"Es ist genug Trauer für alle da" Max Czollek, Stauffenberg und die deutsche Erinnerungskultur

Warum gedenken wir Personen wie Graf von Stauffenberg und Sophie Scholl, aber kaum der jüdischen und kommunistischen Widerstandskämpfer? Was soll, was kann überhaupt unsere Erinnerungskultur leisten? Ein Gespräch mit Max Czollek.

Von: Joana Ortmann

Stand: 19.07.2021

Mann mit Bart vor einer Dönerbude oder ähnlichem : Max Czollek | Bild: Konstantin Boerner

Am 20. Juli 1944 explodierte eine Bombe im Führerhauptquartier. Sie sollte Hitler töten und Deutschland in letzter Sekunde vor dem Untergang bewahren. Der Mann, hinter dem Attentat: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, ein Offizier, der vom Hitler-Bewunderer zu seinem Gegner wurde. Hitler überlebte, Stauffenberg wurde zusammen mit seinen Mitstreitern erschossen, was ihn in der Erinnerungskultur der BRD seit den 1960ern zu einer Ikone des Widerstands machte. Wie halten wir es heute mit ihm und den anderen Ikonen des Widerstands? Darüber spricht Joana Ortmann mit dem Dichter und Politikwissenschaftler Max Czollek.

Joana Ortmann: Ohne die mutige Tat Stauffenbergs madig machen zu wollen, muss man vielleicht trotzdem fragen, ob so eine Figur in der Gegenwart ihre Funktion noch erfüllt?

Max Czollek: Die Frage, die mich interessiert, wenn ich mir anschaue, an wen erinnert wird, wenn wir über Nazi-Widerstand sprechen, ist eigentlich: warum Stauffenberg, warum Leute wie Sophie Scholl und warum andere weniger? Und ich glaube, da kommt man auf einen interessanten Punkt, bei dem es gar nicht darum geht zu fragen, ob der eine Widerstand wichtiger ist als der andere. Sondern eher darum, welche Funktion bestimmte Figuren in so einem Erinnerungskalender einer deutschen Gegenwart erfüllen. Und da hilft es, sich nochmal klarzumachen, auf welche Weise man sich in Deutschland in der Gegenwart vorstellt, wie Widerstand gegen rechts, Widerstand gegen Nazis am besten funktioniert. Da gibt es die einen, die sagen, im Widerstand gegen Nazis machen wir eine Lichterkette, die bürgerliche Mitte muss sich wehren. Und dagegen stehen jene, die sagen Nein. Ein Widerstand gegen Nazis ist ein antifaschistischer. Nazis werden nur dann aufgehalten, wenn Menschen sich ihnen in den Weg stellen. Das ist ein viel aktiverer – wenn man so will – wehrhafter Begriff. Und wenn man jetzt anfängt, diese Perspektiven auf eine Geschichtserzählung anzuwenden, also zu überlegen, wer beweist uns denn, dass die bürgerliche Mitte respektive der antifaschistische Widerstand sinnvoll sind, um gegen rechts und gegen Nazis vorzugehen? Dann bleiben für die bürgerliche Mitte nicht besonders viele Beispiele übrig. Das, glaube ich, ist der Grund, warum wir so stark auf Figuren wie Stauffenberg oder Sophie Scholl fokussieren. Weil diese Erzählung der bürgerlichen Mitte eine ist, die sich selber, historisch rückwirkend, versucht zu plausibilisieren, zu erklären, warum sie die richtige politische Position in der Gegenwart ist.

Biografisch betrachtet war Stauffenberg keine einfache Figur. Er war selber lange ein Nazi, auch ein Antisemit, ein Adliger, der erst in letzter Minute gemerkt hat, dass er in den Widerstand gehen möchte und das dann in der Form des Attentats getan hat. Warum ist er trotzdem so zentral?

Es gehört zu den tragischen Befunden des Aufwachsens, nicht nur in Deutschland, zu verstehen, dass Menschen auch aus den falschen Gründen Widerstand leisten können. Stauffenberg hat Widerstand geleistet, nicht wegen der Konzentrationslager und auch nicht wegen der Vernichtungspolitik in Osteuropa, sondern schlicht und ergreifend, weil er gesehen hat, dass Deutschland den Krieg verliert. Das – würde ich sagen – ist ein Widerstand aus falschen Gründen. Man tut das Richtige, hat aber die falsche Motivation. Warum ist Stauffenberg so zentral für eine deutsche Erinnerung? Nun, ich glaube, diese Zentralität nimmt fast schon wieder ab. Ich glaube, er war für Westdeutschland viel zentraler als für das wiedervereinigte Deutschland, weil in Westdeutschland nochmal mehr diese Erzählung eines nicht antifaschistischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus wichtig war – auch um sich von der DDR abzugrenzen, die ja ganz zentral den Begriff des Antifaschismus gesetzt hatte.

Dennoch ist er eine Ikone, während andere Figuren des NS-Widerstands in der Erinnerungskultur gar nicht präsent sind. Das merkt man an so Tagen wie dem 20. Juli. Kommunisten, Sozialisten, Juden, einige Christen, die Widerstand geleistet haben, spielen in der Gedenkkultur keine Rolle.

Ja, das ist, glaube ich, auch ein Ergebnis der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte, dass man sich zurückhält, den kommunistischen oder jüdisch-kommunistischen Widerstand genauso zu erinnern. Weil das eben ein Widerstand war, der von Seiten der DDR – auch sicher politisch instrumentalisiert – sehr zentral gewesen ist. Und gleichzeitig muss man sagen: So sieht die Geschichte nun mal aus. Und ich glaube, es ist schon wichtig im Sinne der pluralen Gegenwart, in der wir alle leben, dass wir noch mal überlegen, was für Angebote bieten wir eigentlich für Menschen, die heute in Deutschland sind? Und wenn wir hauptsächlich an Stauffenberg und jemanden wie Sophie Scholl erinnern, dann erzählen wir über die Erinnerung die Gesellschaft als einen Ort, an dem Mitläufer leben, die sich irgendwann eines Besseren besonnen und dann Widerstand geleistet haben. Und das ist doch eine sehr eingeschränkte Art der Gesellschaft, die man da vor Augen hat. Die ist natürlich nicht zufällig, weil da klar wird, wer diese Geschichten eigentlich bis heute erzählt und gestaltet, nämlich diejenigen, die sich selbst oder ihre eigenen Familien in der Tradition dieses Mitläufertums wähnen. Und gleichzeitig muss man sagen, es leben in diesem Land auch ganz andere Menschen. Ich selbst, zum Beispiel, als Nachkomme von jüdisch-kommunistischen Widerstandskämpfern, für mich ist das kein Angebot.

Ja, der jüdische Widerstand hat auch wenige bis keine Ikonen. Oder fällt Ihnen jemand ein?

Selbstverständlich nicht, Die bekannteste jüdische Figur ist natürlich Anne Frank, und da geht es nicht um Widerstand, da geht es um Opferschaft. Und das habe ich in meinem Buch "Desintegriert euch!" nochmal genauer ausgearbeitet. Juden und Jüdinnen haben in der deutschen Erinnerungskultur nicht die Rolle aktiver Widerständigkeit, sondern die des passiven Opferseins. Deswegen erinnern wir ja auch an den 9. November und den 27. Januar, also den Anfang der Vernichtung und die Befreiung aus Auschwitz und nicht – wie es in Israel der Fall ist – zum Beispiel an den April, in dem der Aufstand im Warschauer Ghetto stattgefunden hat. Also wir sehen schon, wie es bestimmte Zuordnungen im deutschen „Gedächtnistheater“ gibt – ein Begriff eines Soziologen namens Michal Bodemann –, das bestimmte Rollen zuteilt. Und ich glaube, ein Akt der Pluralisierung – oder wie ich es nenne, der Desintegration – ist immer schon gewesen zu sagen: Halt, stopp! Es ist nicht so, dass wir hier nur aus Auschwitz befreit wurden, wir haben auch Auschwitz befreit. 90 Prozent der Juden und Jüdinnen, die heute in Deutschland leben, kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Die haben den Krieg gewonnen. Das ist eine andere Erzählung.

Wenn wir auf der einen Seite die gebrochenen Deutschen haben, die offenbar besonders gut zu Widerstands-Ikonen taugen, und auf der anderen Seite die jüdischen Opfer – wie kommen wir raus aus diesen Rollenzuschreibungen?

Ich glaube, man muss sich vielleicht selber die Frage stellen, wofür so was wie Erinnerungskultur überhaupt da ist. Und da gibt es in der Gegenwart eine Tendenz in Deutschland, die von so prominenten Leute wie zum Beispiel Aleida Assmann stark gemacht werden, die sagen, Erinnerungskultur ist eigentlich ein Schritt in Richtung deutscher Normalität. Deutschland findet jetzt zu einem positiven, normalen Selbstverhältnis, zu Nationalsymbolen usw. und kann damit einen Teil von Europa werden. Dagegen würde ich sagen, Erinnerungskultur ist nicht dazu da, um irgendeinen nationalen Kontext zu normalisieren, sondern, um die Gesellschaft, die Gegenwart so einzurichten, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Das ist eine völlig andere Perspektive, weil das zum Beispiel bedeutet, dass Erinnerungskultur immer auch Diskriminierungskritik beinhalten muss, weil das nun mal ein wesentlicher Aspekt dessen ist, was der Vernichtung vorausgeht. Nicht dass jede Diskriminierung zur Vernichtung führt, aber jeder Vernichtung geht Diskriminierung voraus.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir die ganze Sache nicht nur als einen Auftrag des Staates oder der ritualisierten Seite des Staates verstehen. Da sollte sich etwas verändern. In meiner Wahrnehmung passieren in den letzten Jahren viele Impulse auf zivilgesellschaftlicher und kultureller Ebene, etwa mit dem Maxim-Gorki-Theater oder mit der Initiative, die ich gerade begleite, die Coalition for Pluralistic Public Discourse, CPPD oder von den Dialog Perspektiven der Initiative vom Jüdischen Studien Werk ELES. Da gibt es im Moment sehr viele Initiativen, die versuchen die Debatten, die sich ums Stadtschloss, um das Holocaust-Mahnmal und die Neuerfindung deutscher Geschichte ranken, nochmal auf eine ganz andere Weise zu beantworten. Indem man sich fragt: Wer lebt heute in dieser Gesellschaft? Welche Erinnerungen und Geschichten bringen die Leute eigentlich mit? Und wie können wir einen Erinnerungsraum schaffen, der nicht die ganze Zeit so eine Art Nullsummenspiel macht, indem man sagt: Entweder wir erinnern den Holocaust oder irgendetwas anderes. Sondern der sagt: Es ist genug Trauer für alle da.