Ausstellung Diakoniemuseum arbeitet Missionsgeschichte auf

Die Black-Lives-Matter-Bewegung lenkt den Blick auch auf die Kolonialgeschichte. Die ist teilweise mit der Kirchengeschichte verflochten, zeigt das Diakoniemuseum Rummelsberg, wo heute als rassistisch geltende Spendendosen wie der "Nickneger" Platz haben.

Von: Tilmann Kleinjung

Stand: 14.09.2020

Im Kasseler Museum für Sepulkralkultur (Totenkult) stehen am Donnerstag (10.11.2005) diverse Missionsspardosen, die Ende des 18. Jahrhunderts als sogenannter "Nickneger" bekannt waren. Bei Einwerfen der Münzen nickte die Figur mit dem Kopf. "Wenn das Geld im Kasten klingelt... Vom Opferstock zur Online-Spende" lautet der Titel einer Ausstellung, die am Freitag (11.11.2005) eröffnet wird. | Bild: (c) dpa - Report

Mit den Kolonialherren kamen auch christliche Missionsgesellschaften nach Afrika oder Asien. Die evangelische Missionsgesellschaft Basel war die erste ihrer Art im deutschsprachigen Raum, später wurde auch von Bayern aus, zum Beispiel aus Neuendettelsau, das Evangelium zu den Heiden gebracht, wie man es damals formulierte. Mit diesem Teil ihrer Geschichte beschäftigt sich auch eine Ausstellung im Diakoniemuseum Rummelsberg. Ihr Macher ist der Historiker Thomas Greif.

Tilmann Kleinjung: Herr Greif, wo überall in der Welt haben denn Menschen aus Bayern missionarisch gewirkt?

Thomas Greif: Es reicht von Südamerika, Surinam, St. Thomas-Inseln über Afrika, Südafrika, Tansania bis dann natürlich Indien, China und Papua-Neuguinea.

Also fast die halbe Welt, die von Bayern aus besucht - eigentlich müsste man ja sagen, missioniert wurde. Sie sprechen im Titel ihrer Ausstellung von Diakonie aus Bayern, aber der Anspruch war doch vor nicht allzu langer Zeit ein missionarischer? Man wollte das "Licht zu den Blinden bringen".

In den klassischen Missionsgebieten, in Afrika, da war die diakonische Arbeit mit der Mission verbunden. Die Diakonissen und Diakone, die Ärztinnen und Ärzte haben sich als Boten des Glaubens verstanden und haben ihre Arbeit auch als Ausdruck von christlicher Nächstenliebe gesehen.

Mission = Ausbeutung und Rassismus?

In der Geschichtsschreibung wird die Arbeit der Missionsgesellschaften in einem Atemzug mit den Kolonialherren, mit Ausbeutung, mit Rassismus genannt. Deckt sich das mit Ihrem Befund in dieser Ausstellung?

Als Historiker ist man ja immer in der Pflicht vor Pauschalisierungen zu warnen. Wenn man Mission, Kolonialismus und Rassismus in eine Ecke stellt, muss man schon sehr genau hinschauen und sehr genau differenzieren. Es ist ganz klar, dass die europäischen Kolonialbestrebungen zutiefst rassistische Züge hatten, da muss man gar nicht darüber reden. Teilweise hat auch die christliche Mission profitiert von der Zusammenarbeit mit der Kolonialregierung. Aber die Missionsgesellschaften haben eigene Ziele verfolgt, die nicht deckungsgleich waren mit der Kolonialverwaltung. Es gibt diesen schönen Satz in der Leipziger Mission, die immer den Missionaren mitgegeben hat: Dient dem Reich Gottes und nicht dem deutschen Kaiserreich. Ich will vielleicht mal ein Beispiel geben, für eine Geschichte, die einen regelrechten Skandal hervorgerufen hat in der deutschen Kolonialszene. Die Leipziger Mission hatte am Kilimandscharo ein Missionshospital und dorthin einen Missionsarzt geschickt. In seinem Vertrag stand ausdrücklich, er ist Missionsarzt, aber nicht für die Europäer, die zu ihm kommen, sondern er ist für die einheimische Bevölkerung da. Und als dann ein deutscher Farmer nach einer fehlgelaufenen Löwenjagd zu ihm kam und sich dauerhaft von ihm behandeln lassen wollte, hat es der Missionsarzt abgelehnt. Er hat eine Erstbehandlung gemacht und hat ihn weitergeschickt ins Regierungskrankenhaus nach Moshi. Und es gab einen Aufschrei in der deutschen Kolonialszene, ob denn ein Missionsarzt eher für die Schwarzen da sei als für die Weißen.

"Dient dem Reich Gottes, nicht dem Kaiserreich"

Ein Objekt hat schon im Vorfeld für eine Schlagzeile im Feuilleton der FAZ gesorgt: "Gefallener Engel oder Ekelplastik." Das ist die Figur des knienden Schwarzen, die als Spendendose für die Mission fungierte. Und wenn die Münze dann eingeworfen wurde, nickte diese Figur. Mit unseren Augen heute betrachtet, ist diese Figur schwer erträglich, vor allem der Name, den man dafür benutzt hat: "Nickneger". Ist das nicht das beste Symbol dafür, dass es einen patriarchalen, wenn nicht sogar rassistischen Gestus in der kirchlichen Missionsarbeit gab?

Man muss diesen sogenannten "Nickneger", den es übrigens auch als "Nickchinesen" oder als "Nickengel" gibt, natürlich aus der Zeit verstehen und sich dem nähern, wo er entstanden ist, nämlich im 19. Jahrhundert. Man hat ein Symbol gebraucht, um den Menschen klar zu machen, spendet für die Mission in armen Ländern und da war natürlich Afrika einen bevorzugte Region. Diese Figur war als Sympathieträger angelegt, in einer demütig bittenden Position, das ist richtig, aber auch da muss man verstehen, das ist nicht die Demütigkeit der Missionierten gegenüber den tollen Europäern, sondern das ist einfach eine Demutshaltung, die im 19. Jahrhundert den Menschen noch sehr vertraut war. Inzwischen ist das weit weg von uns. Aber damals war das Teil der Gegenwartskultur. Dass sich jemand eben hinkniet in der Bitte. Heute haben diese Figuren zu Recht keinen Platz mehr in den Kirchen. Aber sie stehen am Anfang einer Entwicklung, die wir im Museum zeigen, einer Entwicklung der Missionsspardose, die dort beginnt und über verschiedene Abwandlungen dann endet irgendwo bei einer Weltkugel, in der dann überhaupt keine Hierarchie mehr dargestellt ist. Die symbolisiert, wir gehören zusammen, wir sind auf einer Ebene und wir verstehen uns nicht mehr von oben nach unten, so wie das die paternalistische Haltung der Mission bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts noch verstanden hat.

Die Ausstellung "Ferne Nächste" im Diakoniemuseum Rummelsberg wird am 25. September 2020 eröffnet.