Familien und Corona Wir können das Virus nicht alleine bekämpfen

Eltern sind gerade kaum noch in der Lage, ihre Kinder vor dem Corona-Virus zu schützen. Und als wäre das nicht genug, bedrohen die verhärteten Fronten des Impf-Diskurses unsere Freundschaften und Beziehungen.

Von: Lili Ruge

Stand: 26.10.2021 | Archiv

Vor dem Eingang einer Kita spielt ein Kind an einer Pfütze. | Bild: dpa-Bildfunk/Annette Riedl

Resignation, Stress und Sorgen: Mit den Rekord-Inzidenzen in Bayern sind Familien im Moment allein gelassen. Wer arbeitet und Kinder hat, hat zwei Möglichkeiten: Die Kleinen tagsüber in Einrichtungen zu bringen, in dem Wissen, dass sie sich dort mit Corona infizieren können. Oder die Kinder daheim zu lassen, um sie zu schützen. Im Falle von schulpflichtigem Nachwuchs ist Lösung zwei keine Option.

Mit kleinen Kindern kann man sich noch irgendwie durchwursteln. In meiner Familie läuft das so: Mein Sohn und meine Tochter gehen nicht mehr in den Kindergarten. Es gab dort einige Corona-Fälle und wir konnten es nicht mehr mit unserer Verantwortung den Kindern gegenüber vereinbaren, uns als einzige Hygienemaßnahme auf unser Glück zu verlassen. Statt die Kinder also morgens in den Kindergarten zu bringen, sind wir jetzt wieder viel im Wald. Dort also, wo wir bisher alle Infektionswellen verbracht haben. Andere Kinder treffen wir kaum und auch nur draußen. Ich arbeite wieder deutlich weniger, so wie letzten Herbst. Und wenn ich doch an den Computer muss, dann fahren wir die Kinder eine Stunde durch die komplette Stadt, um sie bei den Großeltern unterzubringen. Heute Morgen hat um 6:30 Uhr der Wecker geklingelt. Aufstehen, Anziehen, Zähneputzen, Schnelltest und Frühstück im Lastenrad auf dem Weg zu Oma und Opa.

5 Stunden Fahrt zur Impfung

Wir haben die Pandemiebekämpfung jetzt also selbst in die Hand genommen. Eine Aufgabe, die ich gerne der Politik überlassen hätte. Nicht nur, weil die Isolation einer einzigen Familie zur Pandemiebekämpfung ungefähr so hilfreich ist wie die Pferdewurmkuren, die unter Impfverweigerern gerade als Anti-Corona-Medikament kursieren. Auch, weil unsere Isolation mit hohen persönlichen und beruflichen Einbußen verbunden ist. Aber was bleibt mir übrig? Von den politischen Maßnahmen in der grassierenden Pandemie fühle ich mich und vor allem meine ungeimpften Kinder nicht mehr geschützt.

Das geht nicht nur mir so. Es gibt eine neue Online-Plattform, auf der Eltern und Ärzte Off-label-Impfungen für Kinder vermitteln. Manche berichten dort, bis zu fünf Stunden Fahrt im Auto auf sich genommen zu haben, um ihre U-12-Kinder durch eine Impfung vor dem Corona-Virus schützen zu können. Dabei wäre eine Kinderimpfung überhaupt nicht dringend nötig, hätten wir annähernd eine Herdenimmunität unter den Erwachsenen in Deutschland. Stattdessen versuchen nun einzelne Menschen eine Leerstelle zu füllen, die ihnen die staatlichen Institutionen überlassen haben. Das ist eigentlich aber nicht ihre Aufgabe.

Diskursives Gift

Zu der absolut vernichtenden Bilanz, die wir zum Umgang unserer Gesellschaft mit dem Virus ziehen müssen, gehört aber auch der Diskurs, der aktuell durch ein mittelalterliches Wir-gegen-die gekennzeichnet ist. Und dass dieser Diskurs mittlerweile auch in der Lage ist, unsere persönlichen Beziehungen zu vergiften. Es gibt eine Person, die mir sehr nahesteht. Sie ist nicht geimpft. Gewissermaßen ist sie also mit dafür verantwortlich, dass ich mich mit meiner kleinen Familie wieder einschränken und isolieren muss. Es macht mich wütend, dass diese Person die Impfung verweigert. Als wir darüber gesprochen haben und keines meiner Argumente verfing, habe ich ziemlich schnell den kompletten Besteckkasten der Social-Media-Empörung aufgefahren. Ich habe ihr Egoismus und Dummheit vorgeworfen. Was hat es gebracht? Streit, Tränen und eine Abkühlung unseres innigen Verhältnisses.

Der Elefant im Raum

Natürlich ist es schwer nachzuvollziehen, dass sich Menschen nicht impfen lassen. Natürlich ist es schwer zu ertragen, Menschen im Corona-Herbst 2021 kostümiert Karneval feiern zu sehen. Aber sich in Groll gegen ebenjene Menschen hineinzusteigern, ist nicht nur destruktiv, sondern auch zutiefst unbefriedigend. Der wütende Blick muss endlich weg vom Fehlverhalten Einzelner. Er muss endlich nach oben gerichtet werden. .

Die Schriftstellerin Jagoda Marinić hat es im Podcast "Apokalypse und Filterkaffee" sehr gut auf den Punkt gebracht: "Ist es unsere Aufgabe, diese ganzen verrückten Diskussionen zu führen, die wir gerade führen? Wir verlangen gerade nichts mehr von der Regierung, sondern gehen mit Holzhämmern aufeinander los. Es wäre für mich die größte Lektion aus der Pandemie, wenn sich die Bevölkerung wieder zusammentut und sagt: Klimakrise, Regierungskrise: Macht mal eure Arbeit bitte, die repräsentative Demokratie leidet."

What a time to be daheim

In diesem Sinne: ein herzliches Danke-für-nichts an alle Entscheidungsträgerinnen und Entscheider. Für meinen Mann, meine Kinder und mich geht es in eine weitere Runde privaten Lockdown. Das bedeutet, ein weiterer Versuch, unter der Belastung nicht zu zerbrechen. Mehr Medienzeit für die Kinder. Mehr Kaffee für uns Eltern. Ein weiterer Versuch, unter widrigsten Bedingungen gnädig mit sich und anderen zu sein.

Im Falle der von mir geliebten ungeimpften Person habe ich gelernt: Ich bin nicht bereit, mir von dieser Pandemie einen wichtigen Menschen wegnehmen zu lassen. Ich habe den Groll gegen sie aus meinem Herzen verbannt. Keiner von uns hat es sich ausgesucht, dass ein tödliches Virus unter uns grassiert. Komplett ignorieren können wir das Thema aber nicht. Nicht mitten in der vierten Welle mit täglichen Rekordwerten an Neuinfektionen. Nicht bei vollen Intensivstationen und einer realen Gefahr für das Leben von Ungeimpften. Das Thema muss noch mal auf den Tisch. Diesmal ohne Empörung und Streit.