So wird Corona gewesen sein Wie wir uns an die Pandemie erinnern werden

Geschichte kann nur vom Ende her erzählt werden. Was aber jetzt schon klar ist: Corona wird ungeahnte Spuren hinterlassen. Im Gespräch spekuliert der Historiker Andreas Rödder darüber, welche Erinnerungskultur daraus entstehen könnte.

Von: Christoph Leibold

Stand: 12.01.2021 | Archiv

Andreas Roedder im Portrait | Bild: Guido Werner

Als große Konflikte ausbrachen, etwa der Erste oder der Zweite Weltkrieg, hat es oft geheißen, das werde an Weihnachten vorbei sein. Ähnlich sei das am Anfang der Corona Pandemie gewesen, erklärte unlängst in einem Interview der britische Bestsellerautor Robert Harris. Für ihn fühlt sich die momentane Situation vermutlich an wie ein Stoff aus einem seiner historischen Romane. Vielleicht verarbeitet Harris ja auch unsere Gegenwart irgendwann auf die eine oder andere Weise, wenn sie dann Geschichte geworden sein wird.

Was schon jetzt eine interessante Frage ist: Wie werden wir uns später einmal an Corona erinnern? Darüber spekuliert der Historiker Andreas Rödder. Er lehrt gerade als Helmut Schmidt Distinguished Visiting Professor an der Johns Hopkins Universität in Washington – allerdings von Zuhause aus, in Mainz. Im Gespräch mit Christoph Leibold zieht er Vergleiche zur Pestpandemie im Mittelalter, spricht von Corona als Einbruch des Unerwarteten und erzählt von der eigenen Einsamkeit im Digitalen.

Christoph Leibold: Museen sammeln bereits Alltagsgegenstände, die später diese Pandemie versinnbildlichen sollen. Corona-Kapitel in den Schulbüchern werden vorbereitet. Eigentlich ist Geschichte ja permanent im Werden, aber derzeit ist uns das besonders bewusst. Wird in den Geschichtsbüchern von einem Epochenwandel die Rede sein?

Andreas Rödder: Das halte ich für durchaus wahrscheinlich, weil hier doch mit einer Wucht das Unerwartete in unsere Gegenwart hereingebrochen ist, wie wir es noch selten erlebt haben. Was wir allerdings über diese Pandemie sagen werden, das hängt natürlich sehr stark von dem ab, was noch vor uns liegt und für uns heute noch offene Zukunft ist. Wissen Sie, wenn Sie einen Zeitgenossen im Mai 1930 gefragt hätten: Was wird jetzt aus dieser Wirtschaftskrise? Dann hätte der gesagt: Na ja, das war eine Delle und ist demnächst vorbei. Aber das Schlimmste kam erst noch. Wir wissen nicht, was noch kommt. Und das, was noch kommen wird, wird unser Bild von der Vergangenheit, die für uns heute noch Zukunft ist, ganz wesentlich prägen.

Also Geschichte wird erst von ihrem Ende her erzählt. Das lässt sich auch gar nicht vermeiden. Aber wenn Sie dieses Beispiel schon genannt haben: 1930, wo es natürlich dann besonders übel ausging, was man nicht vorhersehen konnte… Würden Sie im Fall von Corona auch zur Schwarzmalerei neigen? Wird das ein Epochenwandel hin zum Schlechten sein?

Ich will das natürlich nicht hoffen. Wir erleben eine Pandemie, in der wir uns ja interessanterweise ganz ähnlich verhalten wie die Zeitgenossen 1348 gegenüber der Pest, nämlich mit Abstand, Hygiene, Masken und Quarantäne. Aber es gibt doch einen entscheidenden Unterschied. Damals war kein Biontech oder Curavec oder wer auch immer unterwegs, um einen Impfstoff gegen die Pest zu entwickeln. Und dieser Impfstoff gegen die Pandemie, das hoffen wir natürlich sehr, wird der große Gamechanger werden. Was aber ähnlich war bei der Pest – die natürlich viel schlimmer war und es gab weniger Heilungsmöglichkeiten, es gab auch keine Impfung –, dass man damals wie heute gelernt hat, dass der Mitmensch eine Gefahr sein kann, weil man sich an ihm anstecken kann.

Gibt es da Erfahrungswerte, wie das die Menschen damals verändert hat, die auf heute übertragbar wären?

Triumph über die Pandemie: Pestsäule in Wien

Darüber haben wir wenig kultur- oder mentalitätsgeschichtliche Kenntnisse. Jedenfalls ist das etwas, was für uns in dieser Form neu ist. Und überlegen Sie, was all das für unsere Gesellschaft bedeutet, die sich ja als eine ganz stark zivile Kultur begreift. Eine zivile Kultur, die sich in körperlicher Nähe niederschlägt. Denken Sie, wie sich in letzter Zeit, in den letzten Jahren Begrüßungsrituale verändert haben. Man hat sich ständig mit Küsschen, Küsschen begrüßt und auf einmal ist alles das eine Bedrohung. Für unsere Kinder wird das zur Normalität, mit der sie aufwachsen. Es handelt sich um einen wirklichen Einbruch des Unerwarteten in unsere kulturgeschichtliche Entwicklung. Und es ist offen, wie sich das noch entwickeln wird. Aber dass damit tiefgreifende, auch kollektiv psychologische Folgen verbunden sind, ist, denke ich, eindeutig.

Früher hat man Pestsäulen aufgestellt, um mahnend an die Seuche zu erinnern. Was werden die Coronasäulen von morgen sein?

Wir bauen heute ja keine Denkmäler mehr, sondern wir nennen Straßen, Flughäfen oder Institutionen nach Personen oder Dingen. Insofern werden wir keine Säulen aufstellen. Wir werden in einer anderen Form gedenken. Aber wenn wir an die Pestsäulen denken, das sind ja in der Regel keine Dokumentationen des Elends, sondern eher Dokumente der Rettung oder des Triumphes. Wenn die Dreifaltigkeit beschworen wird oder die Jungfrau Maria. Insofern ist zu hoffen, dass auch wir später Dokumente der Überwindung, des Lebens und der Innovation als Erinnerung an diese Pest manifestieren werden.

Wir reden über Erinnerung. Es gibt aber ja auch den Wunsch zu verdrängen. Viele wollen nach der Pandemie ja so schnell wie möglich zurück zur Tagesordnung. Kann das überhaupt eintreten, dass wir uns in fünf oder zehn Jahren an Corona nur noch an eine vorübergehende Episode erinnern? An etwas, das zwar unangenehm war, aber letztlich abgehakt ist?

Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn ich überlege, wie sehr sich die – aus der Sicht des Lockdown gesehen – doch lächerlichen vier autofreien Sonntage Ende 1973 in das kollektive Gedächtnis der Westdeutschen eingegraben haben, dann wird dieser Lockdown nie und nimmer spurlos an uns vorübergehen. Es kann sein, dass es eine Art von Verdrängung geben wird. Das hat es ja nach Einbrüchen, nach Katastrophen immer wieder gegeben. Aber das heißt trotzdem nicht, dass man die Reset-Taste drückt und alles bei Null wieder losgehen würde. Alles das, was wir jetzt an Erfahrungen machen wird, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, uns psychologisch, sozial, kulturell massiv begleiten.

Wenn Sie als Historiker eines der Museen beraten müssten, die jetzt schon Dinge sammeln, um die Pandemie für nachfolgende Generationen zu dokumentieren. Welches Objekt oder welche Objekte würden Sie sagen, sollte man unbedingt aufheben?

Vielleicht ein Objekt für das Museum: Weihnachtsmann mit Mundschutz.

Wir heben natürlich die Objekte auf, die wir alle am unmittelbarsten mit der Pandemie verbinden. Also den Mundschutz oder auch die Spritze bzw. das kleine Fläschchen, in der Impfstoff dargereicht wird. Wir werden uns aber auch an die wirtschaftlichen Folgen erinnern müssen. Also diese Urerfahrung, die ganze beschleunigte Moderne auf Null zu stellen, die werden wir dokumentieren müssen. Und wir müssen noch die geeigneten Symbole dafür finden, was diese Pandemie sozial mit uns macht. Das haben wir alle noch viel zu wenig auf dem Schirm. Wenn die Kanzlerin gesagt hat, jeder soziale Kontakt, der nicht stattfindet, ist gut, dann ist das natürlich virologisch völlig richtig. Aber es ist sozial gesehen natürlich ein ganz großes Problem. Wissen Sie, mein 80jähriger Vater hat sein Leben lang für seinen Männergesangsverein gelebt. Und er kann jetzt nicht mehr proben, der Verein kommt nicht mehr zusammen. Und mein Vater sagt, er glaubt, dass dieser Gesangverein sich davon nicht mehr erholen wird. Was bedeutet das also, wenn Menschen nicht mehr zusammenkommen, wenn sie einander nicht mehr begegnen?

Weil Sie auf meine Arbeit an der Johns Hopkins Universität in Washington hingewiesen haben: Ich hatte letzte Woche eine Erfahrung, da wurde eine Kollegin am Kissinger Center verabschiedet. Wir haben uns vom Kissinger Center aus zusammengeschaltet, aber ich war der einzige, der bisher zu den dortigen keinen direkten persönlichen Kontakt hatte, weil ich meine Gastprofessur eben nur von Mainz aus wahrnehmen kann. Ich habe mich so furchtbar allein gefühlt. Alle waren wahnsinnig nett und bemüht, aber Sie stellen über den Bildschirm keine sozialen Beziehungen her. Nichts kann unsere direkten persönlichen Beziehungen und sozial Begegnungen ersetzen. Und ich glaube, dass das eine ganz wichtige Erfahrung dieser Pandemie ist. Wie wir die im Museum ausstellen, das weiß ich auch noch nicht genau. Aber es lohnt alle Mühe, darüber nachzudenken, wie wir diese ganz grundlegende Erfahrung im Umgang mit der Pandemie gebührend erinnern.

Weil Sie gerade Washington erwähnt haben, erlauben Sie mir einen kurzen Themenwechsel. Sie stehen im Kontakt mit Studierenden und Lehrenden dort, die den Sturm aufs US Kapitol vergangene Woche praktisch aus der Nähe mitbekommen haben. Arnold Schwarzenegger, ehemaliger Hollywoodstar und republikanischer Ex-Gouverneur von Kalifornien, hat diesen Angriff in einem Video mit der Reichspogromnacht von 1938 verglichen. Bei allem Entsetzen über die Vorgänge in Washington, finden hierzulande viele solche Nazivergleiche hochproblematisch. Wie sehen Sie das als Historiker?

Arnold Schwarzenegger in seiner Videobotschaft

Nun, aus der deutschen Sicht ist der Vergleich natürlich hochproblematisch. Aber in einer amerikanischen Perspektive stellt sich das insgesamt anders dar. Man überlegt zunächst einmal: Was ist der große Unterschied? Und man würde sagen: Bei der Reichspogromnacht haben ja so viele mitgemacht. Viele mitgemacht haben in den USA aber auch. Vielleicht nicht direkt beim Sturm auf das Kapitol, aber bei den Wahlen, also die Wähler, die Donald Trump gewählt haben. Jetzt würden Sie sagen, natürlich ist der Unterschied, dass hier nicht in dem Maße einer Opfergruppe marginalisiert wird, wie das bei der Reichspogromnacht der Fall gewesen ist. Klar, man findet da die substanziellen Unterschiede.

Aber was Arnold Schwarzenegger damit aussagen will, ist, wie ernst die Lage ist. Und ernst ist die Lage in den USA auf jeden Fall. Die Republikanische Partei steht an einem Scheideweg. Wird sie sich aus dieser Umklammerung von Donald Trump befreien können und wieder zu einer Partei im demokratischen Zentrum? Oder wird sie in der Richtung, die Trump beschrieben und vorgegeben hat, weitergehen? Das wird eine ganz entscheidende Frage für die Gesellschaft und damit für die Geschichte der USA – und damit immer auch weit über die USA hinaus – von weltpolitischer Bedeutung sein.