Klimakatastrophe Warum Eckart von Hirschhausen Klima-Aktivist wurde

Die Energiewende ist entscheidend für unsere Gesundheit: Eckart von Hirschhausen im Gespräch über sein Buch "Mensch Erde!" und seine neue Klima- und Gesundheitsschutz-Stiftung.

Von: Knut Cordsen

Stand: 07.06.2021 | Archiv

 Eckart von Hirschhausen mit Globus: Der Moderatoor, Buchautor und Mediziner sorgt sich  wegen des Klimawandels | Bild: dpa-Bildfunk/Julian Engels

Eckart von Hirschhausen steht mit seinem neuen Buch auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste: "Mensch Erde! Wir könnten es so schön haben". Und um die Erde und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen, um die Gesundheit des Planeten sorgt sich der Mediziner und Entertainer. Vor kurzem hat er die Stiftung "Gesunde Erde, Gesunde Menschen" ins Leben gerufen.

Knut Cordsen: Sie haben schon übers Glück, über die Liebe und das Älterwerden geschrieben. Jetzt nehmen Sie sich der Umwelt an. Welcher Gedanke hat Sie beim Schreiben Ihres neuen Buches geleitet?

Eckart von Hirschhausen: Wenn wir Ärzte angetreten sind, um Leben zu schützen und Gesundheit zu wahren, dann müssen wir uns dringend der Tatsache stellen, dass die Klimakrise mit Abstand die größte Gesundheitsgefahr in diesem Jahrhundert ist. Wir haben viele Tausend Hitzetote in Deutschland gehabt, wir haben eine Zunahme von Allergien, von Zecken. Der Wald stirbt – der Wald soll uns gesund machen und nicht wir ihm beim Sterben zuschauen wegen der drei dürre Jahre. Diese Verbindung zwischen Klimawandel und Gesundheit, die war mir selber bis vor drei Jahren nicht so bewusst. Und deswegen engagiere ich mich und denke in meinem Buch "Mensch Erde! Wir könnten es so schön haben", darüber nach, wie dieses relativ abstrakte Thema, wo wir lange über Meeresspiegel und Eisbären geredet haben, wirklich auf das zu beziehen ist, was uns alle angeht und uns allen wichtig ist, nämlich die Gesundheit von uns und den Kindern.

"Die Zeiten ändern sich und ich ändere mich mit", so schreiben Sie. Und Sie hätten eine Entwicklung durchgemacht, vom lustigen Doktor hin zu etwas anderem. Zu was genau? Als Klima-Clown wollen Sie ja wahrscheinlich nicht wahrgenommen werden?

Nein, natürlich bin ich weiter für eine positive und hoffnungsvolle Kommunikation. Aber ich bin ehrlich: Die Dinge, die ich dort zusammengetragen habe, sind erst einmal dicke Bretter und deswegen steht vorne etwas humorvoll drauf: "Drei Krisen zum Preis von zwei". Denn wir haben ja jetzt 15 Monate lang über Corona gesprochen, ohne mitzukommunizieren, dass diese Krise maßgeblich auch mitausgelöst wurde durch die Art und Weise, wie wir mit Wildtieren umgehen – wie wir ihnen den Regenwald kaputtmachen, ihre Rückzugsmöglichkeiten nehmen, wie wir sie weltweit handeln und essen. Mich interessiert immer dieses vernetzte Denken bei diesen Themen: Warum wird es heißer? Wir denken, wir können uns daran gewöhnen? Nein! Jeder, der schon mal ein Ei gekocht hat, weiß, wenn Proteine sich in eine andere Form gebracht haben, ist das unumkehrbar. Bei einem gekochten Ei etwa wird etwas Flüssiges zu etwas Hartem – und es wird nicht wieder flüssig, wenn wir es abkühlen lassen. Unser Hirn besteht genau aus den gleichen Dingen, nämlich aus Protein und Wasser. Und wir haben im Denken wirklich lange eine Sperre gehabt, dafür, dass wir inzwischen nicht mehr die Natur als Feind betrachten müssen, gegen die wir uns wappnen müssen, sondern dass wir der größte Feind von uns selber geworden sind. Und da habe ich schon ein ehrliches Erschrecken, auch eine ehrliche Traurigkeit und eine Dringlichkeit. Weil wir könnten es schöner haben und vor allen Dingen gesünder.

Der Kampf für das Klima geht nur gemeinsam, schreiben Sie. Besteht darin nicht eigentlich die größte Herausforderung, gerade beim Thema Klimagerechtigkeit und Klimaschutz, die darüber oft zerstrittenen Generationen zusammenzubringen?

Ja, viele Hörerinnen und Hörer werden auch Menschen über 80 kennen, die sich Sorgen machen. Und ich habe in meinem Buch auch deswegen eine Geschichte über den nachhaltigsten Menschen in meinem ganzen Umfeld. Das ist nämlich mein eigener Vater. Der hat die Inspiration gegeben für den Text „Der nachhaltigste Turnschuh der Welt“. Das ist nämlich der, den man schon hat. Und wir müssten viel mehr in meinen Augen ein Mehr-Generationen-Gespräch führen. Und da, wo ich das kann, tue ich das auch. Die beiden inspirierenden, sozusagen spirituellen Paten für meine Reise waren Jane Goodall und Ernst Ulrich von Weizsäcker. Jane Goodall, die Schimpansenforscherin fragte mich in einem Interview plötzlich: "Wenn wir Menschen so schlau sind, wie wir immer behaupten, warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause?" Und diese Frage hat mich wirklich im Herzen getroffen. Deswegen ist mein Buch auch voller persönlicher Geschichten, weil ich glaube, es mangelt nicht an Warnungen, es mangelt auch nicht an Statistiken und Forschungsergebnissen. Die Klimakrise ist echt, sie ist menschengemacht. Menschen können sich ändern. Die Forschung dazu ist eindeutig und es gibt noch einen Rest Hoffnung. Diese fünf Sätze kann man innerhalb von zehn Sekunden jeden unterschreiben lassen, da können wir uns alle hinter stellen. Es ist keine Frage von links oder rechts, von grün oder schwarz. Sondern es ist wirklich eine  Überlebensfrage von uns Menschen und deswegen auch eine ärztliche. Und wenn man erst einmal verstanden hat, dass die ärztliche Reihenfolge – erst die Diagnose klären und dann über die Therapiemaßnahmen reden – bei Corona gut funktioniert hat, dann schaffen wir das vielleicht auch mit der Klimakrise, die ja auch mit dem Artensterben, mit der Luftverschmutzung und vielen anderen Dingen ganz eng zusammenhängt.

Bessere Kommunikation zum Klimaschutz braucht neue Worte, neue Denkmuster und nicht zuletzt bessere Storys. So steht es bei Ihnen. Frank Schätzing macht es ja interessanterweise derzeit genauso wie Sie. Er spricht in seinem Bestseller "Was, wenn wir einfach mal die Welt retten?" die Leserinnen und Leser direkt an. Ist diese direkte Ansprache der beste Weg, die Leute zum Mitmachen anzustiften?

Ja, in den letzten zwei, drei Jahren ist mehr passiert als in den letzten 30 Jahren. Und das ist auch meine große Hoffnung. Jetzt, mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, kriegen wir plötzlich einen Rückenwind für diese Themen, die damit endlich rauskommen aus einer übertriebenen Öko Ecke. Denn es ist wirklich eine Frage, die uns alle angeht und natürlich auch die nächsten Generationen. In Bayern gab's doch auch dieses sensationelle Volksabstimmungsergebnis zu den Bienen. Das heißt, die Menschen sind in meinen Augen viel weiter als die Politik. Und wenn wir auch auf die Wahl in Sachsen-Anhalt schauen, wenn eine Klimaleugner-Partei immer noch jede fünfte Stimme kriegt, dann ist das auch eine Gefahr für unsere Demokratie, für unser Wissenschaftsverständnis. Und in der Pandemie hat uns das Hören auf die Wissenschaft wirklich viele Menschenleben gerettet. Und genauso ernst müssen wir jetzt die große Klimakrise nehmen. Und da bin ich gerne Teil davon zu erklären, warum es uns alle betrifft. Mit jedem Einatmen, Ausatmen, mit der Hitze, die uns zu schaffen macht – gerade auch den Menschen mit chronischen Erkrankungen, mit Herzkrankheiten, mit Lungenkrankheiten – aber eben die Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Weltweit sind die Menschen noch mehr als in Deutschland betroffen, im globalen Süden sind heute schon viele in einer wirklich extrem bedrohlichen Situation gesundheitlich.

Das Außergewöhnliche an Ihrer Stiftung ist, dass Sie sich mit dem Klimaschutz auseinandersetzt. Denn weniger als ein Prozent aller Stiftungen beschäftigen sich überhaupt mit dem Thema Klima und Nachhaltigkeit. Der durchschnittliche Mäzen scheint noch gar nicht ganz im Anthropozän angekommen zu sein.

Das haben Sie sehr schön formuliert. Ja, dafür, dass wir nur noch zehn Jahre Zeit haben, um das Überleben der Menschheit zu sichern, ist die Dringlichkeit bei ganz vielen Menschen noch nicht durchgesickert ist. Natürlich ist es toll, wenn wir Kunst fördern, oder wenn wir Demokratie und Wissenschaft fördern. Aber das hängt doch alles miteinander zusammen. Wenn wir schon eine deutsche Ärztin an der Spitze der EU haben, warum taucht dieses Gesundheitsargument bisher in der ganzen Argumentation nicht auf? Wir tun immer noch so, als wäre Energiewende ein technisches Problem oder was für Ingenieure. Nein, ist es für jeden eins, der ein und ausatmet. Weil Kohle zu verbrennen ist immer mit Dreck verbunden, mit Quecksilber in der Luft. Und deswegen ist Solar und Wind eben viel gesünder.

"Mensch Erde! Wir könnten es so schön haben" von Eckart von Hirschhausen ist bei dtv erschienen.