Skandalurteil in Frankreich Sex ist Pflicht laut Gericht

Weil sie keinen Sex mit ihrem Ehemann mehr hatte, hat in Frankreich ein Berufungsgericht einer Frau die alleinige Schuld für eine Scheidung zugesprochen. Ein Skandal.

Von: Martin Zeyn

Stand: 19.03.2021 | Archiv

Mann drückt die Arme einer Frau zu Boden | Bild: BR

Sie sei allein schuldig. Ihre Weigerung, sexuelle Kontakte haben zu wollen, ist der Grund für die Scheidung. Dieses Urteil bestätigte jetzt ein Kassationsgericht. Die letzte Chance der Frau, recht zu bekommen, ist jetzt die Anrufung des Europäischen Menschengerichtshof. 

Die Ehefrau als Ware 

Anderes als in Deutschland gibt es in französischen Scheidungsprozessen immer noch die Schuldfrage, also wer für das Zerbrechen einer Ehe verantwortlich ist. Die spielt eine wichtige Rolle bei der Bemessung von Unterhaltszahlungen. Hierzulande wurde die abgeschafft, um eine Schlammschlacht zu verhindern, aber auch, weil dadurch immer eine Bewertung durch das Gericht erfolgte, wer sich besser, wer sich schlechter verhalten habe. Ehebrecherin war ein gesellschaftliches Brandmal. Im französischen Urteil schwingt jedoch noch etwas anderes mit: der Körper als Ware und die Ehe als Handelsvertrag, der freien Zugang gewährt. Dem schob das vor 2016 in Deutschland verabschiedete Sexualstrafrecht mit dem Grundsatz "Nein heißt Nein“ einen Riegel vor:  Männer, auch Ehemänner, haben kein Recht mehr, sich des Körpers einer Frau zu bedienen ohne ihr Einverständnis. 

Sexentzug zählt mehr als Gewalt 

Das französische Urteil aber bestätigt den Anspruch des Mannes auf die sogenannten "ehelichen Pflichten". Grob ausgedrückt: Mach die Beine breit. Tatsächlich spielt Sex in vielen Ehen eine wichtige Rolle – trotz der mit dem Alter abnehmender Häufigkeit. Wohlgemerkt:  in vielen Ehen, denn es gibt Beziehungen, die ohne Sex, ohne Berührungen auskommen. Und hier muss noch einmal eine banale Regel wiederholt werden: Sex ist eine Verhandlungssache. Auch in der Ehe. Wenn er schlecht ist, wenn er nicht klappt, sind normalerweise zwei daran beteiligt. Und wie ein Paar seine Beziehung regelt, geht grundsätzlich niemanden etwas an, solange ein Einverständnis herrscht. Die schuldig gesprochene Ehefrau jedoch hatte die Scheidung eingereicht wegen der „Drohungen und Tätlichkeiten“ ihres Mannes. Und spätestens hier ist dieses Urteil ein Skandal. Denn es hat eine Abwägung stattgefunden über zwei Rechtsgüter. Auf der einen Seite: Gewalt gegen die Frau. Auf der anderen: kein Sex. Und zwei Instanzen geben in Frankreich daraufhin der Frau die Schuld für das Scheitern einer 27jährigen Ehe. Das reduziert eine Ehefrau auf eine Sexpuppe – immer willig, immer duldsam, immer Objekt. 

Und so hat dieses Urteil tatsächlich etwas Gutes. Wer je behauptet hat, die Gleichberechtigung sei erreicht, den belehrt dieses Urteil, dass patriarchales Denken immer noch existiert. Eine Frau muss dem Mann zur Verfügung stehen. Kein Wunder, dass darauf Frauen keinen Bock mehr haben.