Sound of Germany Olli Schulz erkundet die Stimmungslage im Land

In welchem Land lebe ich eigentlich? Und: Wie klingt es? Mit diesen Fragen im Gepäck ist Songwriter Olli Schulz quer durch die Republik getourt. Die daraus entstandene Doku "Sound of Germany" ist ein kurzweiliger Trip durch Deutschland, eine Hommage an die Musikszene und ihre Akteure, vor allem aber ein klangvolles, vielstimmiges Gesellschaftsporträt.

Von: Christoph Leibold

Stand: 24.09.2021

Der Singer-Songwriter Olli Schulz vor einer Lanschaft | Bild: NDR

Der Musiker Olli Schulz ist für die ARD durchs Land gereist, um der Nation musikalisch den Puls zu fühlen. Entstanden ist so die dreiteilige Doku "Sound of Germany". Alle drei Folgen sind in der ARD-Mediathek abrufbar. Christoph Leibold hat mit Schulz über seine Deutschlandreise gesprochen.

Christoph Leibold: Wenn man versucht, ein Stimmungsbild zu zeichnen, indem man mit Menschen landauf, landab über Musik ins Gespräch kommt – was geht auf diese Weise besonders gut?

Olli Schulz: Musik ist ein gutes Thema, um sich zu verbinden, weil Musikfans gerne untereinander über Musik reden. Sie haben die Leidenschaft, sich darüber zu unterhalten. Und das ist ja nun wirklich auch mein großes Steckenpferd, die Musik. Sie ist es schon immer gewesen, als Musiker und auch als Musikfan. Mit Musik hat man sofort ein Thema, über das man auch an andere Themen rankommen kann. Es ist also ein Eisbrecher, kann man sagen, und bringt einen gleich sympathisch zueinander. Man kann die unterschiedlichsten Leute damit erreichen. So war die Musik immer eine ganz gute Einführung, um dann auf andere Themen zu sprechen kommen.

Die drei Folgen von "Sound of Germany" haben jeweils einen eigenen Schwerpunkt. Erst geht es um Wut, dann um Sehnsucht und in der dritten Folge um Spaß. Um nochmal dieses Bild vom Pulsfühlen aufzugreifen: Man könnte vermuten, beim Thema Wut schlägt der Puls dann eher im Beat von Rap oder Rock. Bei Sehnsucht dann vielleicht im Schlagerrhythmus. Ist das so?

Ein bisschen ist das tatsächlich so, obwohl man das auch nicht so übers Knie brechen kann. Man sieht zum Beispiel auch in der Folge über Wut einen Alleinunterhalter, der überzeugter AfD-Wähler ist. Den würde ich jetzt gar nicht unbedingt als wütend bezeichnen, sondern eher als ein bisschen orientierungslos, wenn man das sagen kann. Aber er spürt natürlich eine Wut beziehungsweise eine Unzufriedenheit. Aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass der Schlager auf alle Fälle mehr für Spaß steht. 

Wieso haben Sie denn die Wut an den Anfang gestellt? Trifft Wut die Stimmungslage momentan womöglich am stärksten? Und wenn man als erstes darüber spricht, kann man sozusagen optimistischer werden und mit den Themen Sehnsucht und Spaß in die Zukunft schauen?

Eigentlich war Sehnsucht tatsächlich als erste Folge geplant. Wir haben uns aber kurzfristig umentschieden und Wut als erste Folge gesetzt, weil die Sehnsuchts-Folge gleich fünf oder sechs Geschichten erzählt. Und wir fanden das ein bisschen zu viel gleich für die erste Folge. Das hatte also mehr logistische Entscheidungsgründe.

Wie haben sie die Reiseroute geplant und die Leute ausgesucht? Das Stimmungsbild, das man zeichnet, wird ja sicher total anders, je nachdem ob man zum Beispiel nach München ins Glockenbachviertel geht oder in eine Plattenbausiedlung nach Chemnitz. Oder ob man mit einer Techno-DJane redet oder mit Klassik-Fans.

Es war alles unheimlich kompliziert, Leute zu finden, und es gab da keine richtige Reiseroute. Ich bin quer durchs Land gereist und habe zwischendurch am Wochenende noch meine Corona-Konzerte gespielt. Es war eine Menge Arbeit, besonders auch für das Team vom NDR, weil die überhaupt erst mal irgendwelche Veranstaltungen finden mussten. Wir wollten gerne ein Musikportrait machen, ein musikalisches Gesellschaftsbild über Deutschland. Aber es ist ja immer noch Corona, und so musste das alles unter höchsten Auflagen stattfinden. Und leider war es auch sehr schwer, Leute zu finden, die wir gerne ablichten wollten. Es war eine Mega-Arbeit, die schlussendlich doch hingehauen hat. Wir haben da, glaub ich, ganz gute Leute bekommen, um ein ganz gutes gesellschaftliches Bild ablichten zu können. 

Trotz dieser unterschiedlichen Menschen, die da vorkommen: Ist Corona womöglich das eine Thema, das bei der Stimmung gerade für alle den Takt vorgibt?

Ja, das ist der Takt, der alle betrifft, vor allem die ganzen Künstler, die nicht auftreten können, was ja auch breit erzählt wird in der Doku. Einige der Künstler, die da vorkommen, durften jetzt gerade erst wieder zum ersten Mal auf die Bühne.

Wie homogen oder heterogen, würden Sie denn sagen, ist dieses Stimmungsbild geworden? Gibt's jenseits der Corona-Erfahrung noch einen gemeinsamen Nenner, eine Erkenntnis?

Der gemeinsame Nenner ist die Liebe zur Musik. In dieser Dokumentation zumindest. Aber wie homogen das ist, weiß ich nicht. Es gibt unzählige Einzelschicksale, unzählige Menschen, die momentan nirgendwo auftauchen, im Social-Media-Bereich oder sonst wo. Und die wollten wir eigentlich ablichten. Menschen, die momentan nicht zu Wort kommen und die auch ein bisschen in Vergessenheit geraten sind durch diese Corona-Zeit. Da gibt es noch einige Geschichten, die man erzählen könnte.

Trotz Corona-Krise: Bemerkenswert ist schon, dass nicht die Moll-Töne vorherrschen.

Es herrschen auch positive Töne und Hoffnung. Vor allem die Liebe zur Musik, die da abgelichtet wird, zeigt, dass die Menschen immer noch Hoffnung haben. Denn wer Musik hört, der hat Hoffnung, finde ich. Wenn Du keine Musik mehr hörst, sieht es düster aus.

Haben Sie denn was gelernt auf dieser Reise über Deutschland, was Sie vorher noch nicht wussten?

Ja, dass ganz viele Menschen einsam sind, einsamer als ich dachte; und dass, glaube ich, ein Miteinander wieder verstärkt werden muss. Was vor allem durch die Corona-Zeit viele Menschen getroffen hat, war, dass sie nicht miteinander reden, dass sie nicht mehr gemeinsam auf Konzerte gehen konnten. Und dass wir teilweise als Deutsche nicht über das Talent verfügen, über Probleme zu reden oder auch Probleme anzugehen – das habe ich auch noch gelernt.

Musik kann ja nicht nur Stimmungen abbilden, sondern auch Motor für Veränderungen sein, Stimmungen beeinflussen. Welchen Sound braucht Germany für die nähere Zukunft, die am Montag nach der Bundestagswahl beginnt?

Weniger Schlager! Das kann man auf alle Fälle sagen. Weniger Schlager! Ich glaube, dass wir Probleme nur lösen können, wenn wir auch Sachen angehen. Und dazu gehören auch eine Musik und ein Ton, der auch mal ein bisschen ernster, melancholischer oder ergreifender ist. Oder der auch ein bisschen fordert. Ich glaube, leichte Beschallung löst keine Probleme. Nicht auf Dauer.

Das Interview von Christoph Leibold mit Olli Schulz lief am 24. September in der kulturWelt, die Sie hier als Podcast abonnieren können.

Die dreiteilige Doku "Sound of Germany" finden Sie hier in der ARD-Mediathek. Noch mehr Kulturangebote in der ARD Mediathek finden Sie hier.