"Die jüngste Tochter" von Fatima Daas Sie ist Muslimin. Und sie liebt Frauen.

Eine junge Muslimin, die entdeckt, dass sie lesbisch ist: Fatima Daas erzählt von einer komplizierten Selbstfindung. Denn die Autorin will sich nicht entscheiden müssen zwischen Religion und einem freien Leben. Ein aufsehenerregender Debüt-Roman und Überraschungserfolg in Frankreich.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 12.07.2021

Fatima Daas "Die jüngste Tochter" | Bild: Ullstein Verlag Joel Saget

"Ich heiße Fatima", das ist der erste Satz des Romans "Die jüngste Tochter" von Fatima Daas. Und so fangen auch fast alle übrigen Kapitel des Buches an, gefolgt von verschiedenen Attributen wie "ich bin Muslimin", "ich bin Asthmatikerin", "ich bin Französin" – Stück für Stück wird Fatimas Identität durchdekliniert. Doch Eigenschaften wie "muslimisch" und "lesbisch" gehen in Fatimas Welt nicht zusammen. Im Original in einem arabisch durchwirkten Französisch verfasst, wurde der Roman von Sina de Malafosse ins Deutsche übersetzt. Zusammen mit der Autorin Fatima Daas hat sie gerade den internationalen Literaturpreis des Berliner Hauses der Kulturen der Welt bekommen. Judith Heitkamp hat mit Sina de Malafosse über "Die jüngste Tochter" gesprochen.

Judith Heitkamp: Wie Suren des Korans, aber auch wie Rap, so sei die Sprache dieses Romans, so hieß es bei der Preisverleihung. Eine richtige Beschreibung für den Text?

Sina de Malafosse: Ich finde es immer schwierig, klare Parallelen zu zeichnen. Für mich ist das ein eigenständiges Werk. Aber natürlich gibt es Einflüsse. Der Koran bildet für mich einen Kontrapunkt, weil diese Gebete eingeflochten werden, aber einen ganz eigenen anderen Ton haben. Im Rest des Textes spüre ich eher die französische Tradition: Annie Ernaux, Marguerite Duras, die auch zitiert werden, und vielleicht Rap-Songs, Jugendsprache. Einen ganz eigenen Rhythmus.

Wie kriegt man französische Jugendsprache mit ihren eigenen Regeln ins Deutsche? Da sind viele französische Bezüge, bis hin zur Kolonialgeschichte, ja gar nicht da.

Das ist ganz schwierig. Wir haben einfach in Deutschland eine andere Geschichte der Einwanderung als in Frankreich. Auch die sprachlichen Einflüsse sind andere, und was man eben nicht machen kann, ist eine Nachbildung etwa über Elemente wie türkische Einflüsse im Deutschen. Manches kann man nicht komplett übertragen. Dann fließen arabische Wörter ein, so wie auch im Original. Rhythmus ist Rhythmus, egal wo er herkommt – und ich musste da auch dem Wunsch nach Eingängigkeit widerstehen, denn das Buch hat viele rhythmische Brüche.

Fatima wächst in einer muslimischen französisch-algerischen Familie auf. Langsam wird klar, dass sie Frauen liebt. Sehr langsam, weil es in Fatimas Welt dafür gar keine Ausdrucksmöglichkeiten gibt. Für ihre Eltern ist Homosexualität Sünde. Wie vermittelt sich dieser Prozess?

Sina de Malafosse

Sie beginnt ja immer mit diesem: "Ich heiße Fatima Daas …" – für mich ist das wie der erste Buchstabe im Alphabet, das A – und versucht dann, ihre Identität auszubuchstabieren. Das Wichtigste ist, das Schweigen zu brechen, es überhaupt zu versuchen, Worte dafür zu finden, wie ihre Identität aussieht. Und das geht dann viel über Anekdoten, über Beschreibungen von Situationen, Gespräche mit Freunden, eine Begegnung mit ihrer Mutter in der Küche.
Das Buch ist nicht rein chronologisch aufgebaut, aber man sieht, dass das Verhalten der Erzählerin sich in den einzelnen Situationen verändert. Und sie reflektiert dann im Nachhinein dieses Verhalten und gewinnt dadurch nach und nach eine gewisse Freiheit.

Schweigen scheint das Kommunikationsmittel der Familie zu sein.

Ja, es findet viel nonverbal statt. Ich weiß aber nicht, ob es wirklich ein friedvolles Schweigen ist. Es ist zumindest so: Wenn Dinge nicht angeklagt werden, ist das schon mal ein Zugeständnis. Fatima ist Teil einer traditionellen muslimischen Familie, ihre Homosexualität ist etwas, was in ihrem Glauben und für ihre Eltern eigentlich nicht akzeptabel ist. Dass sie es erst mal verschweigen, ist vielleicht auch ein Entgegenkommen in diesem Moment. Aber die Erzählerin muss eine Beschreibung dafür finden, irgendwann reicht das Schweigen nicht mehr aus.

Wie ist es Ihnen beim Lesen ergangen, als deutlich wird, dass Fatima wirklich beides will: ein freies Leben und ihre Religion behalten?

Was ich beeindruckend finde, ist diese vordergründige Ruhe. Vieles wird erst einmal aus einer Beobachterposition heraus festgestellt. Sie fängt an, in sich selbst nachzuforschen, manchmal hat das auch etwas von einem Gebet oder von einer Beichte, und gleichzeitig widersetzt sie sich dieser Entscheidung für eine Community, für eine ganz klar umrissene Identität. Sie wechselt zwischen den Welten, aber sie bleibt sie selbst. Und sie hört mit der Suche nicht auf. Auch am Ende des Buches ist die Suche nach allen Facetten ihrer Identität nicht beendet.

Hat das Buch einen Nerv getroffen in Frankreich? Es war ja auf Anhieb sehr erfolgreich und sofort mitten in der Debatte …

Das hat auf jeden Fall einen Nerv getroffen. Weil es eben zwei Themen zusammenbringt: einerseits Homosexualität und die Frage, wie Homosexualität in der Gesellschaft gelebt und akzeptiert wird, und andererseits den Islam, der in Frankreich verknüpft wird mit vielen gesellschaftlichen Konflikten. In Frankreich ist dieses Thema Islam, Toleranzfähigkeit des Islams, viel stärker im Zentrum der Debatte um das Buch als in Deutschland. Bis dahin, dass gesagt wird, dass sie als lesbische Frau in ihrer muslimischen Gemeinde eigentlich keinen Platz habe und sich da herausnehmen müsse. Und das ist überhaupt nicht das, was das Buch sagt.

In Interviews berichtet die Autorin, dass ihr immer wieder entgegenkomme, dass sie sich doch eigentlich vom Islam trennen müsse.

Ja, und da hat sie sehr mutig reagiert. Sie hat sich dieser Vereinnahmung widersetzt. Sie wollte sich nicht vom Islam distanzieren, sie wollte ihn auch nicht kritisieren oder reformieren. Sie hat da ganz klar ihre Rolle: zu beschreiben, wie man auch im Dazwischen existieren kann. Das wurde ihr zum Teil vorgeworfen, diese Debatte kommt immer wieder auf. Aber sie macht das sehr gut, finde ich. Sie zeigt damit, dass sie von keiner Seite vereinnahmt werden möchte.

Der Autorinnenname ist der Name der Figur, "Fatima Daas", ein Pseudonym und nicht zu verwechseln mit der Autorin, wenn auch sicherlich Erfahrungen einer eigenen Identitätssuche da einfließen. "Bevor ich mir zu schreiben erlaubte, erfüllte ich die Erwartungen der anderen", heißt es an einer Stelle. Sie haben sie getroffen bei der Preisverleihung in Berlin, was denken Sie, wird es nach diesem Debüt weitere Bücher dieser Autorin geben?

Ich bin mir ganz sicher, dass es weitere Bücher geben wird, denn was Fatima Daas in erster Linie interessiert, ist das Schreiben und das Erkunden von tieferen Schichten unserer Existenz. Das ist etwas Allgemeingültiges. Es mag sein, dass jetzt biografische Elemente einfließen, aber ihre Art zu schreiben und dahin vorzurücken, wo Konflikte entstehen, eine sprachliche Form für Dinge zu finden, die schwer greifbar sind – das ist etwas, das bleibt ihr erhalten. Und ich bin sicher, dass wir das in weiteren Büchern finden werden.

"Die jüngste Tochter" von Fatima Daas ist, übersetzt aus dem Franzöischen von Sina de Malafosse, im Claassen Verlag erschienen.

Ein Gespräch aus dem Büchermagazin Diwan auf Bayern 2. Den Podcast finden Sie hier.