DJ Hell im Interview "In der elektronischen Musik sind wir Weltmarktführer"

Auch internationale Größen wie DJ Hell hat die Pandemie aus der Bahn geworfen – und in neue Richtungen gelenkt. Im Interview spricht er über die mangelnde Wertschätzung für die Clubkultur und wie er dazu kam, mit der Mutter von Jonathan Meese Liebeslieder zu schreiben.

Von: Max Büch

Stand: 13.01.2021 | Archiv

DJ Hell mit dem Artwork von Jonathan Meese für das neue Album "House Music Box" | Bild: Presse

DJ Hell ist eine Legende und ein Urgestein der Clubszene: Seit über 40 Jahren ist Helmut Josef Geier schon als DJ tätig, hat mit vielen Stars zusammengearbeitet und mit seinem Label International Gigolo Records den Clubsound der Nullerjahre maßgeblich mitgeprägt. Die Café-Lounge Festung in Traunstein ist nicht weit von seinem Heimatort, Altenmarkt an der Alz, entfernt. Dort  spielt er ein zweistündiges Set, um die Festung im Rahmen der Aktion GEMEINSAM LAUTER zu unterstützen.

Max Büch: Du hast im November ein neues Album veröffentlicht mit dem Titel "House Music Box (Past Present No Future)". Das klingt nach Endzeitstimmung.

DJ Hell: Hoffentlich, ja.

Bezieht sich der Titel auf die Pandemie? Ist das als Kommentar auf die Musikbranche zu verstehen?

Ehrlich gesagt, gab es keine Pandemie, als der Titel entstanden ist. Ich fand das Thema stark: Vergangenheit, Gegenwart, keine Zukunft. Und dass es so eintrifft und so extreme Auswirkungen hat, wusste ich nicht. Das sind oft so Eingebungen, Gefühle, Zukunftsprognosen. In der Entstehung des Albums wusste ich nicht, dass so etwas überhaupt möglich ist: Dass ich ein Berufsverbot bekomme, nicht mehr agieren kann und aktuell um neun Uhr zuhause sein soll.

GEMEINSAM LAUTER - Wir geben Bayerns Musikszene eine Stimme. Eine Support-Initiative von PULS, BAYERN 3, Bayern 2 und der BR Kulturbühne | Bild: BR zum Artikel Support-Aktion für Musikszene GEMEINSAM LAUTER

Die Corona-Pandemie hat die Veranstaltungsbranche besonders hart getroffen. Unzählige Beschäftigte kämpfen um ihre Existenz. Wir wollen deshalb GEMEINSAM LAUTER ein Zeichen setzen – und der Musikszene in Bayern eine Stimme geben. [mehr]

2020 und die Folgen der Pandemie hat sich wohl niemand wirklich vorstellen können. Wie wäre das letzte Jahr für Dich denn ohne Corona verlaufen?

Ohne Corona wäre ich natürlich auf Tour gewesen. Es war ja alles schon bis September geplant – das DJ-Gewerbe ist ja nichts Spontanes. Irgendwann war klar, dass keine Auftritte mehr kommen, keine Festivals, alle Clubs zu. Im Grunde genommen bin ich seit März arbeitslos.

Das ist wahrscheinlich selbst für Dich, als international gebuchter DJ, finanziell ein harter Cut.

Ein finanzieller Cut ist es natürlich in extremem Ausmaße. Ich habe ja auch ein Plattenlabel und einen Verlag mit Mitarbeitern und muss das ja alles weiter am Laufen halten. Und plötzlich habe ich kein Einkommen mehr. Mein neues Album hat natürlich viel weniger Aufmerksamkeit, als es sonst üblich wäre, wenn ich es mit einer internationalen Tour bewerben und promoten würde.

DJ Hell im Stream: 16.1. ab 22 Uhr

Die Hygiene-Maßnahmen haben die Musik- und Veranstaltungsbranche insgesamt wohl am härtesten getroffen. Konzerthallen und Clubs sind seit fast einem Jahr geschlossen. Dafür hat immerhin auch ein Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung der Clubszene stattgefunden, dass auch die Clubs als Teil der Kulturlandschaft begriffen wird. Was bedeutet für Dich Clubkultur?

Naja, wenn man es genau nimmt, ist Techno erst seit November (in einem Urteil des Bundesfinanzhofs, Anm. d. Red.) als Musik anerkannt worden. Ich sehe das auf einer Ebene mit der Autoindustrie: Auch in der elektronischen Musik sind wir Weltmarktführer. Es wurde bisher einfach nur nicht akzeptiert, verdrängt oder noch schlimmer: nicht wahrgenommen.

Bei mir ist es ja deutlich: Ich mache auch Musik für Kunstprojekte, in Verbindung mit Modefirmen und auch sehr viel im Kunstbereich. Elektronische Musik ist nicht nur Clubbetrieb, Festivals und am Wochenende Feierei und gute Laune. Das ist schon eine leichte bis schwere Demütigung, wenn man das kulturell überhaupt nicht wertschätzt.

Das Cover des aktuellen Albums hat Jonathan Meese gestaltet.

Du hast den Kunstbereich gerade angesprochen. Das Artwork für Dein aktuelles Album hat der international erfolgreiche bildende Künstler Jonathan Meese gestaltet. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Ich habe ihn einfach gefragt, also offiziell über seine Presseagentur. Dann haben wir uns kennengelernt und Jonathan war sofort begeistert. Er kannte meine Musik und hat gesagt, dass er mir ein paar Entwürfe macht. Ich wusste nicht, dass er gleich 60 Entwürfe macht. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, was ich mit den anderen 59 Entwürfen mache.

Und aus dieser Konstellation ist auch ein neues Album entstanden, weil ich ihm gesagt habe, dass ich seine Preise nicht bezahlen kann, mit ihm aber im Gegenzug ins Studio gehen würde.

Das klingt spannend – und nach einer Zusammenarbeit, die vielleicht ohne die derzeitige Situation auch nicht möglich geworden wäre. Wie heißt das Projekt?

"Meese x Hell" und das Album heißt: "Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst". Ich habe die Musik gemacht, Jonathan Meese hat gesungen, performt und getextet. Dabei sind auch zwei Songs mit seiner 91-jährigen Mutter Brigitte Meese entstanden, die mit im Studio war. Mit ihr habe ich zwei Liebeslieder produziert.

Und dann kam noch der Künstler Daniel Richter, ein Freund von Jonathan Meese, und sagte, er würde es gerne auf seinem Label in Hamburg veröffentlichen: Buback Tonträger. Ich bin gespannt, wie die Leute darauf reagieren, weil es musikalisch anders ist, als was ich sonst mache. Dass ich mit Brigitte Meese im Studio bin und Liebeslieder schreibe – das wusste ich vor einem Jahr auch noch nicht, dass das überhaupt möglich ist. Wer weiß, was daraus noch alles entsteht.

Das sieht die Future erstmal ja gar nicht so dystopisch aus, wie Dein aktueller Albumtitel vermuten lässt. Wie sind Deine sonstigen Zukunftspläne? Wo würdest du gerne als Erstes wieder auflegen, wenn es wieder losgeht?

Die wichtigsten Orte für mich waren immer Metropolen: natürlich Berlin, früher New York, Sao Paulo, Tokio. Aber vielleicht sogar hier in der Festung in Traunstein als Start eine eigene Party machen.

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DJ Hell - Out Of Control (Official) | Bild: DJ Hell (via YouTube)

DJ Hell - Out Of Control (Official)

Ich würde gerne weitermachen, aber in einer anderen Form: Dass ich nicht mehr live spiele, sondern ein Avatar. Ein DJ Hell-Avatar, den man in meinem neuen Video sehen kann, der programmiert ist und der praktisch meine Auftritte übernehmen kann. Ich produziere das vor, der Mix ist speziell für Clubs oder Festivals und ist dann auf einem Bildschirm oder über Monitoring zu sehen – da gibt es ungeahnte Möglichkeiten. Vielleicht kann man es hier in der Festung testen: Mein Avatar wird hier Ende 2021 performen, das ist der erste Versuchslauf hier und da bin ich dann vor Ort und gucke es mir selber an. Kein Witz. *Gelächter*

Der Avatar ist da. Er ist einsatzfähig und bereit zu performen. Ich mache die Musik und ich bin ja auch im Bild, ich bewege mich und performe ja auch. Im Grunde genommen ist ein DJ Set zwar eine Performance, aber auch nicht spektakulär – soll sie ja auch nicht sein. Ich bin ja kein Animateur, der versucht, die Leute durch irgendwelche clownesken Animationen anzuheizen. Eine DJ-Performance ist oft sehr statisch, sehr simpel, sehr einfach, hoch konzentriert auf die Materie, auf die Musik, auf die Leute. Und da ist eigentlich nicht viel zu sehen.

Die Perfomance von DJ Hell in der Café-Lounge Festung in Traunstein sollte man trotzdem nicht verpassen: DJ Hell spielt ein Zwei-Stunden-Set am 16. Januar 2021, ab 22 Uhr hier auf der KulturBühne.