Corona greift das Denken an! Wie Wutdenker sich unter die Wutbürger mischen

Eine Nebenwirkung von Corona: Die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien wächst. Auch unter Intellektuellen – oder Menschen, die sich dafür halten. Gibt es nicht nur eine Sehnsucht nach "alternativen Medien", sondern auch nach alternativen Wolkenkuckucksheimen?

Von: Martin Zeyn

Stand: 31.07.2020

DIY-Faschingskostüm Wutbürger | Bild: BR

Die Liste der größten Irrtümer von Philosophen? Unangefochten auf Platz 1: Heideggers Ranschmeiße an Hitler. Platz 2 hielt lange Hans Blumenberg, der das Gesetz zur Mülltrennung mit dem Ermächtigungsgesetz verglich (Goldene Regel auch für Dichter und Denker: Hände weg von Nazivergleichen). Jetzt schickt sich Giorgio Agamben an, in die Top 3 vorzustoßen: Für den italienischen Philosoph waren die Verordnungen zur Eindämmung der Corona-Epidemie nur ein weiterer Schritt zur Einführung eines "Ausnahmezustands" und der Entrechtung aller Bürger*innen.

Diese Thesen hat Agamben im April formuliert – und bis heute nicht revidiert. Schaut er keine Nachrichten? Was sagt er zu den Zuständen in Bergamo? Was hätte der Staat besser machen können? All diese Fragen lässt der Liebhaber der Weisheit – nichts anderes heißt "Philosoph" schließlich – unbeantwortet.

Damit machte sich Agamben zum Stichwortgeber für Hygiene-Demos und Aufmärsche gegen einen Staat, dem Panikmache vorgeworfen wurde. Übrigens auch uns, den Medien: "Die sogenannten Qualitätsmedien schürten die Panik", beklagt die Zeitung "Demokratischer Widerstand", herausgegeben unter anderem vom Aktionskünstler Anselm Lenz. Die stellt dann auch in der Ausgabe vom 25. Juli 2020 fest: "Es gab nie eine gefährliche Pandemie". Angesichts von bestätigten 660.000 Toten weltweit und ständig aufflackernden Infektionsherden eine zynische, ja brutale These.  

Intellektuelle Geisterfahrer*innen

Gibt es nicht nur eine Sehnsucht nach "alternativen Medien", sondern auch nach alternativen Wolkenkuckucksheimen? Wie können sich Menschen als Mahner aufspielen, während sie Öl ins Feuer gießen? Tatsächlich scheint es einen Vandalismus des Denkens zu geben. Dem reicht es offenbar schon, eine abweichende Meinung zu formulieren, um überzeugt zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen. Und Widerspruch befeuert sie nur. Klingt nach dem alten Witz: "Bin letztens auf die Autobahn gefahren – und da kamen mir Tausende von Geisterfahrer*innen entgegen."

Keine Wirklichkeit ist stark genug, um gegen die menschliche Dummheit zu bestehen, gegen den Glauben, als einziger im Besitz der Wahrheit zu sein. Schweden hat seinen alternativen Umgang mit der Pandemie mit einer hohen Todesrate erkauft. Wer dieses Faktum leugnet, spuckt der Wahrheit ins Gesicht. Corona ist keine "kleine Grippe". Aber keine Todeszahlen, keine Studien scheinen die Ungläubigen zu erreichen – sie haben ja ihre Kleinstgruppen, in denen sie sich einig sind. Umso schriller fordern sie "Demokratie" ein – was für sie heißt, die Mehrheit habe der neunmalklugen Minderheit zu folgen.

Heidegger und seine "Schwarzen Hefte"

Die taz-Kolumnistin Jagoda Marinić hat dafür einen tollen Begriff kreiert: "Aggressionsdemokratie", die Volksvertretung der Pöbelnden. Edelkitschdenker wie Peter Sloterdijk haben dafür schon vor Jahren einen alten griechischen Begriff hervorgeholt: Thymos, den Zorn. In der Philosophie kommt es immer gut, wenn ein paar griechische Säulen vor einen Begriff gestellt werden, auch wenn eine Tragfunktion nicht zu erkennen ist. Und was bei Sloterdijk männlich-heraldisch daherstolziert, ist vielleicht doch einfach nur die monumental schlechte Laune alter weißer Männer. Am Beginn der Pandemie verkündete er in "Le Point" drohend: "Das westliche System wird sich als ebenso autoritär erweisen wie das Chinas". Den intellektuellen Feldherrhügel hat er bis heute nicht verlassen, der ihm mehr Überblick als uns Normalsterblichen zu gewähren scheint. Was im März/April bei ihm noch als Schreckensszenario erschien - ein autoritärer Staat -, wandelte sich jetzt zu einem Lob. Auch Sloterdijk benutzt wie Agamben die Vokabel des Ausnahmezustands, doch anders als der italienische Philosoph sieht er darin einen Vorzug, nämlich die Rückgewinnung der "effektive[n] Handlungsfähigkeit des Staates". Der Staat im Ausnahmezustand ist ein guter, weil effektiver Staat? Ein ziemlich autoritäres Weltbild, vielleicht aber nur eines, das die eigene Weisheit überschätzt. Na ja, schon Plato hatte behauptet, dass die die beste Regierung eine durch die Philosophen sei. In Corona-Zeiten eher eine beängstigende Vorstellung.

"Wer groß denkt, muss groß irren", so lautet eine Zeile aus den "Schwarzen Heften" von Martin Heidegger. Das sind Schriften aus dem Nachlass, in denen sich Heidegger als Antisemit und Hitlerverehrer zeigt. Und er hat sie nach 1945 nicht etwa verbrannt, sondern sorgsam aufgehoben. Sein "groß irren" war kein Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. Es war das trotzige Beharren darauf, eigentlich doch recht gehabt zu haben, wenn die Nazis bloß auf ihn gehört hätten. Ich fürchte, wir erleben gerade in der Debatte um die beste Reaktion auf die Pandemie, wie sich Menschen komplett verrennen. Wo Gefahr ist, wächst der Blödsinn auch – oder die Krankheit, die sich für ihre Heilung hält.