Feier des Alkohols? "Der Rausch", eine riskante Versuchsanordnung

Vier frustrierte Lehrer kaschieren ihren Alkoholismus als soziales Experiment, das strikt protokolliert wird. Mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle lotet Thomas Vinterbergs Film die Folgen exzessives Trinken aus.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 19.07.2021

Mann schüttet sich eine Flasche Sekt in die Kehle, andere applaudieren ihm: Szene in DER RAUSCH mit Mads Mikkelsen, dem Oscarbeitrag aus Dänemark  | Bild: dpa-Bildfunk/Henrik Ohsten

Der Zuschauer fragt sich: Wie sieht eine Alkoholikerin oder ein Alkoholiker diesen Film? Und wie jemand, der einmal dem Alkohol verfallen war und von ihm losgekommen ist? Könnte "Der Rausch" sogar einen Rückfall verursachen? Der Alkohol wird in Thomas Vinterbergs oscarprämiertem Film zu einer Art Lebensretter für vier mittelalte frustrierte Mittelstandsmänner, denen die Lust am Dasein irgendwie abhandengekommen ist.

Mehr Präsenz durch kontrolliertes Trinken?

Alle vier Männer arbeiten als Lehrer an einer dänischen Schule, alle stecken sie in Beziehungen, die zu einem emotionalen Stillstand gekommen sind. Sie haben Kinder, kämpfen mit dem Älterwerden – und debattieren bei einem Geburtstagsessen die Idee, sie könnten die gefühlt verlorene Welt zurückholen, indem sie sich ihren Alltag einfach schöntrinken. Und das mit geisteswissenschaftlicher Unterstützung.

Den norwegischen Psychiater Finn Skarderud gibt es wirklich – und auch die Theorie, durch kontrolliertes Trinken entwickele man mehr Präsenz, Mut und Kreativität. Der Film nimmt das, was Skarderud vor 20 Jahren als leicht polemische Gedankenspielerei formulierte, wörtlich und übersetzt es in eine gewagte Versuchsanordnung. Da die vier Kumpels sich als ehrenwerte Pädagogen nicht einfach dem Komasaufen hingeben wollen, gestalten sie ihren anfangs noch sittsam kaschierten Alkoholismus als soziales Experiment, das peniblen Regeln unterliegt und fast schon labormäßig protokolliert wird.

Eine Feier des Alkohols?

Eine weitere Frage, die der Film mit fortlaufender Handlung aufwirft, lautet: Feiert er selbst den Alkohol? Ja, das tut er! Die Kamera ist - gewissermaßen als Verbündeter - stimulierend mit dabei, wenn die Ekstase einsetzt, wenn immer härtere Drinks gemixt werden, um den berauschenden Feldversuch mit höherer Dosis fortzuführen. Die Bilder, anfangs noch verhältnismäßig starr, fangen zunehmend an zu tanzen, und gefallen sich immer mehr in kreisenden Bewegungen.

Das Moralisieren versagt sich Thomas Vinterberg lange Zeit. Das macht "Rausch" sehenswert, weil er mit gewisser Ernsthaftigkeit ein Tabu auslotet, Grenzen überschreitet, ohne dabei die gefährliche Wirkung alkoholischer Getränke zu bagatellisieren. Gegen Ende verlässt dieser Mut den Regisseur dann doch ein wenig, er feiert jetzt nicht mehr ganz so ausgelassen den Exzess, sondern fängt an, den Alkohol und seine gesellschaftliche Wahrnehmung kritischer zu hinterfragen. Dass das am Schluss nicht schmeckt wie der schal gewordene Rest im Glas, liegt vor allem an Hauptdarsteller Mads Mikkelsen, der die feinen Nuancen zwischen Frust, Kontrollverlust, Lebensfreude, Ängstlichkeit, Übermut, Risiko, Neugierde und wiederentdeckter Brillanz als Lehrer furios minimalistisch darstellt.

Die radikale Choreographie der Schlusssequenz ist betörend und zugleich erschütternd – und dann verlässt der Zuschauer seltsam euphorisch das Kino. So beschwingt wie irritiert. "Der Rausch" stellt spannende Fragen und verweigert alle Antworten.

Hinweis: Es gibt zahlreiche Beratungsangebote, falls Sie unter Alkoholproblemen leiden, unter anderem die Suchtberatung des "Roten Kreuzes".