Embryo lebt! Eine Reinkarnation der legendären Band

Embryo gibt es seit 1969 in wechselnder Besetzung. Das Bandkollektiv hat Klassiker des Krautrocks produziert und vielleicht die Weltmusik erfunden. Jetzt ist eine neue Platte erschienen.

Von: Markus Mayer

Stand: 08.01.2021 | Archiv

Die Mitglieder der Band Embryo | Bild: Enid Valu

Irgendwann musste ein neues Embryo-Album kommen, schließlich ist die Band nach wie vor existent. Auf dem Alternativlabel Permakultur, das Vinyl-Schallplatten aus dem Material recycelter LPs herstellt, ist das erste Embryo-Album unter der Federführung von Marja Burchard erschienen. Das erste nach dem Tod von Multi-Instrumentalist Christian Burchard, der das Kollektiv seit 1969 leitete. Marja, seine Tochter, geboren 1985, gehört der legendären Gruppe seit über 20 Jahren an. Jetzt führt sie das Unternehmen weiter, das mehr eine Idee, ein Konzept denn ein festes, exakt definiertes Ensemble ist. Ihre Konzerte sind hörbar gemachte Lebenslust und feiern Musik als Ort der Selbstbestimmung!

Regen? Dann kein Konzert

Ein Album, noch dazu einen Live-Mitschnitt im Corona-Jahr 2020 zu veröffentlichen, ist mehr als bloß ein Statement! Wann wurden jemals Kapitalismus und Neo-Liberalismus, die scheinbar alternativlosen Betriebssysteme der westlichen Gesellschaften, in den Standby-Modus versetzt? Wann gab es jemals eine Zwangspause wie diese? Marja Burchard: "Das Positive an Corona ist, dass die Festival-Kultur wiederauflebt, auch in der Stadt einfach mehr auf die Straße verlagert wird. Was ich total spannend finde, ist, dass da wieder das Wetter total wichtig ist. Dass man wieder so angewiesen ist auf den Zufall. Und wenn‘s regnet, dann geht’s halt nicht."

Ein Kind von 68

Begonnen haben Embryo offiziell im Schicksalsjahr 1969. Zuvor hatte Christian Burchard als Schlagzeuger und Vibrafonist des legendären Jazzpianisten Mal Waldron gespielt, der damals in München lebte und die Ikone Billie Holidays begleitet hatte. Die Gründungsphase fiel mit der Studentenrevolte zusammen, erklärte Christian Burchard in einem Interview zum 25jährigen Bestehen:

"Unsere ersten Konzerte, die liefen in den ganzen besetzten Universitäten ab. Da war ja große Aufbruchsstimmung. Da waren die Notstandsgesetze, die sind damals durchgepowert worden und da gab's viel Gegendruck von den Unis. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich weiß noch, wir saßen in unserer Wohnung. Dann riefen die Studenten von Kunstakademie an, abends um fünf Uhr: Kommt sofort. Ihr müsst jetzt spielen. Was? Wieso? Was ist los? Wir sind hingefahren mit unserem Bus. Dann standen in der Akademiestraße lauter Polizeiwagen, lauter behelmte Polizisten standen da rum. Die Haupttür der Kunstakademie war eingeschlagen. Die Studenten standen davor, haben uns erwartet, haben unsere Verstärker durch die kaputte Glastür durchgetragen und sind rein. Innendrin tausende von Studenten, die haben in den Gängen Radrennen gemacht und alles vollgemalt. Und wir haben den Sound dazu gemacht, wir haben improvisiert und gespielt. Das war wirklich eine freie demokratische Musik. Es haben manchmal 20, manchmal 25 Musiker gleichzeitig improvisiert. Wenn man in den Raum gekommen ist, des erste was man wahrgenommen hat, war Klang. Nicht Einzelstimmen, sondern ein Klang, der erzeugt worden ist durch die freie Improvisation der vielen Leute, die auf der Bühne waren und sich total verausgabe haben. Das war radikal und neu und hat nichts mehr mit dem was vorher gelaufen ist zu tun gehabt."

Embryo oder die Schaffung eines neuen Menschen

Christian Burchard, autodidaktischer Jazzkünstler aus Hof, will es Ende der 60er Jahre wissen. Er spielt nun hauptsächlich Schlagzeug und verlegt sich auf freie, anarchistische Rockmusik. So ist er mit von der Partie bei "Phallus Die", der ersten LP von Amon Düül II, einer befreundeten Münchner Musikerkommune. Weil da aber schon so viele mitmachen und Burchard eigene Vorstellungen hat, – er will keine Popsongs, sondern frei fließende Instrumentalmusik machen –, gründet er eigene Band. Deren Name stammt übrigens von Burchards damaliger Freundin, seiner späteren Ehe-Frau und Marjas Mutter. Embryo steht für eine Lebensform, die noch nicht das Licht der Welt erblickt hat. Für die Embryo-Musiker ist klar, dass damit auch der viel und oft beschworene Neue Mensch gemeint ist. Er kann nur im Kollektiv überleben, im Netz einer Gemeinschaft Gleichgesinnter. 1970 spielt die Band "Opal" ein, ihr Debutalbum. Im September wird die Gruppe umgehend eingeladen, beim Fehmarn-Festival mitzumachen, einem der letzten großen, mehrtägigen Festivals der Hippie-Ära. Gitarrengott Jimi Hendrix hat hier einen seiner letzten Auftritte.  

Erstes Konzert mit 11

Marja Burchard hat sich als Musikerin emanzipiert von ihrem Vater, hat Theatermusik für die Münchner Kammerspiele gemacht und in diversen Rock- und Funk-Bands gespielt. Trotzdem kann sie sich noch ganz genau erinnern, als sie zum ersten Mal aufgetreten ist mit Embryo, der Band ihres Vaters, mit dem sie als Kind auf Konzertreise ging: "Mein erstes Konzert war zufällig mit elf Jahren mit Embryo. Das war auf Marokko-Tour in Spanien am Meer, das weiß ich noch wie gestern. Wir waren ursprünglich sieben Musiker, aber die sind aus irgendeinem Grund nicht mehr da gewesen. Der eine ist krank geworden, der andere hat auf einmal einen ungültigen Pass gehabt... Also das waren ganz viele verschiedene Geschichten, wodurch wir auf einmal nur noch drei waren. Wir sind beim Veranstalter angekommen und der war total enttäuscht und hat gesagt: Ich dachte, ihr kommt zu siebt, jetzt seid ihr nur zu dritt. Und da meinte Vater intuitiv: Ja, Marja, jetzt musst du mitspielen. Mir waren die Rhythmen vertraut, aber trotzdem erinnere ich mich an die Sache, weil es doch was anderes ist, wenn man auf der Bühne steht und mitspielt.

Klassiker des Krautrocks

Sparifankal

Die Band Embryo ist während der 70er Jahre und auch lange danach Underground, ein flippiges, wildes Hippie-Kollektiv, das sich von Anfang an durch hohe Fluktuation von Musikern auszeichnet und durch Tourneen mit namhaften Jazz-Künstlern wie Mal Waldron und Charlie Mariano. Zudem reflektieren die Titel der frühen Embryo-Alben die Debatten der Gegenkultur-Bewegung. Sie dokumentieren die Denkschritte, die unter Künstlern, Kommunarden und Kollektivangehörigen diskutiert wurden.  Album-Titel wie "Apo-Calypso", "Embryos Rache" und "Steig Aus" – heute allesamt Klassiker des Krautrock –, zeigen den damaligen Stand der Dinge.  Im Grunde aber sind Embryo eine tolle Liveband – keine Popstars, sondern Musiker, die mit künstlerischen Mitteln den Community Spirit, den Gemeinschaftsgeist formulieren. Wenn die Embryos in der Stadt sind, laden sie Musiker aus der Region ein zur Live-Session auf der Bühne. Da wird dann spontan gejammt.

Wie Can und Faust, andere Krautrockbands dieser Zeit, wollen auch Embryo die Kontrolle über ihre Musik und ihre Produkte. Mit Bands wie Ton Steine Scherben und Sparifankal gründen die Münchner Musiker deshalb eine der ersten unabhängigen Platten- und Produktionsfirmen der Bundesrepublik. Damit sind sie Vorreiter der Independent-Bewegung, die weite Teile der angloamerikanischen Rockmusik erst während der 1980er und 90er Jahre nachvollziehen. Im September 1978 setzen Embryo dann noch eins drauf. Die Musiker fahren in mehreren alten Bussen los, um auf dem Landweg Indien zu erreichen. Mit dabei sind Frauen und Kinder, ein Clown, ein Kunstmaler, ein Filmteam und zwei Automechaniker. Der Hippietrail ins gelobte Land der Yogis, Gurus und Maharadschas war damals noch möglich, auch wenn viele abrieten, wie sich Christian Burchard erinnert: "Alle haben uns für verrückt erklärt. Kurz vor unserer Abreise haben wir gehört, im Iran ist Bürgerkrieg, also kann man das vergessen. Wir haben es geschafft. Das war wirklich neun Monate Happening, das sich in die Köpfe von jedem, der da dabei gewesen ist, eingegraben hat."

Weltmusik und Reisen

Die Reise ist der definitive Beginn von Embryo als Weltmusik-Band. Die Musiker spielen mit allen möglichen Kolleginnen und Kollegen, denen sie auf dem Trip gen Osten begegnen. Sie erkunden mit ortsansässigen Musikern klassische arabische Musik, indische Ragas und Skalen, sie spielen auch mit Musikanten und Zirkusmusikern, vertiefen sich in die Folkloren und die Musiktraditionen des Orients.

Als Embryo zurückkehren von dem neunmonatigen Trip, bringen sie "Embryos Reise" heraus, ein Doppelalbum und ein Hör-Abenteuer mit Außenaufnahmen, Klang-Collagen, Schnipseln von Konzertmitschnitten, Punk-Rocksongs und ethnologisch wirkenden Aufnahmen, die rau, fremdartig und außereuropäisch klingen. Es gibt also auch noch andere Welten als die westliche Konsumgesellschaft.

Embryo: "Live Behind The Green Door" (Permakultur Schallplatten), Vinyl ab 20 Euro

Der kompletten Beitrag zu Embryo können Sie im Kulturjournal auf Bayern 2 hören. Den Podcast können Sie hier abonnieren.