Sprache und Corona #Covidiot aus dem aktiven Wortschatz streichen

Das Coronavirus hat auch sprachliche Folgen: "R-Wert", die umstrittene Bezeichnung "Social Distancing" oder "Superspreader". Und dann gibt es noch "Covidiot". Nur beschreibt dieses Wort mehr als den Benutzer*innen lieb ist.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 05.08.2020 | Archiv

01.08.2020, Berlin, Impression von der sog. Lockdown-Großdemo, für die der Veranstalter, die Querdenker-Bewegung (Querdenken 711) aus Stuttgart 500.000 Menschen angemeldet hat. Gekommen sind jedoch deutlich weniger. Diese Hygiene-Demo hat Unterstützer aus unterschiedlichen Lagern und findet unter dem Motto "Das Ende der Pandemie - Der Tag der Freiheit". Dabei auch Reichsbürger, Impfgegner und allerhand sonstige Verschwörungstheoretiker, die gegen die anhaltenden Corona-Maßnahmen protestieren. Im Bild: Ein Demonstrant mit einem Schild und der Aufschrift: "Corona ist weg, kannst rauskommen Grundgesetz" | Bild: picture alliance/SULUPRESS.DE

Vergangenes Wochenende wurde in Berlin gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Die Demonstrant*innen wurden heftig kritisiert, etwa auf Twitter, versehen mit #covidioten. Das Wort ist schon etwas länger in Verwendung und bezeichnet Menschen, die einkaufen, um zu horten und sich nicht an die Hygieneauflagen halten, die im Zuge der Corona-Politik aufgesetzt worden sind. Also Menschen, die damit die Gefährdung anderer hinnehmen. #Covidiot ist kein Wort einer kleinen eingeschworenen Gruppe, nach besagter Demo hat es auch Saskia Esken, Co-Vorsitzende der SPD, verwendet.

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Saskia Esken 01.08.2020 | 13:07 Uhr Tausende #Covidioten feiern sich in #Berlin als „die zweite Welle“, ohne Abstand, ohne Maske. Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Unverantwortlich!

#Covidiot wird von einem Appell begleitet: Alle sollten den bestehenden Hygiene-Regeln folgen. Dieses Kofferwort hat auch immer etwas dabei, nämlich Überheblichkeit gegenüber den "Covidioten". Weil diejenigen, die es verwenden, es besser wissen. Und sowieso alles besser machen. Mit so einem #Covidiot hinten dran wird auch jeder noch so lauwarm geschriebene Tweet erst so richtig gewürzt und bekommt einen herablassenden Twist. Sogar dann, wenn er eine angemessene gesundheitliche Sorge beschreibt.

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Krankenpflegel 26.07.2020 | 17:23 Uhr Wurde von einer Frau an der Tanke (In der Schlange hinter mir, Abstand natürlich NICHT EINGEHALTEN UND OHNE MNS) darüber informiert, dass sie positiv getestet wurde. Jetzt könne sie sich die Maske auch sparen. #DankeFürNix #Covidioten #NoRiskNoFun

Nur ist Covidiot in seinen verschiedenen Abwandlungen - durch Gendern oder im Englischen – der komplett falsche Begriff. Er ist auch im eigenen Narrativ taktisch nicht so schlau. Gemeint ist ja: "Ich verwende dieses Wort, weil ich mich an die Auflagen halte und es richtig mache. Wieso nicht auch du? Es wäre doch so einfach!" Allerdings steckt in jedem Covidioten eben immer ein "Idiot". Dem Sprachverständnis nach also ein kleiner Dummkopf, der es nicht besser weiß und etwas trottelig daherkommt.

Aber die Beschuldigten wissen es doch besser – und sind deswegen keine Idioten. Sondern meinetwegen asozial, nur dass sich daraus kein so schönes Kofferwort bauen lässt. Wenn schon anprangern, wie gefährdend solches Verhalten ist, dann richtig. Und sich diesen Lacher sparen.

Es sind wirklich keine Covidioten, die markiert werden. Ein Video von Dunja Hayali und ihrem Team - die unter den Demonstrant*innen auf der Straße des 17. Juni für Dreharbeiten anwesend waren - hat gezeigt, wie einige der Anwesenden sich sorgen. Sie sind aufgerieben. Die "Lügenpresse"-Rufe sind beklemmend, die Argumente und Denkweisen mögen nicht nachvollziehbar sein, aber für sie sind ihre paranoiden Gefühle einer gegen sie gerichteten Verschwörung und ihre Angst vor einem übermächtigen Staat real. Denen zuzurufen, wenn auch nur digital, sie seien Idioten, dürfte das Problem – nämlich die aufgeheizte Stimmung – nun wirklich nicht lösen.

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dunjahayali 01.08.2020 | 17:43 Uhr machen sie sich ihr eigenes bild...#B0108 #covid19 #corona #impfgegner #verschwörungsideologien #rechtsradikale #yogisten #sonnenanbeter #linksaußen #freiheitsrechte #diktatur #grundgesetz #maskenpflicht #abstandhalten #reichsbürger #qanon #esoteriker und viele mehr. den „tag der freiheit“ - zu sehen donnerstag 22.15 uhr #dunjahayali

machen sie sich ihr eigenes bild...#B0108  #covid19 #corona #impfgegner  #verschwörungsideologien #rechtsradikale #yogisten #sonnenanbeter #linksaußen #freiheitsrechte #diktatur #grundgesetz #maskenpflicht #abstandhalten  #reichsbürger #qanon #esoteriker und viele mehr. den „tag der freiheit“ - zu sehen donnerstag 22.15 uhr #dunjahayali | Bild: dunjahayali (via Instagram)

Der Begriff Covidiot täuscht uns eine gewisse Sicherheit in der Benennung vor, die viel zu stark vereinfacht, die eine genauso simple Lösung will, wie die Demonstrierenden sie einfordern. Wer war auf der Demo? Das waren Pluderhosen, floral gemusterte Herrenhemden, Deutschland-Shirts, Chucks, Batikoberteile und Feinrippunterhemden. Vor zehn Jahren hätte jedes dieser Kleidungsstücke eine gänzliche andere Gruppe mit gänzlich anderen Interessen symbolisiert, jetzt sind sie dort alle gemeinsam, eine Querfront von Menschen mit augenscheinlich verschiedensten Ideologien.

Die einen mögen dort gewesen, weil sie es unerhört finden, dass Bill Gates uns alle verchippen wolle. Die anderen sind vielleicht auch aus Gründen emotional radikalisiert, die manche*r von uns nachvollziehen kann. Sagen wir der Fiktion halber, ein Elternteil ist vereinsamt verstorben, man durfte es wegen der Auflagen nicht mehr besuchen. Oder die Kurzarbeit wird als existenzbedrohend wahrgenommen. Oder es ist schiere Überlastung wegen Home Office und gleichzeitiger Kinderbetreuung, weil die Kita alle Kinder nach Hause schicken musste, nachdem die kleine Bärbel geniest hat. Auf der Demo waren auch Personen mit Nase-Mund-Schutz anwesend. Nur mal so.

Weil diese Demonstrant*innen früher eine simple Bezeichnungen bekommen hätten – Nazi, Impfgegner, irgendwas – und das offensichtlich nicht mehr geht, sind sie nun #Covidioten. Deswegen dient die Neuschöpfung des "Covidioten" als Schutz. Sie ist bestätigend. Denn wir sagen damit auch: Wir sind die Norm. Die dort drüben, die sind nicht normal und deswegen bekommen sie ja auch einen gänzlich neuen Namen. Wir sagen: Was neu ist, muss neu bezeichnet werden. Dabei gibt es in dieser Situation keine Norm. Und wenn doch, wird sie doch durch die Anti-Corona-Demonstrantinnen verkörpert, die an ihrem Alltag vom Februar 2020 festhalten. Die mit aller Kraft die vergangene Norm weiterleben wollen, oder nicht?

Ruht man sich also auf diesen Zuschreibungen aus, sieht man die eigentliche Gefahr nicht. Die Organisator*innen, die sicherlich keine Idioten sind. Sondern klar ihre Ziele verfolgen. Die wie zuvor Pegida davon profitieren, wenn Teilnehmer*innen sich zurückgewiesen und von der restlichen Gesellschaft nicht verstanden fühlen. Eben rufen sie noch, die Regierung halte sie wohl für dumm – kurz darauf scheint es postwendend bestätigt zu werden.

Die Idee des #Covidioten ist sehr zeitgeistig. Aber nicht nur, weil das Wort Social-Media-tauglich ist, auf Twitter so schön aussieht und aus jedem Tweet eine Punchline macht. Sondern weil es mit einer fast regulär gewordenen Herablassung einen komplexen Sachverhalt unsinnig zusammenfasst.

Ein Vorschlag: Wir finden im aktuellen Klima klare Worte. Und werden nicht aus Amüsement noch kreativer, als das Jahr 2020 es ohnehin schon gewesen ist, weil dabei so ein schönes Gemeinschaftsgefühl entsteht. Das hilft bei der aktuellen Spaltung der Gesellschaft leider nicht weiter und wird ihr auch nicht gerecht. #covid-neunmalklug

Übrigens wird die Sprache, die wir während Corona erleben und formen, auch wissenschaftlich erforscht, von Prof. Dr. Daniela Pietrini, die Romanistin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist. Allerdings werden die Texte erst noch veröffentlicht.