Reise in die düstere Familiengeschichte "Eurotrash", der neue Roman von Christian Kracht

Selbstporträt mit Eltern: 25 Jahre nach "Faserland" schreibt Christian Kracht eine Fortsetzung mit seinem neuen Roman "Eurotrash".

Von: Knut Cordsen

Stand: 28.02.2021 | Archiv

Schriftsteller Christian Kracht im Jahr 2013 | Bild: picture alliance / Geisler-Fotopress | Philipp Mertens/Geisler-Fotopress

Eine alte Frau, die erst die Bunte durchblättert, bevor sie dann aus ihrer Tasche eine ziemlich alte Ernst-Jünger-Ausgabe hervorkramt – sie saß in Christian Krachts Debüt "Faserland" 1995 neben dem Erzähler im Flugzeug. In gewisser Weise war mit dieser Figur und ihren divergenten Lektüren bereits das poetologische Programm des Pop-Literaten Kracht formuliert: Klatsch, Trivialitäten und Prominenz einerseits, gelinde Provokation, das Streben nach Distinktion sowie ein gerüttelt Maß Prätention andererseits.

Das Spiegelkabinett des Christian Kracht

So verwundert es nicht, dass auch im neuem Roman des mittlerweile 54-jährigen eine alte Dame auftaucht, in deren Villa an der Zürcher Goldküste die Illustrierte Bunte auf dem Tisch liegt – und die gleichermaßen ihren Knut Hamsun kennt. Und nicht nur das. Auch ein paar Worte des Wegbereiters der französischen Klassik, François de Malherbe, kommen ihr in den Sinn. Diese über 80-Jährige ist die Mutter des Ich-Erzählers Christian Kracht, über den es in "Eurotrash" heißt, dass er vor 25 Jahren ein Buch des Titels "Faserland" veröffentlichte, in dem er sich und dem Leser "vorgegaukelt" habe, er käme "aus gutem Hause, wäre wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem autistischen Snob". "Horrenden Stuß" schreibe er, statt "wirklich guter Literatur" und "Büchern, die bleiben", sagt die so gerufene "Frau Mama" ihrem Sohn ins Gesicht: "Du drehst es immer so, daß es nur um Dich geht, weil Du ein Egomonster bist." Willkommen im Spiegelkabinett des Christian Kracht.

Die blaue Barbourjacke von damals hat er mittlerweile gegen einen "kratzigen Ökopullover" eingetauscht. Die Party ist aus, die Mutter (die in "Faserland" gar nicht auftaucht) moribund, alkoholkrank und tablettensüchtig. Also beschließt derjenige, der vor einem Vierteljahrhundert im Drogenrausch Deutschland von Nord nach Süd durchquerte, um schließlich in Zürich zu landen, auf der vergeblichen Suche nach Thomas Manns Grab in Kilchberg, mit seiner halbdementen, wodkatrunkenen aber phasenweise immer noch geistesgegenwärtigen und äußerst vermögenden Mutter einen Roadtrip der anderen Art zu unternehmen.

Reise in die düstere Familiengeschichte

Es wird eine Reise zurück in die Vergangenheit, an seinen Geburtsort Saanen, an den letzten Wohnort seines 2011 gestorbenen Vaters in Genf und auch an Ruhestätte von Jorge Luis Borges dortselbst auf dem Cimetière des Rois. Eine Schreckensfahrt, denn sie führt Mutter und Sohn Kracht, die hier unablässig auf der Rückbank des sie chauffierenden Taxis miteinander reden, nicht nur quer durch die Schweiz, sondern zurück in die düstere Familiengeschichte. Die Familie wird gleich eingangs als "zutiefst gestört" vorgestellt: Da ist der Großvater, der ein strammer Nazi war, darüber aber bis zu seinem Tod nicht reden wollte; da ist der Vater Kracht, der auch Christian hieß und der der immens reiche Generalbevollmächtigte des Verlegers Axel Springer war mit mehreren Anwesen u.a. in Saint-Jean-Cap Ferrat, Kampen und Gstaad; da ist nicht zuletzt die vornamenlose Mutter, geschiedene Kracht, die als elfjähriges Flüchtlingskind 1949 vergewaltigt wurde.

"Eurotrash" erscheint am 4. März

Man kann es nur eine äußerst perfide Parallelaktion nennen, dass ihrem Sohn Christian Kracht in exakt demselben Alter "Ähnliches widerfahren war", wie es in "Eurotrash" heißt, "nur eben im Jahre 1979, im kanadischen Internat". Diese sexuelle Misshandlung durch den Schulpastor hat Christian Kracht erstmals 2018 in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung öffentlich gemacht. Warum diese drei Aufsehen erregenden Vortragsabende damals nicht wie üblich als Buch erschienen, wird jetzt klar. Kracht wollte aus diesem biografischen Material mehr machen. Er hat gut daran getan, wie "Eurotrash" eindrucksvoll belegt.

Ein brillantes Spiel mit dem Leser

Eines ist gewiss: Dieser Autor ist der ungeschlagene Meister der Aura-Produktion – und zugleich der selbstironischen Dekonstruktion. Christian Kracht, der um die Welt reisende, mal in Bangkok, dann in Buenos Aires lebende Schriftsteller, hat Mysterien um sich aufgebaut, die er nun lustvoll zerstört. Freilich: Auch am Ende dieses intertextuellen Spiels mit dem Leser ist längst nicht alles klar – schon gar nicht, was denn nun Fakt und was Fiktion ist. Kracht legt einige Fährten, die eher unser Misstrauen nähren als den Glauben daran, dass "alles wirklich genau so" gewesen sein könnte. Aber so wie sich dieser literarische Hochstapler Christian Kracht im Zerrspiegel seines gleichnamigen Vaters porträtiert, dem Angeber und "Aufschneider" mit den "Allüren eines Parvenüs", ist das schon ziemlich brillant.

Tief in diesem Arbeiterkind aus sozialdemokratischen Hause in Hamburg-Altona, dessen Vater Taxi fuhr, habe die "Angst vor der Provinzialität" gesessen, die Furcht "vor der eigenen niedrigen Herkunft, die noch bis zu seinem Tode aus ihm herausstrahlte". Seinem Vater habe deshalb "die Selbstironie gefehlt, er war nicht pukka gewesen", nicht echt, befindet Christian Kracht jun. – die Herablassung solcher Äußerungen indes holt ihren Urheber ein und kehrt sich gegen ihn. Denn wie der Emporkömmling Christian Kracht sen., dieser "kleine, schmale Mann", sein Château am Genfer See mit Mahagoni und Teakholz ausschlagen ließ, sich Gemälde von Lyonel Feininger an die Wand hängte und selbstredend über ein "Ankleidezimmer" verfügte, so stattet sein Sohn als ein auf Effekt bedachter Innendekorateur nicht minder sorgfältig seine Romane mit entsprechendem Mobiliar, Zierrat und Personal aus (inklusive chambre de bonne für das Dienstmädchen). Hochherrschaftlich geht es hier wie dort zu. "In Wahrheit", gesteht der Ich-Erzähler freimütig, wolle er "nur mit Bildung angeben, [...], so wie mein Vater mit seinem Vermögen. Der große Unterschied war dabei, daß mein Vater tatsächlich Geld gehabt hatte, ich aber keinen Funken Intellekt."

Ernster als "Faserland"

"Alles, was sich selbst zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie" – an diesen klugen Satz aus Christian Krachts Frankfurter Poetik-Vorlesungen muss man oft bei "Eurotrash" denken. Aber sollte ein mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichneter Schriftsteller nicht auch die Sprache ernst nehmen, die er als seine eigentliche Heimstatt und "Befreiung" in diesem Roman bezeichnet? Holprigkeiten wie "Das hatten wir seit wer weiß wie lange nicht mehr zusammen gemacht" oder grobe Schnitzer ("obgleich sie niemals sonst jemals weinte") müssen wahrlich nicht sein. Die Tonalität von "Eurotrash" ist weitaus ernster als noch in "Faserland". Wer sich an die überaus komischen Bemerkungen zur "Kurmuschel" und zum deutschen "Abkürzungswahn", an die Begegnungen mit dem Trendforscher Matthias Horx im "Bord-Treff" ("und da sagt er allen Ernstes, er fahre zu einem Trendkongreß nach Karlsruhe") oder mit Wim Wenders in der Paris-Bar erinnert, wird jetzt mit einer vergleichsweise faden Frank-Schirrmacher-Anekdote aus dem Hinterzimmer eines italienischen Restaurants ("eines Abends spät, im Jahr 2005") abgespeist: "Frank, der wohl ein Freund gewesen war, mit dem ich aber nie sprechen konnte, wie man mit einem Freund spricht, und dessen Kopf ich versucht hatte zu streicheln, und sein Wegzucken mit den Worten Laß das bitte sein, Christian, das mag ich nicht." Nun ja.

Von sublimer Selbstironie hingegen ist jene Szene, in welcher der Autor, der 2012 bei Erscheinen von "Imperium" als "Céline seiner Generation" skandalisiert wurde, mit seiner Mutter im Berner Oberland jene vegetarische Kommune besucht, aus der sein Wollpullover stammt. Ein Prospekt vom Verkaufsstand führt sie dorthin. Benannt ist diese Kommune nach Dirk Hamer, Sohn des antisemitischen Verschwörungstheoretikers Ryke Geerd Hamer, der sich rühmte, die "Germanische Neue Medizin" erfunden zu haben (die bei Kracht "Neue Germanische Medizin" heißt). Erst nach und nach realisiert der Erzähler, einer "schmuddeligen" Gemeinde von "Nazigaunern" aufgesessen zu sein. Seine Mutter ist es, die ihrem naiven "Ästheten" von Sohn, den sie schon mal als "Herr Huysmans" verspottet, auf die Sprünge helfen muss: "Meine Mutter, die nicht ganz bei Trost war, hatte erkannt, daß es nicht nur nicht die Richtigen waren, sondern die Falschesten der Falschen, und es abgewiegelt, zum Glück. Woher kam nur diese Sicherheit der Erkenntnis bei ihr?"

Ein "armes dummes Nazischwein", ein "Faschist" im Trainingsanzug war schon ein Taxifahrer in "Faserland": "und vorne auf seinem Anzug steht Master Experience oder Terminator X, oder sowas", so wurde er seinerzeit beschrieben. In "Eurotrash" gibt es mit diesem Mann eine Wiederbegegnung. Er sitzt in einem Hangar - "und vorne auf seinem Anzug stand Master Experience oder Terminator X oder so was". Er entpuppt sich als Betrüger. Vermutlich will uns Christian Kracht auch mit diesem Selbstzitat etwas sagen. Was, bleibt vorläufig offen. Wer ihm bisher auf dem Wege seiner Selbstverrätselung gefolgt ist, wird dies auch weiterhin tun.

Christian Krachts Roman "Eurotrash" erscheint am 4. März bei Kiepenheuer & Witsch.

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