80 Jahre Wannseekonferenz "Wir können historische Spielfilme nicht als Dokumente nehmen"

Von der Wannseekonferenz, bei der Eichmann, Heydrich und Co. die Durchführung der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" besprochen haben, gibt es nur ein Protokoll. Keine Bilder. Was heißt das für die Verfilmungen der Konferenz, auf der die Ermodung von Millionen Juden beschlossen wurde? Ein Gespräch mit dem Historiker Tobias Erbbrecht-Hartmann zum heute im ZDF ausgestrahlten Fernsehfilm.

Von: Christoph Leibold

Stand: 24.01.2022

80 Jahre Wannseekonferenz TV-Film im ZDF: : Besprechungsszene des Films «Die Wannseekonferenz» mit Dr. Rudolf Lange (Frederic Linkemann, l-r), Dr. Eberhard Schöngarth (Maximilian Brückner), Dr. Josef Bühler (Sascha Nathan), Dr. Georg Leibbrandt (Rafael Stachowiak), Dr. Alfred Meyer (Peter Jordan), Adolf Eichmann (Johannes Allmayer), Ingeburg Werlemann (Lilli Fichtner), Heinrich Müller (Jakob Diehl), Reinhard Heydrich (Philipp Hochmair), Otto Hofmann (Markus Schleinzer), Dr. Gerhard Klopfer (Fabian Busch), Friedrich Wilhelm Kritzinger (Thomas Loibl), Dr. Wilhelm Stuckart (Godehard Giese), Martin Luther (Simon Schwarz), Erich Neumann (Matthias Bundschuh), Dr. Roland Freisler (Arnd Klawitter) | Bild: dpa-Bildfunk/ Julia Terjung

Am 20. Januar 1942, heute vor 80 Jahren, lud Reinhard Heydrich, SS Obergruppenführer und enger Vertrauter Heinrich Himmlers, hochrangige NSDAP-Mitglieder in eine Villa am Großen Wannsee. Auf der Tagesordnung: die sogenannte Endlösung der Judenfrage. Heute ist das Haus der Wannseekonferenz eine Gedenk- und Bildungsstätte und derzeit findet dort eine Tagung statt, die sich mit der Relevanz der Wannseekonferenz für die Geschichte und das heutige Bewusstsein über die Shoah befasst. Einer der Tagungsteilnehmer ist Tobias Erbbrecht-Hartmann. Er lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem Filmgeschichte, Deutsche Kulturgeschichte und Erinnerungskulturgeschichte.

Christoph Leibold: Was die Relevanz der Wannseekonferenz für die Geschichte betrifft, sollten wir zu Beginn des Gesprächs vielleicht erst mal eine weit verbreitete Ungenauigkeit korrigieren. Die Villa war nicht der Ort, an dem die sogenannte Endlösung beschlossen wurde. Das wurde schon vorher beschlossen…

Tobias Erbbrecht-Hartmann: Ja, es handelte sich eigentlich um eine Besprechung für Mitarbeiter, für Vertreter der Ministerien, der Verwaltung und der Partei, in der es darum ging, die sogenannte Endlösung umzusetzen. Die Fragen, die dort diskutiert wurden, waren in erster Linie administrativer Art. Es bestand bereits ein Konsens, dass genau diese vermeintliche Evakuierung, die im Prinzip Ermordung bedeutete, durchgeführt werden soll.

Sie publizieren ja unter anderem zu filmischer Erinnerung an den Holocaust und auch zum Umgang mit historischem Filmmaterial. Daher sprechen Sie auf der Wissenschaftstagung heute auch zum Thema Spuren der Wannseekonferenz in Literatur und visueller Kultur. Lassen Sie uns erst mal über historisches Filmmaterial sprechen. Die Wannseekonferenz war ein Geheimtreffen. Also da existieren gar keine Bewegtbild-Aufnahmen, oder?

Haus am Wannsee: Heute einne Bildungs- und Gedenkstätte

Nein, die Wannseekonferenz ist ein Ereignis ohne Bilder. Und das ist wahrscheinlich auch genau der Grund, warum die Herausforderung besteht, dieses Ereignis irgendwie zu bebildern. Vor allem, weil ihm im Nachhinein so eine große Bedeutung zugewiesen wurde. Aber selbstverständlich hat dort keiner fotografiert. Es gab keine Pressefotografen, es wurde kein Gruppenbild gemacht. Das einzige Dokument, das wir haben, ist das Protokoll, das dann selber sozusagen ikonisch geworden ist und auch in vielen Filmen visualisiert wird, indem es vor der Kamera gezeigt wird oder die Kamera darüberfährt. Was sich natürlich über die Wannseekonferenz schiebt, sind all die anderen Bilder, die wir über den Holocaust haben. Die Wannseekonferenz ist sozusagen eine Leerstelle, die gefüllt wird mit den Bildern der Vernichtung.

Solche historischen Begebenheiten werden auch immer wieder Gegenstand von Spielfilmen. Des ZDF hat einen neuen Film über die Wannseekonferenz gedreht, der am Montag läuft. Aber es gibt mindestens schon zwei weitere Filme zu dem Thema des Film-Drama "Conspiracy" von 2001. Und das Deutsche Dokumentarspiel "Die Wannseekonferenz" von 1984, das gerade erst wieder in ARD Alpha gezeigt wurde. Letzteres ist ein "erschütternder Film", wie Das Internationale Filmlexikon schreibt. Der Spiegel dagegen hat damals schon kritisiert: Das ist im Film nicht die Wannseekonferenz wie sie die Historiker kennen, es ist eine Wannseekonferenz, wie das Drehbuch sie sich wünscht. Wie sehen Sie denn solche Filme, die einerseits ja eine breite Öffentlichkeit für das Thema schaffen, aber oft zu dem Preis, dass die Filmdramaturgie vor historischer Faktentreue geht.

Wenn wir über historische Filme sprechen, dann sprechen wir eigentlich immer über Darstellungen der Vergangenheit, die ganz stark von unserer jeweiligen Gegenwart geprägt sind. Wir können historische Spielfilme nicht als Dokumente für die Geschichte nehmen, sondern wir müssen darin eigentlich eher die Spuren entdecken, welche Interpretationen zu einer gewissen Zeit vorherrschend sind. Und da ist der Film über die Wannseekonferenz von 1984 insofern auch interessant, weil er ein Beleg dafür ist, wie sich in der Bundesrepublik in den 80er-Jahren die Haltung gegenüber dem Holocaust ändert und es eine stärkere Auseinandersetzung gibt, die auch schon in die Auseinandersetzung mit Täterschaft hineingeht. Das Problem ist einfach, wir wissen nicht, was dort passiert ist. Die Wannseekonferenz selbst, rekonstruiert von Historikern, basiert zu einem guten Teil auch aus Imagination, auf Interpretation. Insofern sollten wir eher die Frage stellen: Was will eine Verfilmung? Und da sehe ich dann eher das Problem, wenn man mit populär-kulturellen Mustern arbeitet wie in "Conspiracy", und sehe weniger das Problem bei dem sehr nüchternen Dokudrama-Format, das in dem Film von 1984 verwendet wird.

Und wie schneidet diesbezüglich der neue ZDF-Film ab, den Sie bereits gesehen haben? Und was sagt der über unseren jetzigen Stand der Auseinandersetzung aus, wenn Sie sagen, da ist immer auch unsere Zeit mit drin zu sehen?

Der neue Film ist insofern interessant, weil er einerseits an bestimmte dramaturgische Muster anknüpft, die in den beiden vorherigen Filmen auch schon angelegt waren, aber sich, wie ich finde, doch noch mal zurückbesinnt auf das Protokoll als Grundlage. Aber das Protokoll wird nicht einfach nur dramatisiert, wie das teilweise in dem Wannseekonferenz-Film von 1984 der Fall ist, sondern es wird in gewisser Weise übersetzt. Der Film versucht, die Entsprechung zu finden, was tatsächlich gesagt wurde, oder was hätte gesagt werden können. Das Protokoll ist ja nicht ein Wortlautprotokoll, sondern ein vielfach verarbeitetes, überarbeitetes Dokument, wo wir eigentlich erst wieder freilegen müssen, was war wohl die Art, wie diese Herren miteinander gesprochen haben? In dem neuen Film ist das Verstörende, dass man manchmal wirklich das Gefühl hat, man wohnt der Supervision eines global agierenden Unternehmens bei. Man sieht dort sozusagen einen Manager, der seine Mitarbeiter versucht einzubinden, sie zu Eigenengagement anzuleiten. Der Heydrich kommt manchmal eher als Mediator oder Manager rüber. Das fand ich persönlich das Verstörende, weil es diesem Begriff der Banalität des Bösen noch mal eine neue Wendung gibt.

Vielleicht eins noch: Ohne zynisch sein zu wollen, aber überspitzt formuliert muss man sagen: Hätte es den Holocaust nicht gegeben, die Film- und Fernsehindustrie hätte ihn fast erfinden müssen. True Crime ist ein sehr beliebtes Genre und hier haben wir es ja mit der gesteigerten Form des echten Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu tun. Was ich damit sagen will: Dieses Etikett "Basierend auf einer wahren Begebenheit" lässt sich auch ganz übel ausschlachten. Wie oft ärgern Sie sich – sind vielleicht sogar empört als Historiker – über Filme, die den Holocaust lediglich als maximalen Schauder-Effekt missbrauchen?

Ich ärgere mich natürlich darüber. Ich ärgere mich darüber, wenn sozusagen historisches Bildmaterial schlecht oder falsch kontextualisiert wird, wenn der Holocaust nur als Trigger genommen wird, um einen Schauder zu erzeugen. Aber andererseits sehe ich, dass auch das teilweise wichtig ist. Meinen Studierenden zeige ich immer, wenn ich das Thema im Unterricht behandele, als erstes eine Szene aus der Comic Verfilmung „X-Men“, wo niemand zunächst darüber nachdenken würde, dass es sich dabei um einen Holocaust-Film handelt. Und man kann sagen, es ist Trivialisierung, das ist Ausschlachtung. Aber es ist eben gerade in diesen Formaten auch immer eine Möglichkeit, Publikumsschichten zu erreichen, die sich normalerweise für dieses Thema nicht interessieren. Und das ist eine Möglichkeit, die ich selbst noch in den meisten eher schlechteren Produktionen hoffe zu sehen und dann versuche, die Menschen dort abzuholen mit besseren und komplexeren kulturellen Erzählungen.

Der Fernsehfilm über die Wannseekonferenz von Regisseur Matti Geschonneck läuft am Montag, den 24.1., um 20.15 Uhr im ZDF, im Anschluss daran gibt es eine Doku zum Thema. Spielfilm und Doku stehen bereits jetzt in der ZDF-Mediathek.

Der Gespräch lief in der kulturWelt die Sie hier nachhören und abonnieren können.