Corona Maßnahmen Kein Recht auf Scheißdrauf

Der Streit um die Angemessenheit der Corona-Maßnahmen wird härter. Auch wenn es schwerfällt, wir dürfen die Protestierenden nicht abschreiben.

Von: Martin Zeyn

Stand: 14.09.2020

Mit Kreide ist auf die Straße die Aufforderung "Maske auf!" notiert | Bild: picture alliance/ZUMA Press

Beim Treffen mit Freund*innen – immer dieselben, immer mit Mindestabstand in gut durchlüfteten Räume oder im Freien – ist es fast immer ein Thema: Welche Maßnahmen sind richtig, welche nicht falsch, aber ungerecht? Wieso dürfen Leute aus verschiedenen Haushalten im Reisebus eng nebeneinandersitzen, aber nicht im Kino? Beide haben ein wirtschaftliches Interesse an einer Sitzplatzausnutzung – warum gelten hier andere Regeln?

Am Samstag fand in München eine Demonstration statt, mit der die Veranstalter gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen protestieren wollten. Es mag unter den Protestierenden einige gegeben haben, die sich solche Fragen gestellt haben. Menschen, die eine offene Diskussion darüber einfordern, wo und in welchem Umfang Vorschriften geändert werden sollten. Als ich an der Demo vorbeifuhr, hörte ich allerdings eine empörte Rednerin. Die forderte, dass die Polizei den Demonstranten ihre Waffen abgeben sollten, damit sie nicht weiter einem Unrechtsregime dienen müssten. Klar ist, niemand weiß im Vorfeld, was die Redner*innen da fordern werden. Aber als ich an einer Demo gegen den Natodoppelbeschluss teilnahm, da überbrüllten wir den Schwarzen Block, der skandierte: "Polizei: SA, SS". Ein Pfeifkonzert konnte ich am Samstag nicht hören, die Rednerin durfte weiterhin ihre Verschwörungsmythen von einer Corona-Diktatur verbreiten.

Auch das ist Meinungsfreiheit

Auch wenn eine solche Veranstaltung kaum zu einem Wissenszuwachs bei den Anwesenden führen dürfte, sie muss weiter stattfinden dürfen. Auch wenn die Redner*innen das Leben ihrer Mitmenschen bedrohen, indem sie ihre Freiheitsrechte höher ansiedeln als den Schutz aller anderen – sie haben das Recht, solche Forderungen zu stellen. Aber wie Eltern, die ihre Kinder im Auto nicht anschnallen und sie damit gefährden, müssen sie auch weiterhin Strafe bezahlen, wenn sie ohne Mundschutz und Mindestabstand bei Demos erwischt werden. Regeln gelten auch für die, die sie ablehnen. Es gibt kein Recht auf Scheißdrauf.

Wir brauchen ein "Yes we can" der Corona-Pandemie

Trotzdem hat am letzten Samstag die Hygiene-Demo mehr als ein Kopfschütteln bei mir hervorgerufen. 10.000 Teilnehmer*innen – nicht viele für eine Millionenstadt, aber doch eine ziemliche Menschenmenge. Umfragen zeigen, die Zustimmung für die staatlichen Anti-Corona-Maßnahmen nimmt ab. Diese Menschen einfach abzuschreiben, wäre ein Fehler. Im April waren wir eine Gesellschaft (und ein paar unbelehrbare Blödmänner), die, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, Einschränkungen hinnahmen. Das gelang, weil wir (die Medizin, die Politik und, ja, auch die Medien) eine gemeinsame Grundlage schufen. Ein Teil davon war das Ringen um eine gemeinsame Sprache. Diesen Konsens müssen wir wieder herstellen. Wir brauchen ein "Yes we can" der Corona-Pandemie, wir brauchen eine Sprache, hinter der sich die Menschen scharen können. Toni Morrison sagte in ihrer Nobelpreisrede: "Die systematische Ausplünderung von Sprache erkennt man an der Neigung dieser Benutzer, ihren Nuancenreichtum, ihre Komplexität und ihr Hebammenpotential zu missachten zugunsten von Drohgebärden und Gesten der Entwertung." Nur wenn wir auf die Gesten der Entwertung nicht mit ebensolchen reagieren, sorgen wir dafür, dass unsere Gesellschaft nicht dem Virus erliegt. Er ist eine Herausforderung nicht nur für unser Gesundheitssystem, sondern auch für unsere Köpfe. Und für unsere Sprache, deren "Hebammenpotential" wir nicht vergessen dürfen.