Kinostart "Curveball" Die Geschichte von Fakes, die zum Irakkrieg führten

"Wir verdrehen keine Fakten ... wir schaffen sie", heißt es in dem Film von Regisseur Johannes Naber. Der handelt nicht von Donald Trump, sondern von den Machenschaften der CIA und des BND, die dem Irakkrieg vorausgingen.

Von: Marie Schoeß

Stand: 08.09.2021

ebastian Blomberg (l) als Wolf, Michael Wittenborn (r) als Retzlaff und Thorsten Merten als Schatz in einer Szene des Films "Curveball - Wir machen die Wahrheit" | Bild: dpa/ bildfunk Sten Mende

Der Film beginnt alles andere als politisch: Im Jahr 1997 lernen wir den BND-Biowaffenexperten Arndt Wolf kennen. Offiziell sucht er nach Massenvernichtungswaffen im Irak. In der ersten Szene aber liegt er mit seiner US-amerikanischen Kollegin unter durchwühlten Bettlaken. Eine Affäre im sommerlich-stickigen Hotelzimmer, losgelöst von bedrückenden Rollen und Routinen zu Hause – denkt man gerade, als die Politik die Romantik verdrängt: Das Telefon klingelt und die Sicherheits-Experten werden nach Hause zurückbeordert. Die UN-Mission sei abgeschlossen, heißt es, was Wolf nicht akzeptieren will.

Die Verliebtheit spielt da sicher eine Rolle, vor allem aber ist Wolf Überzeugungstäter. Er weiß, dass eine Mission nicht abgeschlossen ist, weil eine Behörde das anordnet. Auch deshalb ist er – zurück zu Hause – schnell bereit, einem Zeugen zu vertrauen, der bestätigt, was er längst vermutet: Im Irak gebe es Biowaffen, die Waffen seien im Land unterwegs, und genau deshalb finden sie die Experten der Vereinten Nationen nicht.

BND will in der CIA-Liga mitspielen

"Hier, in dieser Halle, werden die LKWs be- und entladen. 40-Tonner – die fahren hier auf den Hof, und in die Halle. Im Augenblick fahren sieben solcher LKWs durch den Irak. Ich halte seine Geschichte für absolut plausibel", heißt es im Film. Wolf rät zur Überprüfung der Quelle, doch das geschieht nicht. Nicht einmal die Aussage des Zeugen kann er offen überprüfen, denn seine Vorgesetzten verfolgen andere Ziele als Aufklärung: Der BND braucht einen Erfolg, um in der Liga der CIA mitzuspielen, einige Kollegen hoffen zudem, ein Ermittlungserfolg könnte auch die eigene Karriere vorantreiben, und so glaubt man, was man glauben will.

All das wird in diesem Film mit großer Lust fürs Groteske und Absurde inszeniert, ohne darüber die politische Geschichte zu verharmlosen oder zu verkleinern: Nie kippt der Film ins Klamaukige, nie wird eine billige Parodie der Institutionen daraus, eher schon zeigt Regisseur Johannes Naber, dass Absurdes und Alltägliches, Karrierelust und politisches Versagen stille Pakte geschlossen haben. Denn schon bald wird klar, dass die Geschichte der Waffen auf Rädern erfunden ist.

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CURVEBALL | Offizieller Trailer | Ab 9. September im Kino | Bild: Filmwelt Verleih (via YouTube)

CURVEBALL | Offizieller Trailer | Ab 9. September im Kino

Wolf vermutet bald, dass die Satellitenaufnahme von der CIA eine Fälschung ist, er verliert seinen Job, aber die Lüge des Augenzeugen – Deckname Curveball – wird nicht richtiggestellt. Zu groß die Angst, wie ein Laienverein dazustehen. Zu groß die Angst, dass mit der Wahrheit weitere Karrieren enden. Der Zuschauer erlebt all das an der Seite von Wolf, den Sebastian Blomberg ausgesprochen feinsinnig spielt. Durchgeschüttelt von den eigenen Fehlern und von zu viel Alkohol versteht er nach und nach, dass das Spiel jetzt ohne ihn weiterläuft: Er erkennt, dass der BND die anderen Geheimdienste nicht aufgeklärt hat und dass die US-Amerikaner dieses Versäumnis nutzen – immerhin können sie mit der Lüge begründen, warum vom Irak eine solche Gefahr ausgeht.

Der Film inszeniert all das, indem er historische Aufnahmen unter die fiktionalen Szenen mischt. Da hört man Colin Powell 2003 bei den Vereinten Nationen sprechen, bevor man zurück in die Fiktion geworfen wird, und Wolf mit seiner ehemaligen Geliebten von der CIA über Fakt und Fiktion streitet: "Wir verdrehen keine Fakten", sagt die US-Amerikanerin, "wir schaffen sie".

Eine so bittere wie im Kern wahre Geschichte

Der Film selbst schafft zweierlei: Er erinnert mit viel Witz und einigem dramaturgischen Geschick daran, wie schnell die Politik bereit ist, sich von der Wahrheit zu entfernen, wenn die Lüge dem eigenen – guten oder schlechten – Zweck dient. Denn im Kern ist die irrwitzige Geschichte dieses Films wahr. Und so erinnert uns der Film auch daran, was wir Zuschauer brauchen, um uns auf eine so bittere politische Geschichte richtig einzulassen: einige durchwühlte Bettlaken scheinen dazuzugehören, genauso das Identifikationsangebot mit einem zwar ungeschickten, aber doch sympathischen und integren Ermittler, wie Wolf es ist. Und die Amerikaner sollten besser noch ein bisschen gewissenloser aussehen, als sie es der Sachlage nach ohnehin schon tun. Denn ein bisschen dreht natürlich auch dieser Spielfilm an den Fakten, um den Zuschauer so richtig einzufangen für den guten Zweck – den kritischen Blick auf Fakt und Fiktion.