Lockdown Weihnachten um jeden Preis?

Die Niederlande verhängen einen strengen Lockdown. London ist ein Katastrophengebiet. Und wir feiern Weihnachten. Geht das zusammen? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 30.11.2021

Weihnachtsbaum mit einem Stern, auf dem jemand die Aufschrift "Ich wünsche mir eine glückliche Familie" angebracht hat. | Bild: pa/dpa/Martin Schutt

Die Einschläge kommen näher. Erst hat Österreich, dann Holland einen Lockdown verhängt. London wurde zum Katastrophengebiet erklärt. Schaffen wir es noch bis Weihnachten, ohne einschneidende Maßnahmen zu verhängen?
Ich geh auf dem Zahnfleisch. Jeden Morgen versuche ich meinen Töchtern glaubhaft zu versichern, diesmal kommen sie um das Homeschooling herum. Selbst glaube ich immer weniger daran. Jeder Friseurbesuch, jedes Training schmeckt wie das letzte – ein Fitzelchen Normalität, bevor alles wieder für Monate zumacht. 2020 wurde der Lockdown am 16.12. verhängt. Und dieses Jahr? Müssen wir wieder ein von Hygienevorschriften bis auf die blanken Knochen reduziertes Weihnachten feiern? Und wird eine solche Maßnahme ausreichen, dass wir ein Silvester ohne Ausgangssperre bekommen? Oder sind das gar Wünsche, die alles nur schlimmer machen? Denn für die Freiheiten im Dezember werden wir vermutlich im Januar zahlen müssen. Kein Lockdown an Weihnachten klingt so wie die Erklärung von suspense, also von unerträglicher Spannung durch Hitchcock: Im Internat quälten seine Lehrer die Schüler damit, sich aussuchen zu dürfen, wann sie die Prügelstrafe erhielten. Was alles schlimmer machte. Jeder Tag war vergiftet mit der Angst, was auf sie noch zukommen würde. Und so frage ich mich: Was kommt nach Weihnachten?

Politische Verantwortungs-Resilienz

Der Lockdown wird kommen, so wie in den Niederlanden. Und das verbittert mich. Weil meine Anstrengungen, möglichst niemanden anzustecken, so ganz und gar fruchtlos zu sein scheinen. Aber auch, weil ich manche Maßnahmen, die eher Nicht-Maßnahmen sind, nicht verstehe. Wieso sagt das Bayerische Kultusministerium nicht, die Ferien beginnen früher, damit es eine Quarantäne gibt, damit die Enkel ihre Großeltern nicht anstecken? Der Soziologe Harald Welzer sprach im 3sat-Interview aus, was viele von uns denken: Er beobachte eine "Verantwortungs-Resilienz" in der Politik. Frei nach dem Motto: Wer nicht handelt, macht keine Fehler. Angesichts einer vierten Welle, angesichts der wegen Omikron drohenden, die nicht überraschend kamen und kommen, ein fatales Verhalten.

Winter is Coming

Alle mit ein wenig Verstand wissen, vor uns steht ein harter, langer Winter. Weil wir keine Impfquote von 85 Prozent haben. Weil unsere Politik nicht entschieden handelt. Oder im Falle von Jens Spahn, der offenbar unbedingt als Sieger über die Pandemie auftreten wollte, es mit Leuten zu tun haben, die alles noch viel schlimmer gemacht haben. Aber auch, weil Liberalität und Freiheit falsch verstanden wurden. Hannah Arendt lobte die USA, weil dort die Bürger die Freiheit zu ihrem Anliegen gemacht haben, sie also eigenverantwortlich gehandelt haben. Sie haben die Freiheit geschützt, indem sie sich als Teile eines Gemeinwesens verstanden und nicht als vereinzelte Siedler. Bei AfD und immer wieder bei der BILD  erleben wir das Gegenteil, hier werden Freiheiten als Privilegien jedes Einzelnen verstanden, die es bis zum bitteren Ende auszureizen gilt: "Ist es eine Grundrechtseinschränkung, sich eine Maske aufsetzen zu müssen?"

Wunderschönes Biest Familie

Ich lechze nach Normalität. Nach 19 Monaten Pandemie brauche ich jede Form von Nähe, auch so problematische wie die zur Familie. Meine Töchter haben mich in der Pubertät einem kalten Entzug unterzogen: keine Berührungen, nur noch widerwillig Geschichten aus ihrem Leben beim Abendbrot. Ich weiß, wie das Fehlen von Nähe schmeckt. Diesmal wollen sie unbedingt mit zu Oma, wollen unbedingt mit ihren Cousinen und Cousins "Siedlern", also vier bis fünf Stunden gemeinsam bei einem Spiel sitzen. Deswegen werde ich mich in diesem Jahr nicht mit meinem Schwager über seine Impfverweigerung unterhalten, wir werden stattdessen beide schief aber laut "Oh du fröhliche" singen. Aber damit ich mich dem "wunderschönen Biest Familie" (Roxanne Gay) aussetzen kann, brauche ich Sicherheit. Ich will nicht bis dahin zittern, ich brauche keine suspense, wann der nächste Lockdown kommt. Mir hat es nicht genügt, dass Markus Söder nur seine Zustimmung andeutet hat, bundesweit die Ferien am 17.12. beginnen zu lassen – passiert ist nichts.
Ja, wir bekommen Weihnachten. Aber eines, für das wir später höchstwahrscheinlich bezahlen müssen. Wir sollten aus fast zwei Jahren Pandemie mehr gelernt haben. Wir brauchen Weihnachten. Und wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass wir es feiern können!