Interview zur Dokumentation "Shiny_Flakes" "Die Polizei saß wirklich 14 Monate machtlos davor"

In der Netflix-Serie "How to sell Drugs online (fast)" verkauft ein Teenager in seinem Jugendzimmer Drogen übers Internet. Den wahren Fall dahinter zeigt der neue Doku-Film "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" von Eva Müller – auf ungewöhnliche Weise.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 03.08.2021 | Archiv

Maximilian Schmidt sitzt mit ernstem Blick in einem Gefängnisraum in einer Szene aus dem Dokufilm "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" von Netflix | Bild: Netflix

Aus seinem Kinderzimmer in der Leipziger Wohnung seiner Eltern verschickt ein 19-Jähriger in 14 Monaten etwa eine Tonne Drogen im Wert von 4,1 Millionen Euro. Kunden aus der ganzen Welt hatten sie über seine frei zugängliche Website shinyflakes.com bestellt. Was klingt, wie eine fabelhafte Idee aus der Feder einer Drehbuchautorin, ist genauso passiert. 2015 wurde der "Kinderzimmer Drogenbaron" Maximilian Schmidt verhaftet und zu sieben Jahren Jugendstrafe verurteilt. Als 2019 bei Netflix die von seinem Fall inspirierte Serie "How to sell Drugs online (fast)" startete, wurde Schmidt vorzeitig entlassen.
Ein neuer Dokumentarfilm von Netflix beleuchtet jetzt den wahren Fall, indem Maximilian Schmidt selbst zeigt, wie er vorgegangen ist. Dafür wurde sein altes Kinderzimmer in einer Lagerhalle in Leverkusen detailgetreu als Kulisse nachgebaut. Im Interview erzählt die Filmemacherin Eva Müller, warum sie diese ungewöhnliche Art der Inszenierung gewählt hat.

In "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" spricht Maximilian Schmidt zum ersten Mal in der Öffentlichkeit über seinen Fall. Hatte das mit dem Erfolg von "How to sell Drugs online (fast)" zu tun, die ja auch an seinen Fall angelehnt ist und auch von derselben Produktionsfirma btf stammt?

Eva Müller: Ich glaube, der Grund, warum er jetzt bereit war, darüber zu sprechen, war vor allem die Zeit, die vergangen ist. Zu dem Zeitpunkt, Anfang 2019, als wir angefangen haben zu sprechen, war er kurz vor seiner Entlassung aus dem Gefängnis, das dauerte da nur noch zwei, drei Monate. Und man merkte, dass er einfach lange Zeit zum Denken hatte und dann schließlich auch bereit war, sich einem Interview zur Verfügung zu stellen. Bis zum ersten ausführlichen Interview hat es fast ein Jahr gedauert, das zeigt ein bisschen, wie lange er darüber nachgedacht hat.

Wie ist denn das ungewöhnliche Konzept so entstanden, das Kinderzimmer, in dem er seine Internet-Drogengeschäfte abgewickelt hat, detailgetreu als Kulisse nachzubauen? Und wie schnell hat sich die Produktionsfirma davon überzeugen lassen?

Das Zimmer von Maximilian Schmidt wurde in einer Lagerhalle als Kulisse nachgebaut. Hier demonstriert er, wie er vorgegangen ist.

Die Idee, dass wir sein Kinderzimmer nachbauen und er dann da auch selber zeigt, wie das Verbrechen damals stattgefunden hat, kam sehr schnell auf. Mein Co-Regisseur Michael Schmitt hatte die Idee das Kinderzimmer nachzubauen. Und von Netflix kam die Idee, ob er uns das nicht selber zeigen kann. Das hatte mehrere Gründe: Es gibt in diesem Fall nur einen Tatort und der ist 14 Quadratmeter groß. Und wir wussten ziemlich genau, wie der aussah, weil es die Polizeiakten gab und da sah man eben den Grundriss des Zimmers und auch Fotos von der Durchsuchung damals. Das heißt, es war relativ einfach, das Zimmer eins zu eins nachzubauen. Inhaltlich hatte das den Grund, dass wir uns gefragt haben: Wie hat er das gemacht? Wie kann man auch am Computer gut zeigen, wie so etwas von statten geht?  So ein Verbrechen filmisch anspruchsvoll zu zeigen ist nicht einfach. Es findet viel im Internet statt, es findet viel online und im Computer statt. Und unser Ziel mit diesem Film war den Zuschauern zu zeigen, wie kommt man in diese Mühle, in dieses Verbrechen, in dieses kriminelle Handeln hinein als 16, 17, 18, dann später 19-Jähriger, der dieses Verbrechen begangen hat. Und da war die Idee, das an diesem Ort stattfinden zu lassen, sehr, sehr hilfreich, denn sonst sind Filme über Cyber Crime oft sehr bildarm, sehr bildschirm- und sehr grafiklastig. Und das hat uns einfach die Chance geboten, den Fall mal von einer anderen Seite zu zeigen.

Das kennt man aus deutschen Doku-Filmen so in der Regel eigentlich nicht, dass das alles so transparent inszeniert wird. Was ich interessant finde, ist, dass Maximilian Schmidt sich selbst spielt. Beim Schauen habe ich das nicht sofort verstanden und gerätselt, ob das ein richtig gut gecasteter Darsteller ist, denn in True Crime Dokus sind es ja oft eher Darsteller, die diese Szene nachspielen. Warum haben Sie sich dazu entschieden, dass Maximilian Schmidt das macht?

Auch darüber hat er sehr lange nachgedacht. Wir haben auch gemeinsam, ehrlich gesagt, viel darüber nachgedacht, weil es, wie Sie ja sagen, eine Besonderheit ist.
Ich glaube, gerade bei diesem Verbrechen handelt es sich um einen Verbrechenstyp, der relativ neu ist und für viele Menschen ganz unbekannt. Ein Jugendlicher, der bislang gar nicht straffällig geworden ist, wird durch den Computer im Kinderzimmer zum Verbrecher und begeht ein massives, großes Verbrechen aus seinem Kinderzimmer heraus, ohne dass das jemand mitbekommt, nur mit Hilfe von Werkzeugen, die er im Internet und im Darknet findet. Wir wollten gerne zeigen, wie das funktioniert. Und deswegen sind wir auf die Idee gekommen, dass er das selber macht und selber zeigt. Im Prinzip war das so, dass er damit in eine Zeit zurückversetzt wurde, die er ja selber durchlebt hat. Und es war gar nicht so, dass er wie ein Schauspieler agiert hat, sondern er war ja er selbst. Das heißt, ab dem Moment, wo er alle Hilfsmittel zur Hand hatte, hat er sich zurückversetzt in diese Zeit von damals. Und das ist dokumentarisch interessant gewesen. Deswegen zeigen wir auch wie er das erste Mal in das Zimmer hineingekommen ist oder wie er dann auf den Polizeieinsatz, den es auch im Film gibt, reagiert. Er hat dafür zum Beispiel auch kein Geld bekommen – natürlich nicht, denn das ist ein Teil der Dokumentation, dass er sich in diese Zeit zurückversetzt.

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Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord | Offizieller Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord | Offizieller Trailer | Netflix

Wie war es für ihn selber, das nachzustellen, also im nachempfundenen Jugendzimmer, das seinem eigenen sehr stark geähnelt hat? Hat das was mit ihm gemacht, konnten Sie das beobachten?

Wir zeigen das ja teilweise auch im Film, als er zum Beispiel das erste Mal in das Kinderzimmer hineinkommt, in das nachgebaute oder wir brechen da auch teilweise die vierte Wand, indem wir zeigen, wie er auf bestimmte Szenen reagiert, dann dokumentarisch. Und das war uns auch ganz wichtig – dass wir da immer wieder Pausen machen und uns auch begleiten lassen. Wir haben uns auch psychologisch begleiten lassen, denn wir wollten ihn natürlich auch nicht in eine Situation bringen, die für ihn unangenehm ist. Das Spannende an ihm ist ja, das sagt auch der Psychologe im Film, dass er auf eine für Außenstehende sehr oft nicht nachvollziehbare Art und Weise stolz auf das ist, was er da getan hat. Insofern: Er wollte das zeigen. Umso wichtiger war es für uns, dass man dann eben auch mit dem Staatsanwalt, mit der Polizei spricht und lange Interviews führt, um eben auch die andere Seite, die staatliche Seite zu zeigen.

Sie haben gerade schon von den Reaktionen von der Staatsanwaltschaft, von den Beamten, die am Fall beteiligt waren gesprochen. Ich finde, man hört da auch immer wieder so eine Art Anerkennung und Sympathie raus. Und die möchte man ihm als Zuschauerin auch irgendwie entgegen bringen, weil er diesen blinden Fleck im deutschen Kriminalsystem so bloßstellt. Gleichzeitig zeigt er aber gar keine Reue. Wie schwierig war es, erzählerisch eine Balance herzustellen, um ihn nicht zu idealisieren?

Das ist eine Frage, die wir uns permanent über diese zwei Jahre gestellt haben, denn das letzte, was wir möchten, ist, ein Verbrechen zu idealisieren.
Natürlich wollten wir auf der einen Seite zeigen: Wie hat Maximilian Schmidt das gemacht? Denn das ist die Frage, die sich die Leute stellen: Wie kann man aus einem Kinderzimmer eine Tonne Drogen im Wert von 4 Millionen Euro in die ganze Welt verschicken, ohne dass das zum Beispiel die Eltern oder irgendjemand mitbekommt? Und die Polizei saß wirklich 14 Monate machtlos davor, das sagt auch ehemalige LKA Präsident von Sachsen, Petric Kleine. Das ist ja das spannende Szenario. Deswegen muss man natürlich erst mal lange mit Maximilian Schmidt sprechen, um zu verstehen, wie er das gemacht hat. Der zweite Schritt ist dann mit der Polizei, mit der Staatsanwaltschaft, auch mit seinem Gutachter Dr. Hanns Christof Hieronymus – die sich zu unserem Glück alle zum Interview zur Verfügung gestellt haben – zu analysieren, was hat das auch mit ihm selber zu tun? Was ist das für ein Typ? Was ist das für ein Mensch, der das hinbekommt, der sich so in sich selber verschließt und so mit sich selber zugange ist, ohne dass jemand von außen etwas mitbekommt. Und das war eine große Herausforderung. Aber ich glaube, da uns das von Anfang an bewusst war, haben wir da eine ganz gute Balance zwischen Interviews auch von staatlicher Seite und dann aber auch Interviews mit ihm und den Reenactments gefunden.

Was ich mich auch gefragt habe: er hat selber nie Drogen genommen. Er hat nicht auf der Straße gedealt. Er ist ein Teenager aus stabilen Verhältnissen, dem eigentlich nichts gefehlt hat und der dann Skills angewendet hat, die die Polizei so jetzt nicht von Drogendealern erwartet. Und in "Shiny Flakes" hört man von staatlicher Seite schon fast anerkennende Kommentare. Für mich zeigt das auch so ein bisschen eine Doppelmoral in unserem Justizsystem, wenn es um Wirtschafts und Straßenkriminalität geht.

Ich glaube, da das eine völlig neue Art des Verbrechens ist – also neu im Sinne von seit fünf bis zehn Jahren – ist das etwas, wo auch die Polizei teilweise staunend davor sitzt. Und das ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Verbrecher sind schneller als die Polizei, die haben andere Möglichkeiten. Allein aus datenschutzrechtlichen Gründen hat die Polizei immer wieder Nöte gehabt, ihm auf die Schliche zu kommen, ihm hinterherzukommen. Jetzt muss man dazu sagen, dass der Fall von 2013 ist. Es ist jetzt also schon fast zehn Jahre her. Inzwischen gibt es in Deutschland überall neue Stellen, die sich um diese Verbrechen kümmern. Aber tatsächlich merkt man aus den Interviews der anderen Beteiligten eine gewisse Form von – Anerkennung ist es nicht, aber Staunen vor dieser Leistung eines 19-Jährigen. Das sagt auch Petric Kleine, der ehemalige LKA-Chef, im Interview, immer wieder: Dass das einer, ein 19-Jähriger, logistisch und inhaltlich und computertechnisch alleine schafft, das konnten wir uns überhaupt nicht vorstellen.

Er war am Ende des Tages aber trotzdem ein Drogendealer, genauso wie die Jungs, die im Park stehen.

Ja, genau. Und ich glaube auch, dass die Zuschauer sich immer wieder überprüfen und staunend vor diesem Menschen stehen, der wirklich ja auch keinem Klischee entspricht. Und da muss man sich auch vonseiten der Polizei Gedanken darüber machen, dass es einen neuen Typ des Verbrechers gibt, der Computer versiert ist, der technisch fit ist, im Zweifel überhaupt keine kriminelle Vorstrafen oder kriminelle Vorerfahrung hat und der dann aber im Zimmer über den Computer genau so schwerwiegende und harte Straftaten begeht, wie das eben ein Drogendealer am Bahnhof tut und sogar darüber hinaus. Denn vier Tonnen Drogen sind ja nicht Nichts.

Es kommen ja im Film wirklich so gut wie alle Beteiligten, sogar Arbeitgeber Freunde dann später auch zu Wort, aber nicht die Eltern. Warum ist das so?

Wir haben uns mit Maximilian Schmidt vor Beginn der Dreharbeiten auf Koordinaten geeinigt. Wir haben gesagt, uns ist es sehr wichtig, dass die staatliche Seite genauso zu Wort kommt, die Polizei, die Staatsanwalt. Er hat gesagt, ihm ist es wichtig, dass seine Liebsten, also seine Familie, seine Mutter, seine Geschwister, seine engsten Verwandten nicht interviewt werden. Und das haben wir respektiert. Das finde ich auch in Ordnung, wenn man sagt: Das ist meine Tat gewesen, dafür stehe ich hier ein. Das haben wir respektiert auch vor dem Hintergrund dessen, was die Staatsanwaltschaft uns gesagt hat. Es wurde eingehend untersucht, ob die Familie da zum Beispiel eine helfende Rolle gespielt hat. Denn das hätte ja auch sein können, gerade weil es unglaublich ist, dass das aus einer Wohnung heraus geschieht, ohne dass die Eltern das mitbekommen. Und da das von der Polizei ausgeschlossen wurde, fiel uns das auch leicht zu sagen: Okay, wir respektieren, dass die Familie keine Rolle spielt.

Haben Sie beim Dreh schon damit gerechnet, dass er möglicherweise rückfällig werden könnte?

Keine Sekunde. Wir haben natürlich immer gewusst, dass wir es mit einem Straftäter zu tun haben und auch mit jemandem, der massive Verbrechen begangen hat. Denn nicht ohne Grund bekommt man mit 20 Jahren sieben Jahre Jugendstrafe. Wir haben lange Zeit nicht gewusst, dass er tatsächlich mutmaßlich wieder kriminell geworden ist. Die ersten Hinweise kamen durch die Polizei selber. Ich glaube, wer den Film zu Ende guckt: Die Moral ergibt sich durch das Ende.

Das große Rätsel ist allerdings noch nicht geklärt. Wo ist eigentlich das Geld, was er mit seinem Drogenhandel verdient hat? Haben Sie irgendeine Ahnung?

Die Polizei weiß bis heute nicht, wo der Rest des Geldes geblieben ist. Ein Teil wurde gefunden, aber der Großteil nicht. Die Polizei sagt: da ist noch was. Maximilian Schmidt sagt: da ist nichts mehr, es sei eine Pattsituation. Und ich bin gespannt, ob die neuen Ermittlungen, die es jetzt aktuell gibt, neue Hinweise liefern. Insofern ist der Film oder die Geschichte tatsächlich noch nicht beendet. Und wir werden natürlich dranbleiben und den Film auch aktualisieren, sollte sich noch etwas Neues ergeben. Bisher ist das aber nicht so.

Die Dokumentation "Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord" ist bei Netflix streambar, genau wie auch Dramedy-Serie "How to sell Drugs online (fast)", die an den Fall angelehnt ist. Eine neue, dritte Staffel ist gerade erschienen.
In der
ARD Mediathek finden Sie auch eine Doku über den Fall: "Shiny Flakes" - das kriminelle Kaufhaus eines jungen Leipzigers