den Wettbewerb zu bringen." Das fordert ProQuote seit Jahren. Das Ergebnis: Die soeben vom Bundestag debattierte Novellierung des Gesetzes wurde pandemiebedingt als Übergangsregelung mit nur zwei Jahren Laufzeit verabschiedet. Nun muss noch der Bundesrat zustimmen, dann tritt das FFG am 1. Januar 2022 in Kraft. Aufgenommen wurde in das Gesetz mehr Geschlechtergerechtigkeit in den Gremien, allerdings keine Quote und auch keine Regelung für eine gleiche Bezahlung.

"Es löst auf jeden Fall gewisse Ängste aus", sagt Mila Zhluktenko, "aber auch die Lust darauf, das zu ändern, und selber Filme zu machen, es anders zu machen, und zu erreichen, dass wir arbeiten können als Filmemacherinnen." Zhluktenko denkt und arbeitet wie viele ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen: Innerhalb des geschützten Raums der Hochschule praktizieren sie längst Gender-Gerechtigkeit und Diversität, aber sie sind sich im Klaren darüber, dass es später, auf dem freien Markt, nicht so bleiben wird. "Es gab ja zum Beispiel diesen Aufruf von Arte", erklärt Zhluktenko, "'Weibliche Regisseurinnen gesucht' – das wurde dann bei uns viel diskutiert, ob es nicht weiterreichen sollte, ob man nicht nur eine Regisseurin fördern, sondern das öffnen sollte, weil: Unsere Ausbildung ist wirklich exzellent, es kommen sehr viele talentierte Frauen aus den Filmhochschulen raus, jährlich, und ich würde jeder von Ihnen zutrauen, einen Film fürs Fernsehen zu machen. Deswegen – mehr Vertrauen und mehr Dialog auf Augenhöhe würden wir uns wünschen."

Arte scheitert an eigenen Ansprüchen

"Immer genau Hinschauen" – so beginnt ein Imagefilm des deutsch-französischen Kulturkanals Arte. Wendet man dieses Motto auf die Organisation des Senders an, erlebt man eine Überraschung, die einen in Bezug auf die Genderbalance ziemlich fassungslos macht: Die Zentrale in Straßburg wird von sechs Männern geleitet – vom Präsidenten über den Programmdirektor, den Verwaltungsdirektor bis zum Vizepräsidenten der Mitgliederversammlung. Die Geschäftsführer für ARTE Deutschland sind zwei Männer. Die beiden wichtigsten Posten bei ARTE France – Präsident und Redaktionsleiter – besetzen zwei Männer. In untergeordneten Gremien wie den Programmbeiräten und den Gesellschafterversammlungen sitzen zwar auch Frauen, aber sie sind immer in der Minderheit.

Wokes Programm, patriarchale Strukturen: Arte-Sitz in Straßburg.

Wie kommt es, dass ein Sender, der in seinem Programm so viel Wert auf Gleichberechtigung und Diversität legt, so männlich orientierte Strukturen aufweist? Und welche Auswirkungen hat das – vermutlich gar nicht so sehr auf der konkret operativen Ebene, sondern unterbewusst und sublim?

Aktion unterstreicht mangelnde Reflexion

Wohl gut gemeint war der von Mila Zhluktenko erwähnte Aufruf, den der Sender im Herbst an Filmregisseurinnen richtete – man lud zu einem Kurzdokumentarfilmwettbewerb ein, Titel: "Weibliche Regisseurinnen gesucht." Thema: "Unbeschreiblich weiblich". Der Wettbewerb richtete sich ausschließlich an Regisseurinnen.

Schon bevor die Teilnahmebedingungen abschließend veröffentlicht wurden, gab es Widerspruch. Einige Regisseurinnen gründeten #wirwarenimmerda, eine Interessengemeinschaft für den Strukturwandel. Sie produzierten ein vielstimmiges Protestvideo, das auf der Website der Gruppe zu sehen ist: "Sie wissen offenbar nicht", heißt es darin, "was wir brauchen oder wollen. Anders ließe sich Ihre jüngste Ausschreibung Regisseurin gesucht schwerlich erklären. Dem Duden zufolge, versteht man unter dem Begriff suchen 'die Bemühung, jemanden oder etwas Verlorenes oder Verstecktes zu finden'. Doch wir sind nicht versteckt oder verloren. Wir zeigen uns auf Filmfestivals, bei Pitchings und Screenings. Wir sind präsent!"

Eben: wirsindimmerda. Der Text des Videos ist einem Brief an Arte entnommen, den 800 Regisseurinnen unterschrieben und einige Branchenverbände unterstützten. Geschrieben hat ihn die Regisseurin Biene Pilavci zusammen mit ihrer Kollegin Pary El-Qalqili von der Initiative "NichtMeinTatort".

Reaktion auf Kritik halbherzig

"Wenn wir eine wirkliche strukturelle Gleichberechtigung hätten und eine tatsächliche gerechte Teilhabe von Filmemacherinnen in der Branche, dann bräuchten wir solche Instrumente wie Ausschreibungen, wo Regisseurinnen halt mal unbezahlt zu dem Thema 'Unbeschreiblich weiblich' was produzieren können – dann bräuchten wir die gar nicht", sagt Pary El-Qalqili.

Arte war anfangs verwundert über die Kritik, wollte man doch etwas Gutes, und veränderte die Teilnahmebedingungen dann noch in ein paar Details – Regisseurinnen konnten nun auch schon gedrehte Kurzfilme einreichen. Und das Thema "Unbeschreiblich weiblich" war nicht mehr zwingend. Aber nach wie vor mussten Frauen, wie es in dem Brief an Arte heißt, "in einem Schaulaufen gegeneinander antreten" und die Filme für eine Einreichung unentgeltlich produzieren.

Pary El-Qalqili ist das zu wenig: "Ein kleines Gedankenexperiment: stellen Sie sich einen Wettbewerb für Regisseure zum Thema 'Unbeschreiblich männlich' vor! Und? Was sehen Sie? Irritierend oder? Ihr Aufruf löst kein strukturelles Problem, er verstärkt es!"

Quote trifft auf Abwehr

El-Qalqili erklärt weiter: "Sie haben die Kritik anscheinend schon ernst genommen, und meinten, natürlich würden sie sich als Sender für Gendergerechtigkeit einsetzen. Sie würden jetzt auch entsprechende Fortbildungen anbieten. Aber unsere Forderung einer 50:50-Quote für eine tatsächliche Gleichberechtigung – das hat Arte nicht aufgenommen. Da haben wir Abwehr gespürt."

Die Quote. Sie wäre möglich. Sie wird inzwischen auch bei einigen Wirtschaftsverbänden und in Teilen der sonstigen Arbeitswelt durchgesetzt. Nur – die scheinbar so aufgeklärte Film- und Fernsehbranche wehrt sich. 

Diversitätsberichte in Eigenarbeit: ProQuote Film

"Ich denke, dass es eine Status-Quo-Politik ist", sagt Pary El-Qalqili. "Dass man lieber diese ungleiche Verteilung beibehalten will. Das bedeutet diese Politik ja. Wenn man keine Quote einführt, wird sich nichts ändern, auch durch so kleine Wettbewerbe und Nachwuchsprogramme nicht. Das sind alles nur Initiativen, die die tatsächliche eklatante Schieflage der Verteilung zwischen Frauen und Männern vertuscht."

Alle Regisseurinnen, die sich innerhalb ProQuote Film engagieren, sagen, dass es zwar Verbesserungen, mediale Aufmerksamkeit und viel Verständnis gebe, bemängeln aber, dass sich auch sieben Jahre nach Gründung des Netzwerkes noch nicht durchschlagend etwas verändert habe.

Nicht nur ein Männer-Problem

Die Regisseurin Esther Gronenborn gehört dem Vorstand von ProQuote an. Sie bemängelt nach wie vor die Verdienstlücke zwischen Frauen und Männern, also den Gender Pay Gap. Sie meint, dass die Gesellschaft im Denken immer noch in patriarchalischen Mustern festhänge: "Filme von Frauen, die erfolgreich sind, werden immer als Überraschungserfolg tituliert – das ist wirklich unmöglich."

Praktikumsangebot nach internationalem Durchbruch: Regisseurin Nora Fingscheidt (zw.v.l.) mit dem Cast von "Systemsprenger".

Ein Beispiel, das Gronenborn besonders irritiert: Die leitende ZDF-Redakteurin Heike Hempel schlug der Regisseurin Nora Fingscheidt nach ihrer Auszeichnung für das international gefeierte Jugenddrama "Systemsprenger" bei der Berlinale 2019 vor, sie könne am Regiefördernachwuchsprogramm teilnehmen und ein Praktikum bei der SOKO-Polizeiserie machen. "Das ist absurd", sagt Gronenborn. "Da fragt man sich, mit welcher Hybris solche Leute so etwas vorschlagen. Da fehlen einem die Worte." Kein Wunder, dass Nora Fingscheidt lieber das Angebot von Netflix annahm, einen großen Film mit Sandra Bullock in Kanada zu drehen.

Für Esther Gronenborn zeigt der Vorgang, dass das Problem nicht allein die Dominanz der Männer in der Filmbranche ist. Das sagt auch Regisseurin Pary El-Qalqili: "In den Redaktionen haben wir sehr viele Redakteurinnen, und wir wissen auch – selbst die sind in einer patriarchal geprägten Gesellschaft aufgewachsen, wie wir alle. Und entweder man emanzipiert sich von sexistischen stereotypen Wahrnehmungen, und der Annahme, dass Regisseurinnen weniger leistungsfähig sind als ihre männlichen Kollegen, oder nicht. Das hat aber nichts damit zu tun, ob man Mann oder Frau ist. Frauen können genauso stereotype Urteile fällen."

Sender bleiben Diversitätsberichte schuldig

Lange Zeit fehlte das Datenmaterial für eine konkrete Beurteilung der Beschäftigungssituation von Regisseurinnen. 2013 verfassten Esther Gronenborn und Verena Freytag den ersten Regie-Diversitätsbericht – eine Analyse zur Vergabepraxis in den fiktionalen Primetime-Programmen von ARD und ZDF, sowie einen Genderreport zum deutschen Kinofilm. Das Ergebnis war erschreckend. Im Bereich der Kinospielfilme lag die Gender-Analyse für die Jahre 2010 bis 2013 bei einem Anteil von 22% Frauen und 78% Männern. Die Genderverteilung im fiktionalen Programm von ARD und ZDF war noch verstörender – dort kamen Frauen auf 11% und die Männer auf 89%. Während die ARD in der Folge etwas nachbesserte und inzwischen mehr Frauen angefragt werden, allerdings bevorzugt für die Vorabendformate und seltener für die großen Event- oder Primetimemovies, hinkt das ZDF noch immer hinterher.

Verena Freytag erzählt, wie viel ehrenamtliche Pionierarbeit der erste Diversitätsbericht verlangte, immerhin unterstützt vom Bundesverband Regie und auch allen Männern dort: "Wir haben den ersten Bericht veröffentlicht in der Hoffnung, dass die Sender das dann im nächsten Jahr selbst machen, aber bis heute gibt es das nicht. Lediglich die Filmförderung hat angefangen das selbst zu machen. Die Sender haben wohl intern einen Bericht, aber der wird nicht veröffentlicht."

Dabei gehe es nicht nur um Programmanteile, Vergabepraxen und die Lohngleichheit. Insgesamt diversere Filmteams könnten Gesellschaft ganz anders abbilden, hätten durchaus Einfluss auf Sozialisation, Wahrnehmung, Meinungsbildung, Rollendefinitionen und Selbstbilder. Davon profitierten alle. "Letztendlich ist es nichts, was Männer ausschließt", so Freytag. "Es ist eher etwas, was alle weiterbringt. Das Männerbild wird aufgeweicht und bekommt neue Facetten, und verharrt nicht in den Klischees."

Ein Tool für mehr Ausgeglichenheit

Wie eine Gesellschaft sich in ihren Rollenbildern neuartig und kreativ hinterfragen kann, zeigt beispielhaft ein Tool, das die Schauspielerin Ruth Belinde Stieves entwickelt hat. Es heißt NEROPA – die Abkürzung steht für Neutrale Rollen Parität. Entwickelt hat Stieve das Tool als Methode zur Erhöhung des Frauenanteils in Drehbüchern und Theaterstücken und zur Vergrößerung der Diversität in der Besetzung, sowie zur Sensibilisierung und Schärfung des Bewusstseins.

"Nicht nur hinter der Kamera sind Frauen unterrepräsentiert", heißt es bei NEROPA, "wir sehen sie auch seltener auf der Leinwand. Mit NEROPA 9 […] werden Drehbücher nachträglich geschlechtergerechter und diverser gestaltet. Diese Aufgabe übernimmt eine Steuergruppe aus 3 Personen innerhalb einer Filmproduktion […[ – nicht durch Hinzufügen zusätzlicher Rollen, sondern indem einige neutrale (vormals männliche) Rollen in weibliche umgewandelt werden."

Problem bleibt trotz neuem Tool

Zumindest viele Nebenfiguren sind als sogenannte neutrale Rollen angelegt, das heißt, man kann prüfen, welche Besetzung aus historischer, dramaturgischer und inhaltlicher Sicht gendermäßig möglich ist. "Muss es ein Journalist sein, ein Arzt in der Notaufnahme, ein Busfahrer, ein Elektriker, ein Standesbeamter, ein Kellner?" heißt es weiter bei NEROPA. "Oder kann es auch eine Journalistin, eine Ärztin, eine Busfahrerin, eine Elektrikerin, eine Standesbeamtin, eine Kellnerin sein?"

Die Regisseurin Julia von Heinz arbeitet seit einiger Zeit mit NEROPA und hat etwa für einen "Tatort" Besetzungsänderungen durchsetzen können. So bekam die Schauspielerin Luisa-Céline Gaffron eine Rolle, die ursprünglich für einen Mann gedacht war. Natürlich freute sie sich über die Rolle, gibt aber zu bedenken: "Dieses Problem wird natürlich nicht gelöst durch so ein Tool. Es werden deswegen nicht auf einmal mehr Bücher geschrieben mit Frauen in der Hauptrolle. Es ist nur ein Tool, das klarmacht, was gerade schiefläuft."