Drechseln Ein altes Handwerk wird zum Youtube-Hit

Was haben Youtube-Nutzer von heute und der Adel vergangener Zeiten gemeinsam? Die Passion fürs Drechseln. Prinzessinnen und Kriegsherren betrieben die Arbeit an der Drehbank als exklusives Hobby. Eine spezielle Faszination – die irgendwie sogar mit Gott zu tun hat.

Von: Norbert Haberger

Stand: 19.05.2021

An einer Drechselbank wird gearbeitet. | Bild: dpa-Bildfunk/Sina Schuldt

Wie sich eine Form aus harter Materie schält, als wäre diese weich wie Ton. Drechseln! Eine unglaubliche Magie strahlt dieses Handwerk aus. Auf Youtube erreichen Drechselvideos heute 50 Millionen Klicks und mehr. Und früher? War Drechseln die Passion der Herrschenden in ganz Europa. Bayerns Max III. Josef hinterließ keine Nachkommen, dafür viel selbstgedrehtes Geschirr. Fast alle Wittelsbacher drechselten. Schon als Kinder wurden sie darin unterrichtet: Charakterbildung, Schule fürs Leben.

Der Adel an der Drechselbank

Dabei war sicherlich die Hoffnung, erklärt Jens Burk vom Bayerischen Nationalmuseum, bestimmte positive Eigenschaften zu vermitteln, bestimmte – wie man heute sagen würde – Skills: "Diese Ausbildung an der Drehbank, an der Drechselbank, die hat natürlich ein unglaubliches Maß an Konzentration, an Geduld erfordert, aber auch an theoretischen Fähigkeiten. Man musste sich mit Geometrie, mit Mathematik, mit der Maschine ja auch auseinandersetzen." Angeleitet von den besten Drechselmeistern, erlangte manch Adeliger unglaubliche Virtuosität.

Das Nationalmuseum bewahrt Elfeinbeinpokale auf, die von Mitgliedern der Familie Wittelsbach hergestellt wurden. Ebenso wie die über 300 Jahre alte Drehbank Max Emanuels. Der war ein großer Kriegsherr – nur nicht immer erfolgreich. 1704 musste er Bayern verlassen, die Drechselmaschine nahm er mit. Und beschäftigte sich im Exil mit seinen Mätressen und mit dem Handwerk des Drechselns, wie Jens Burk erzählt.

Ein exklusives Hobby

Die Drehbänke sind technische Wunderwerke. Im Elfenbeinmuseum Erbach im Odenwald funktioniert noch eine – mit Originalteilen aus dem 17. Jahrhundert. Helmut Jäger ist der einzige Drechsler weltweit, der diese historischen Maschinen bedienen kann. Es sei zur damaligen Zeit durchaus üblich gewesen, dass auch Frauen drechselten, Prinzessinnen, "um einfach Verständnis für technische Entwicklungen" zu bekommen. Europas Adel drechselte: Sophia Magdalena von Schweden, August der Starke von Sachsen, Zar Peter der Große. Und sogar Martin Luther.

Ein äußerst exklusives Hobby damals, so Drechslermeister Helmut Jäger. Die adeligen Drechsler gefielen sich gerade darin, die Sache zur Erbauung zu betreiben: "Das war etwas ganz Besonderes: der Dilettant, der hoch angesehen war, weil er diese Produkte gemacht hat, ohne irgendeinen kommerziellen Gedanken daran zu verschwenden. Da waren der Zeit- und der Geldaufwand nebensächlich."

Mit den Wundermaschinen lassen sich die sonderbarsten Formen drehen. Ornamente, Ovale, Spiralen. Filigrane Kugeln in deren Inneren sich – wie bei einer russischen Puppe – viele kleinere befinden, alles aus einem Stück gefertigt. "Hier ist die Faszination: Wie kommt die Kugel in die Kugel?", sagt Helmut Jäger. Im ersten Moment habe man den Eindruck, die eine müsse für die andere geöffnet worden und wieder zugemacht worden sein, aber das sei alles in der massiven Kugel innen ausgearbeitet. "Kugeln waren das höchste, was der Drechsler damals hergestellt hat. Perfekte Kugeln. Ein Meisterstück war es, drei perfekt gleiche Kugeln herzustellen."

Staatsgeschenke, selbstgemacht

Es heißt, Gott war der erste Drechsler, schließlich schuf er die Erdkugel. So wurde er zum "Role Model" absolutistischer Herrscher. Und die ließen sich für ihren Zeitvertreib das edelste Material liefern, das es damals neben Gold gab: Elfenbein aus Afrika und Indien. Fast in jeder Residenz befand sich eine Drechselstube, und die zählte zu den wichtigsten Räumen. Sogar Staatsbesuch wurden hier empfangen. Man fachsimpelte über die neuesten Techniken an der Drehbank. Jens Burk vom Bayerischen Nationalmuseum: "Diese unglaublich aufwändigen Objekte waren natürlich prädestiniert dafür, als diplomatische Geschenke zwischen den Höfen die Besitzer zu wechseln."

So gibt es im Inventar der Münchner Kunstkammer eine Reihe von Objekten, die der sächsische Kurfürst selbst gedrechselt und dann nach München verschenkt hat. Das frühe "Do it yourself" hatte politisches Gewicht. Und wer weiß, vielleicht wurde ja auch der eine oder andere Krieg verhindert, weil die Staatenlenker mit dem wirklich Schönen, Wahren und Wichtigen beschäftigt waren.