Doku über Uwe Tellkamp Wie aus einem Bestsellerautor ein Fall wurde

Uwe Tellkamp regt sich auf. Über sein Land, das er nicht mehr als seines wahrnimmt. Über die Medienlandschaft. Eine Fernsehdokumentation zeigt ihn nun beim Schreiben und Streiten. Er lässt keine andere Meinung gelten – und wirft das allen anderen vor.

Von: Martin Zeyn

Stand: 19.05.2022 | Archiv

Dresden: Uwe Tellkamp, Autor, sitzt im Hof des Buchhaus Loschwitz auf einer Bank. Tellkamps neuer Roman ·Der Schlaf in den Uhren· erscheint am 16. Mai 2022. | Bild: dpa-Bildfunk/Sebastian Kahnert

Uwe Tellkamps hat einen neuen Roman vorgelegt: "Der Schlaf in den Uhren". Der macht es uns fast schon zu leicht, ihn richtig, richtig verquast zu finden. Spannender ist da die Fernseh-Dokumentation über den Bestsellerautor, der die letzten Jahre vor allem als öffentliche Person Wellen schlägt. Viele sahen ihn ins rechte Milieu abdriften – wegen seiner abschätzigen Aussagen über Flüchtlinge und seiner Behauptung, es gebe in unserem Land "Gesinnungskorridore". Gegen die Bezeichnung "Faschist" wehrt er sich vehement. Doch wofür steht er wirklich?

Versteckt sich Uwe Telllkamp hinter seinen Figuren?

Die stärkste Passage ist die Schlussszene. In der holt Uwe Tellkamp noch einmal groß aus, klagt über die sozialen Medien, die Allmacht der Vorurteile über Personen, das Land, das er nicht mehr wiedererkenne. Das seien Gedanken des Erzählers im Roman. Daraufhin fragt der Interviewer: "Also eine Geschichte, die mit dem Autor nichts zu tun hat?" Tellkamp verneint und verzieht dann ganz seltsam das Gesicht, verschämt, unsicher lächelnd. Fühlt er sich ertappt, weil er sich für gewiefter als alle hielt und nun bei einer offenkundigen Lüge durchschaut wurde? Sind die ellenlangen Auslassungen des Erzählers über ein dekadentes Land nicht doch 1:1 die Meinungen des Autors?

"Medienjunkie", der von seiner Droge nicht lassen kann

Wofür Tellkamp steht, sagt er nicht. Er wehrt sich aber dagegen, in die rechte Ecke gestellt zu werden. 90 Minuten dauert diese Dokumentation. Viel Zeit, in der Tellkamp sein Romanprojekt, vor allem aber seine Weltsicht ausbreiten kann. Er beschreibt sie als fortlaufende Entfremdung von seinem Land. Worin genau die besteht, bleibt seltsam unklar. Beziehungsweise bleibt im Nebel von Pauschalurteilen: Er sieht überall einen Kniefall vor der herrschenden Meinung. Selbst die FAZ, der er "schätze" und "verteidige", sei ins Links-Grüne-Milieu abgedriftet. Er werde behandelt "wie ein Verbrecher – von Journalisten".

Steht Tellkamp vor einer Gefängnisstrafe oder ist er Gegenstand von Kritik? Als Schriftsteller muss es sich Tellkamp gefallen lassen, dass seine Aussagen ernst und wörtlich genommen werden, ob nun zur Flüchtlingsfrage oder zur Medienlandschaft. Aber er, der hart kritisiert, hält Kritik offenbar für ehrabschneidend. Und kann doch nicht davon ablassen, täglich Zeitungen zu lesen. Wo er hinschaut, würden Menschen aus derselben Gruppe dasselbe schreiben. Klingt so, als gäbe es außerhalb des kleinen sächsischen Dorfes und weniger Weggetreuen nur Speichellecker. Die gesamte Medienlandschaft – alles eins. Tellkamp nennt sich in seiner seltsam aggressiven Selbstironie einen "Medienjunkie". Nun Junkies sind meist keine genauen Beobachter, sondern Leute, die einen schnellen Schuss brauchen. Und der heißt: Bestätigung. Nicht etwa Debatte oder Aufklärung.

Ungehört – allerdings in allen Medien

Dieser Drang, als hellsichtiger Mahner wahrgenommen zu werden, und die Verbitterung darüber, dass so wenige ihm folgen, wundert bei einem Bestseller-Autor wie Tellkamp. Er bekommt zwei Seiten in der SZ (die er im Film mit einem Kopfschütteln abtut). Er bekommt eine 90-minütige Doku zur Primetime auf 3Sat. Trotzdem spricht er in einer erhitzten Diskussion in der Dresdener Buchhandlung "Buchhaus Loschwitz" davon, dass "Haltungsleute" ihn auslüden, weil er 2018 gesagt habe, die Flüchtlinge kämen, "um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent". Diesen Satz nennt er ein "Outing" – offen bleibt, wozu er sich damit bekennen wollte. Deutlich zu hören jedoch ist die Verbitterung, mit dieser Unterstellung (denn einen Beleg vermag er nicht anzubringen) nicht auf breite Anerkennung gestoßen zu sein. Ein Don Quichote, der als einziger überall mächtige Riesen sieht, die das Land unter ihre Knute gebracht haben? Oder schlicht ein Bürger, der die Veränderungen in seinem Land nur als Bedrohungen wahrzunehmen imstande ist? Oder kann sich Tellkamp nicht von seiner DDR-Prägung lösen? Vom russischen Philosoph Boris Groys stammt eine kluge Erkenntnis: Im Ostblock definierte sich die Qualität von Literatur dadurch, wie es ihr gelungen sei, inopportune Inhalte an der Zensur vorbeizuschmuggeln. Aus dieser Prägung kann sich Tellkamp nicht lösen. Er braucht die Behauptung, es gäbe Zensur. Weil nur so seine Literatur einen Nimbus verliehen bekommt: den der unbedingten Wahrheitssuche.

Diese Doku zeigt, wie Lagerkoller funktioniert. Ohne zu dramatisieren, ohne zu kommentieren. Ob es ihr damit gelingt, jemanden aus seiner Ecke herauszuholen? Sie tut alles dafür. Sie lässt Tellkamp, seine Unterstützer wie Kritiker zu Wort kommen. Ein Anfang. Eine Einladung. Schauen wir, ob sie angenommen oder ausgeschlagen wird.