Christian Schüle über Wissenschaft und Wut Eine Gesellschaft zwischen Erregokratie und Virokratie

Wird Deutschland von der Pandemie zerrissen? In Corona-Leugner und brave Bürger? Und warum stehen Virologen so beständig im Kreuzfeuer? Christian Schüle, Philosoph und Journalist, über Maskenpflicht, mündige Bürger und alles andere als allwissende Wissenschaftler.

Von: Christian Schüle

Stand: 04.12.2020 | Archiv

Eine weggeworfene Maske liegt zwischen Herbstlaub auf einer Straße | Bild: dpa-Bildfunk/Bernd Thissen

In neun Monaten Coronajahr hat sich geradezu Revolutionäres ereignet: Deutschland hat wieder eine außerparlamentarische Opposition, vorher völlig unbekannte Virologen haben den Heldenstatus der Mediendemokratie erreicht, und der maskierte Bundesbürger zieht sich weitgehend ins Home-Office zurück und regelt unrasiert, lippenstiftfrei und in Jogginghose die Weltmärkte.

Schon wieder mahnt die Kanzlerin. Schon wieder wird Toilettenpapier gehamstert. Schon wieder empfiehlt man uns Absonderung. Schon wieder treibt uns der höchst unsichtbare archaische Feind in die Isolation, und die neun Monate des Coronajahrs scheinen nichts Erfreulicheres zur Welt gebracht zu haben als Resignation, Rebellion und Ruin. Zu Beginn des Winters 2020 ist die Sehnsucht nach einer einheitlichen Diagnose, nach einer einheitlichen Gegenstrategie, ja nach einheitlich erfahrbarer Erlösung so groß wie ihr Ausbleiben kränkelnd. Deshalb wächst das Bedürfnis nach Verdrängung so stark wie der organisierte Widerstand gegen die unterstellte Willkür staatlicher Eingriffe wuchert. Das super-simple Virus hat einen hohen Aufwand an Komplexitäts-Bewältigungsdruck verursacht, und viele haben so viel Energie in Resilienz gesteckt, dass ihnen der tägliche Kampf gegen die Ikonografie des Todes an dunklen Tagen fast die Lebensfreude raubt.

Zwischen Erregokratie und Virokratie

Seit neun Monaten lebt eine offene und also verletzliche Gesellschaft im Konjunktiv II. Der Irrealis ist realer Imperativ: Wäre, würde, könnte. Die Republik schwankt zwischen Erregokratie und Virokratie, die Bürgerinnen und Bürger pendeln zwischen Sorge und Paralyse, Depression und Aggression, ein Land setzt sich der verfügbaren Virologen-Vernunft aus. Im Crashkurs hat eine ganze Bevölkerung Wissenschaftsprosa gelernt: die richtige Interpretation einer Statistik, die korrekte Lesart von Modellrechnungen, das Verständnis von Kipp-Punkt und exponentiellem Wachstum und die Übersetzung des Begriffs Apokalypse in den teils sonnengefluteten Alltag. Was bleibt am Ende des Jahres vom Corona-Virus übrig? Welche Transformation ist schon jetzt im Vollzug? Täuscht nicht alles, werden vier Leitmotive den Sound der Zukunft bestimmen: die Maske, der Widerstand, die Wissenschaft und das Home-Office.

Die Maske als Konsumkiller

Die Debatte um harte oder weiche Schließungen und sinnvolle oder riskante Öffnungen hat es mit sich gebracht, dass heute niemand mehr weiß, ob er noch etwas weiß. Nachdem zu Beginn der Pandemie Bundesgesundheitsminister wie Weltgesundheitsorganisation von einer Maske so gar nichts hielten, ist die Maske heute der Stoff, aus dem die Träume einer finalen Pandemiebewältigung sind. Soweit ist der einsichtige Bürger ja bereits konditioniert, dass er nicht mehr erschreckt, wenn er die Maske trägt, sondern wenn er sie nicht trägt. Das nackte Gesicht fühlt sich an wie eine ungeschminkte Kriegserklärung an die Moral der Volksgesundheit.

Die Maske ist nicht nur ein Stückchen gefalteter Stoff, sie ist ein politisches Objekt. Kritikern der Maskenpflicht zufolge nimmt der übergriffige Staat mit der Maske seinen selbstbestimmten Untertanen nicht nur Identität und Identifikationsmöglichkeit, sondern symbolisch auch das Recht auf freie Selbstentfaltung. Und beim Streit um den Mund-Nasen-Schutz geht es indirekt auch um die ethische Grundsatzfrage, ob die Menschheit so besinnungslos konsumieren will und soll wie in vorpandemischer Herrlichkeit – oder ob postcoronische Demut zu mehr Nachhaltigkeit verhilft. Sozialpsychologen haben erkannt, dass die Maske eine Gierbremse sei, in den Geschäften, heißt es, sorge die Maskenpflicht für eine beklemmende Atmosphäre. Dazu kommt der soziale Druck, sich beim Shoppen coronakorrekt zu verhalten. Kurzum: Das Einkaufen hat seine "Entertainment-Funktion" an das Exponentialwachstum des Virus verloren. Die Maske ist zurzeit ein wirkmächtigerer Konsumkiller als der Klimawandel.

Wut als Argument?

Nach neun Monaten Überwältigungsbewältigung gibt es eine neue außerparlamentarische Gewalt in Deutschland: den teils massiven, wenn auch nicht massenhaften Widerstand einer koordinierten Gegenöffentlichkeit, die für sich in Anspruch nimmt, klüger, kritischer und sachverständiger als Experten, Forscher und Ministerpräsidenten zu sein. Es ist eine Graswurzel-Rebellion mit Mahnwachen und Menschenketten, die ihr eigenes Kanalsystem etabliert hat. Darunter sind Linke so gut wie Rechte, Esoteriker wie Akademiker, 68er wie 2000er. Manche wähnen sich in einem totalitären Regime, rufen das Jahr 1933 auf und demonstrieren mit umgehängten Plakaten und der Botschaft: "Demokratie statt Merkelatur!"

Seit Stuttgart 21 vor zehn Jahren hat der selbstbewusst gewordene Deutsche am lebendigen Leibe gelernt, dass Wut auf Dauer Wirkung zeigen kann; staatliches Tränengas ist dafür gar nicht nötig. Nun gibt es also – ohne sie im entferntesten vergleichen zu wollen – neben dem Holocaust- und dem Klimawandel- auch den Corona-Leugner. Mündige Erwachsene halten das, was durch zahlreiche internationale Quellen stichhaltig belegt und beglaubigt ist, für erfunden. Im Randbezirk gepflegter Irrationalität leugnen sie, was sie entweder nicht wahrhaben wollen oder in seiner gigantischen Dimension nicht wahrhaft erfassen können, weil es ihr Vorstellungsvermögen überschreitet. Diese organisierte Gegenöffentlichkeit ist ein geschlossenes System, dessen Ausspielkanal vornehmlich die Plattform Youtube. Über sie werden unzählige Videos von privaten, regionalen, teils lokalen, durch Spenden finanzierte TV-Kanälen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesendet. So entsteht ein sich verselbständigendes System der Selbstbestätigung, das durch schleifenartige Affirmation den Anschein von Seriosität generiert.

Wenn Ärzte gegen Ärzte und Wissenschaftler gegen Wissenschaftler im Namen der Wahrheit und Wissenschaft auf die Barrikaden gehen, bildet sich eine parallelgesellschaftliche Para-Normativität heraus: Je wissenschaftlich fundierter der Widerstand scheint, desto höher ist seine Glaubwürdigkeit. Am Ende scheint bewiesen, was anfangs bereits vorausgesetzt wurde: Es gibt keine Pandemie, weil es keine geben kann. Punkt. Beweis erbracht. Wenn Menschen nicht sterbend in den Straßen liegen und es im eigenen sozialen Umfeld weder Tote noch Infizierte gibt, ist das kein Beweis dafür, dass es keine Toten und keine Infizierten gibt. Die Abwesenheit von Evidenz ist noch lange keine Evidenz für ihre Abwesenheit.

Wissenschaft lehrt, dass Wissen immer vorläufig ist

In neun Monaten Coronajahr hat sich eine denkwürdige Ambivalenz zwischen Glauben und Wissen etabliert: Einerseits eine gewisse Frömmigkeit gegenüber Wissenschaft und Wissenschaftlern, andererseits die Einsicht, dass Wissen immer auch Glauben bedeutet, vorläufige Aussagen für wahr zu nehmen, bis sie revidiert werden. Falsifizierung ist mühsam, weil sie keine ewiggültige Sicherheit zulässt. Das setzt ein hohes Maß an Vorschussvertrauen und Revisionsbereitschaft voraus, die im Laufe der Zeit womöglich verlernt wurden. Manchmal wissen Wissenschaftler auch nicht – was im übrigen höchst wissenschaftlich ist. Dennoch – zwischen nicht wissen und nichts wissen besteht ein gewaltiger Unterschied.

Wer glaubte, Wissenschaft bedeute Wunder im Wochenrhythmus, hätte vom Wesen des Wissens nichts verstanden. Der Wert der Wissenschaft für die Gesellschaft besteht nicht in Prophetie und Erlösung, sondern in der Halbwertszeit ihrer Aussagen: nichts ist ohne Voraussetzungen richtig, nichts absolut gegeben und nichts auf ewig verlässlich. Letztbeweise sind in einer unabgeschlossenen Pandemie nicht zu erbringen. Die Fluktuation der Wirklichkeit macht jeder Evidenz das Leben schwer.

Das ist die Crux am Ende meines Nachsinnens über das Jahr 2020, da ich unrasiert und in Jogginghose im Home-Office sitze. My home, mein Zuhause, ist nicht nur my castle, der sichere Zufluchtsort gegen die Zumutung von Kontakt und Aerosolen. Mein Wohnzimmer ist das neue Headquarter des hinreißend verwahrlosten Digital-Arbeiters.

Christian Schüle, geboren 1970, ist freier Autor und Publizist. Für den BR hat er zahlreiche Sendungen, Kommentare und Essays verfasst. Er war er dreimal für den Egon-Erwin-Kisch- beziehungsweise den Henri-Nannen-Preis nominiert. Seit dem Sommersemester 2015 lehrt Christian Schüle Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Er hat zehn Bücher veröffentlicht, zuletzt "Heimat. Ein Phantomschmerz" und "In der Kampfzone".

Der Artikel stammt aus dem Nachtstudio-Podcast von Bayern 2, den Sie hier abonnieren können.