Serie "Eldorado KaDeWe" in der ARD-Mediathek Armut, Prunk und lesbische Subkultur in der "Stadt der Frauen"

Die neue Serie "Eldorado KaDeWe" spielt im Berlin der Goldenen Zwanziger. Im Zentrum: das legendäre Kaufhaus. Regisseurin und Drehbuchautorin Julia von Heinz hat viel Wert auf eine authentische Darstellung der damaligen Zeit gelegt – und auf die Drehbedingungen von Sexszenen.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 20.12.2021 | Archiv

Filmstil: Hedi und Fritzi verlieben sich ineinander. 
| Bild: ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction / Dávid Lukács

Irgendwann nach dem 1. Weltkrieg, mitten in der Nacht, wird Harry Jandorf von einem Auto abgeholt. Nach drei Monaten Kriegsgefangenschaft geht es nach Hause, nach Berlin. Harry Jandorf ist nicht irgendwer, er ist der Sohn des Direktors des KaDeWe, Kaufhaus des Westens. Auf Harry wartet eine andere Welt, eine "Stadt der Frauen", wie die erste Folge auch heißt. Denn viele Männer sind gefallen oder versehrt zurückgekehrt. Oder, wie seine neue Chauffeurin (Katy Nina Karrenbauer) auf seine Nachfrage - seit wann man Frauen denn ans Steuer lasse - salopper formuliert: "Haben Sie schon mal einen toten Mann Autofahren sehen? Oder einen ohne Beine?" Harry Jandorf kehrt also zurück in das KaDeWe, zu seinem Vater, seiner Mutter und seiner Schwester Fritzi. Und muss entdecken: Das Kaufhaus sieht zwar noch prachtvoll aus, geschäftlich gibt es allerdings Probleme. Während seiner Abwesenheit wurde Georg Karg die rechte Hand des Direktors, der auf Sparmaßnahmen pocht. Der Kriegsrückkehrer Harry aber besteht auf Prunk.

Achtsamkeit bei den Sexszenen

Der Kampf von Harry Jandorf (Joel Basman, Schauspieler und Modedesigner) geht also weiter. Einer um das Kaufhaus und sein Erbe. In der Serie "Eldorado KaDeWe" kämpft auch Hedi, eine Kaufhausangestellte aus ärmlichen Verhältnissen. Aus einem schwierigen Milieu hat sie sich - wie auch der penible Georg Karg (Damian Thüne) - befreien müssen. Und Fritzi Jandorf, Direktoren-Tochter, wehrt sich mit emanzipatorischen Mitteln gegen das einengende Patriarchat im Elternhaus. Aus den Vieren wird eine ungleiche Freundesgruppe - aus Hedi (Valerie Stoll) und Fritzi (Lia von Blarer) wird ein Liebenspaar. Leicht und überschwänglich leben die beiden die Romantik ihrer Liebe aus, tragen sich gegenseitig Gedichte vor, lernen gemeinsam die Liebe kennen und den Sex, der sehr ausgiebig gezeigt wird.

Julia von Heinz, Regisseurin und Drehbuchautorin von "Eldorado KaDeWe"

Dabei hat Regisseurin Julia von Heinz nicht nur darauf geachtet, was Sexszenen in der Serie über die Figuren und deren Beziehung zueinander aussagen, sondern auch auf die Bedingungen, unter denen gedreht worden ist: "Es ist klar, wenn zwei junge Darstellerinnen soweit aufeinander eingehen, dass da kein Spielraum für Überraschungen ist. Es war für alle zu jedem Zeitpunkt klar, wann man welche Einstellung sieht. Wir haben es im kleinsten Rahmen gedreht, wo gerade mal fünf Frauen im Raum anwesend waren. Ich lasse die Kamera auch nicht weiterlaufen. Wenn ich weiß, das ist die Einstellung, in der Fritzi Hedi leckt, drehe ich genau das und lasse die da nicht endlos machen. Das ist anstrengend zu drehen - und sehr privat. Und deshalb gehe ich sehr genau dabei vor."

Mutmaßlich haben Szenen wie diese dazu geführt, dass - laut Julia von Heinz - "eine wichtige TV-Beilage" auf ihrem Titel doch lieber etwas "Braveres" bringen wollte. Mehr dazu in dem hier verlinkten Instagram-Post von Julia von Heinz.

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juliavonheinz

Instagram-Beitrag von juliavonheinz | Bild: juliavonheinz (via Instagram)

Genauigkeit auch bei der lesbischen Subkultur

Der Titel der Serie "Eldorado KaDeWe" trägt die Welten in sich, zwischen denen sich die Hauptfiguren bewegen: Das Eldorado, die Bühne der lesbischen Subkultur - Hort für das emotionale Überleben. Und das KaDeWe - Ort des geschäftlichen Überlebens. Rauschende Feste finden statt, gleichzeitig wird das Leben härter, enger. Hier wird gehungert, dort wird geschlemmt. Die Figuren Fritzi Jandorf und Hedi sind von der Regisseurin und Drehbuchautorin Julia von Heinz erfunden, die Umstände sind keine Fiktion: "Wir haben unglaublich viel recherchiert zum KaDeWe. Alles was wir finden konnten, zu seinen Krisen, Existenznöten und dann wieder auch zu den Lösungen, die es weiterexistieren ließen. Aber auch zu der ganzen lesbischen Subkultur, überhaupt zum weiblichen Leben und zu Verhütungsmethoden, den Abtreibungen und auch Schönheitsoperationen. Also wir sind da ganz ganz tief in die Materie eingestiegen. Ich hätte nicht gewollt, dass in der Serie etwas vorkommt, was nicht hätte vorkommen können."

Berlin - eine große Kulisse 

In Historienserien spielt die Kulisse, spielen Gebäude oder Straßen oft die heimliche Hauptrolle. In dieser Serie auch. Aber anders: Alle Innenräume der Serie sind originalgetreu hergerichtet. Die Außenaufnahmen dagegen zeigen das heutige Berlin. Wir sehen das Kaufhaus, wie es in der Gegenwart aussieht und Autos – Fritzi und Hedi fahren in der Berliner U-Bahn. Regisseurin Julia von Heinz erklärt die Hintergründe: "Wenn man dann historische Filme sieht oder Serien, die hier in Deutschland entstehen sieht man meistens diese eine Straße, durch die die immer gleichen 15 Autos fahren - von rechts nach links und von links nach rechts - und dann noch zwei Pferdekutschen. Das entspricht aber nicht dem was Berlin damals war: Eine tosende, lärmende, volle Stadt und ich fand dann, dass das heutige Berlin dem damaligen Berlin visuell sehr viel ähnlicher ist". Auch die Musik stammt nicht nur aus der Zeit, in der die Serie spielt. Claire Waldoffs "Raus mit den Männern ausm Reichstag" erklingt neu interpretiert genauso wie Musik von Matthias Petsche, Tommi Eckhardt und Inga Humpe (letzere sind zusammen die Band 2Raumwohnung), die auch selbst kurz zu sehen ist.

Zeitebenen sind miteinander verwoben

Durch diese zeitlichen Verwebungen werden auch die Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterstrichen. Ähnlich asynchron hatte dieses Jahr auch die Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" mit dem Soundtrack gearbeitet – was einigen missfallen hat. Dabei erlaubt eben diese Verschränkung einen respektvollen Blick auf das Gestern und das Heute. Denn das Berlin, das wir in dieser Unterhaltungsserie sehen, das wir genauso kennenlernen wie die Figuren, die wir beobachten, das gibt es ja noch immer. Und auch die Erzählungen der Figuren von "Eldorado KaDeWe", ihre Geschichten von Liebe und Freundschaft, von Emanzipation und körperlicher Selbstbestimmung von Homophobie und Antisemitismus - sie sind noch lange nicht Geschichte.

Übrigens endet die Serie zwar Anfang der 1930er-Jahre – Julia von Heinz lässt das genaue Jahr bewusst offen – im Falle einer zweiten Staffel, sagte sie im Interview, wüsste sie schon, wie es weitergehen würde.