Nachtstudio: Die Arbeitswelt nach Corona und Digitalisierung Macht digital uns arm?

Wo eben noch die schwarze Null und ein gesundes Wirtschaftswachstum standen, da steht jetzt die Gefahr eines wirtschaftlichen Abschwungs. Wäre das nicht der richtige Moment, um etwas Neues zu schaffen, das besser mit Krisen umzugehen vermag als das alte Wirtschaftsmodell?

Von: Michael Hirsch und Martin Zeyn

Stand: 10.06.2020

Zusammenarbeit im Cyberspace - Symbolbild
| Bild: picture alliance / PantherMedia

Es ist eine Binsenweisheit: Unsere Wirtschaftspolitik, aber auch unser Denken stehen vor großen Herausforderungen. Aber so klar das Problem, so schwierig die Lösungen. Wie sieht eine Zukunft aus, die nicht bloß die Probleme der Vergangenheit verlängert, indem sie alte Verhaltensweisen fortführt? Über die ökologische Neu-Ausrichtung nach Corona wird intensiv diskutiert. Aber bräuchte es nicht auch eine kulturelle Neubestimmung dessen, wie wir uns überhaupt Arbeit vorstellen? Die Corona-Pandemie hat innerhalb weniger Wochen die Schwachstellen des sogenannten Beschäftigungswunders bloßgelegt: keine Nachhaltigkeit, kein Schutz für Arbeitnehmer*innen. Wobei das schon vorher klar war - das flüchtige Jobwunder in den USA fußte vor allem auf Stellen im Niedriglohnsektor. Corona hat in den USA gezeigt, wie die Plattformökonomie das Risiko verteilt: die "freien" Unternehmen tragen es nahezu allein. Wollen wir wirklich ein System, das nur Gewinne erwirtschaften kann, wenn es Mitarbeiter so schlecht bezahlt, dass die davon nicht leben können, geschweige denn eine Krankenversicherung bezahlen?

Ausbeutung als Geschäftsmodell

Die Digital- oder Plattformökonomie schafft - von einer kleinen Zahl hoch qualifizierter Fachkräften abgesehen - keine Beschäftigung, die als existenzsichernd und nachhaltig gelten kann. Wenige Programmierer stehen vielen Gig-Workern gegenüber. Wir können das beklagen. Wir könnten aber auch sagen: Endlich endet das neoliberale Framing, nach dem es allen nützt, wenn die Konzerne unreglementiert agieren können.

Es endet vielleicht eine Epoche, in der man nach dem Motto verfuhr: "Hauptsache Beschäftigung". Diese Norm verliert heute langsam ihre Legitimität - denn sie widerspricht der Lebenserfahrung vieler Menschen quer durch alle Schichten. Wie der Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Buch "Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne" schreibt, lebten wir schon vor Corona in einer "prekären Vollerwerbsgesellschaft", "die voll und ganz auf Beschäftigung um und zu jedem Preis setzt. [E]s entsteht eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der nicht die Arbeit, sondern die integrative Arbeit ausgeht." Integrativ heißt: Arbeit versprach lange den sozialen Aufstieg. Dem ist heute nicht mehr so. Denn die Arbeitnehmer sind zu schwach, zu wenig organisiert, zu kurz in den jeweiligen Firmen beschäftigt, um Verbündete finden und mit ihnen die eigenen Interessen vertreten zu können.

Nachtwey beschreibt damit einen fundamentalen Wandel. Wir leben nicht mehr in einer Industriegesellschaft, aber auch nicht in einer Dienstleistungsgesellschaft. Vielmehr in einer industriellen Dienstleistungsgesellschaft, in der die Logik der Industrieproduktion und die der Dienstleistungen miteinander verschmolzen sind. Damit wandle sich der zuerst von Karl Marx beschriebene Mechanismus der "industriellen Reservearmee": "In der Vergangenheit übernahmen die Arbeitslosen die Rolle der kapitalistischen Reservearmee, durch die von außen ein struktureller Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen ausgeübt wurde. Prekäre Beschäftigung internalisiert nun diese Funktion in die Unternehmen. Der Leiharbeiter ist gleichzeitig drinnen im Betrieb, steht aber mit einem Bein draußen in der Arbeitslosigkeit, und so erinnert allein seine Anwesenheit die unbefristeten Stammkräfte daran, dass auch für sie die Zukunft schlechter aussehen könnte."

Große Industrie für kleine Dienstleistungen

Fürs Recherchieren von Adressen oder Korrekturlesen werden Stundenhonorare von 2 Euro 40 angeboten. Brutto! Und wir reden jetzt nicht von Einzelfällen. Auf Clickworker.de sind über 1,2 Millionen Menschen angemeldet. Eine große Industrie für kleinteilige Dienstleistungen ist so entstanden, meint der Sozialwissenschaftler Moritz Altenried: "Auf diesen Plattformen sind teilweise mehrere Zehn- oder Hunderttausende Leute gleichzeitig am Arbeiten. Man kann sich das schon wie eine große Fabrik vorstellen - eine digitale Fabrik."

Den Menschen schadet fehlende Sicherheit - ihrem Schlaf (das ist tatsächlich bewiesen), aber auch ihren Rentenansprüchen, wenn sie keine gradlinige, ununterbrochene Erwerbsbiografie aufweisen. Als Rentner bekommen sie dann nicht einmal die Respektrente, weil sie als Freiberufler oder unregelmäßig gearbeitet haben. Das schlägt sich auf ihr Lebensgefühl nieder. Sie denken, sie seien weniger wert. Denn obwohl längst gesellschaftliche Normalität, ist prekäre Beschäftigung immer noch sozial stigmatisiert. Die Sprache ist hier wie immer verräterisch: So würdigt der rentenrechtliche Begriff der "Lebensleistung" alle herab, die eine nur "ungenügende Lebensleistung" erbracht haben. Zwar wird damit meine Bedürftigkeit anerkannt, aber nur um den Preis eines sozialen Todesurteils.

Eine Bewegung gegen Schein-Selbstständigkeit

Rechnerisch gab es in Deutschland ja quasi Vollbeschäftigung - bis Corona. Aber selbst diese historisch eher seltene Situation führte nicht unbedingt zu mehr Wohlstand und zu sozialer Sicherheit für alle. Sondern sie führte eher zu verschärfter Konkurrenz und Mehrarbeit. Gewonnen haben - lange Zeit - Aktienbesitzer und - bis heute - Immobilienbesitzer. Aber weite Teile der Bevölkerung verfügen über kein Vermögen. Denn ihr Einkommen reicht nur von der Hand in den Mund.

Ein Grund: Den Gig-Workern fällt es natürlich schwerer, sich gesellschaftlich zu organisieren. Wobei: Warum sollte alles Mögliche über das Internet organisiert werden können, nur nicht die Arbeiterrechte? Hierzulande fast unbemerkt, machte das 2019 verabschiedete kalifornische Assembly Bill 5 alle Gig-Worker, eben jene virtuellen Leibeigenen, die bisher nahezu rechtlos waren, endlich zu sozialversicherten Angestellten der betreffenden Unternehmen. Der Gesetzentwurf könnte eine ganze Industrie in den USA umkrempeln - wenn nicht solche Vorhaben einer rein industriefreundlichen Nach-Corona-Politik zum Opfer fallen. Das kalifornische Beispiel zeigt, dass der Staat auf der Ebene des Arbeitsrechts eine durchaus große Gestaltungsmacht hat, um die Rechte der Beschäftigten und damit auch die Handlungsmöglichkeiten der Gewerkschaften zu unterstützen. Die übergeordnete Frage wäre: Entsteht eine intellektuelle und politische Bewegung, die Scheinselbständigkeit und massenhaften Sozialhilfebetrug systematisch bekämpft?

"Arbeitende Menschen sind sehr viel mehr als bloße Ressourcen. Dies ist eine der zentralen Lehren aus der gegenwärtigen Krise. Die Pflege von Kranken, die Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Gütern, die Beseitigung unseres Abfalls, das Auffüllen der Regale und das Bedienen der Kassen in unseren Lebensmittelgeschäften: Die Menschen, die das Leben durch die Covid-19-Pandemie hindurch am Laufen halten, sind der lebende Beweis dafür, dass Arbeit nicht auf ein bloßes Gut reduziert werden kann. Die Sorge um die menschliche Gesundheit und die Versorgung der Schwächsten kann nicht allein von Marktkräften geregelt werden. Sonst laufen wir Gefahr, die Ungleichheiten so weit zu verschärfen, dass wir das Leben der am stärksten benachteiligten Gruppen aufs Spiel setzen."

- 'Manifest zur Zukunft der Arbeit'. zeit.de

Aber nicht nur der Staat, auch wir selbst sind gefordert. Es gilt sich ehrlich Fragen zu beantworten: Was will ich von meiner Arbeit? Wie verhalte ich mich zu der eigenen Profession? Ist es eigentlich zwangsläufig und unausweichlich, dass ich mit meinem eigenen Arbeitsleben ein hoch problematisches Gesellschaftsmodell von Mehrarbeit, Ausbeutung und sozialer Ungleichheit reproduziere? Es geht dabei um die Potenz zur demokratischen Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft überhaupt. Vielleicht ist dies ja auch der wichtigste Schauplatz im Kampf gegen den erstarkenden Rechtspopulismus. Hatte doch schon der Philosoph Theodor W. Adorno im Aufsatz "Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit" vor einer allgemeinen Entmündigung gewarnt. Menschen würden sich dem Faschismus zuwenden, weil sie brutalen Zwängen unterlägen, gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen: "Wenn sie leben wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als dem Gegebenen sich anzupassen, sich zu fügen; sie müssen eben jene autonome Subjektivität durchstreichen, an welche die Idee von Demokratie appelliert, können sich selbst erhalten nur, wenn sie auf ihr Selbst verzichten."

Wir müssen aufhören, uns einfach nur den Gegebenheiten zu fügen und im Alltag unsere autonome Subjektivität als mündige Staatsbürger durchzustreichen, wie Adorno sagt. Ob wir aufhören, weiterhin denen zu glauben, die uns sagen, mehr als im Privaten klagen könne man nicht tun. Ich wünsche mir eine progressive und emphatische Anspruchshaltung an das eigene Arbeitsleben und das eigene berufliche Feld. Den Begriff kritische Berufspraxis hatte Jürgen Habermas 1969 in seinem einflussreichen Buch "Protestbewegung und Hochschulreform" ins Spiel gebracht.

Eine "kritische Berufspraxis" liegt in der Anwendung allgemeiner fortschrittlicher Ideen auf das eigene berufliche Feld und die dort herrschenden Arbeitsbedingungen. Das steht der heutigen, ziemlich vulgären Ideologie von Selbstoptimierung, Karriere und beruflicher Selbstverwirklichung diametral entgegen. Also: Wir sollten wieder lernen, die Ansprüche an die Arbeitsverhältnisse insgesamt, aber auch unsere Ansprüche an die Arbeit energisch zu erhöhen. Nur so können wir der Fremdbestimmung und Entfremdung widerstehen! Wir müssen endlich das kritische Wissen als Widerstandspotential nutzen: Wann beginnen endlich die Intellektuellen in den Rundfunk- und Fernsehanstalten, in den Zeitungen und in den Universitäten damit, ihren eigenen Arbeitsbereich zu politisieren? Anstatt nur weiter wortreich und allgemein über gesellschaftliche Ungleichheit, Prekarität, Ausbeutung und Selbstausbeutung zu klagen?

Sicherlich gibt es einzelne Fälle, wo dieser Traum selbstbestimmten Arbeitens tatsächlich phasenweise gelebt wird. Aber nicht in der Masse und nicht auf Dauer. Es ist inzwischen bekannt, dass Unternehmen mit dem Versprechen der Selbstverwirklichung im Beruf glänzende Geschäfte machen. Sie maskieren geschickt ihre meist ziemlich einfachen Strategien der Ausbeutung und Selbstausbeutung: also Lohnverzicht, Mehrarbeit, Verzicht auf Sozialleistungen und Arbeitsschutzbestimmungen. Darauf haben als erste 1999 in Frankreich die Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiappello in ihrem mittlerweile klassischen Buch "Der neue Geist des Kapitalismus" hingewiesen. Darin zeigen sie, dass die Management-Ratgeber seit den frühen 1990er Jahren zunehmend Motive und Metaphern aus der Welt des freien künstlerischen Arbeitens aufgreifen. Sie bauen diese Sprachfiguren in die unternehmerischen Selbstbeschreibungen und den Jargon der Beratung und des Coachings ein.

"Erkenne Exzellenz
Glaube an die Herausforderung
Gebe freizügig
Begünstige das Wachsen der Gesamtpersönlichkeit"

- Aus dem Onlineartikel 'Creating A High-Trust, High-Performance Culture'. rework.withgoogle.com

Natürlich haben alle mündigen Subjekte, also auch Sie und ich, einen unstillbaren Wunsch nach mehr Autonomie. Der müsste sich aber eigentlich dagegen wehren, dass mehr Autonomie zugleich bedeutet, mehr und intensiver zu arbeiten. Wieso passiert das nicht, fragen Boltanski und Chiappello? Weil es nur noch um individuelle Verbesserungen geht, was die beiden als "Künstlerkritik" bezeichnen. Also: Ein Schleier der Individualisierung hat sich über die Arbeitsverhältnisse gelegt. Der soll verbergen, dass partiell gesteigerte Autonomiespielräume zugleich in knallharte Zwänge der Optimierung und Mehrarbeit eingespannt sind. Wenn der Arbeitsdruck insgesamt steigt, und zwar sowohl am unteren Ende der Berufs- und Einkommensgruppen als auch bei den relativ Privilegierten, dann ist Autonomie ein vergiftetes Geschenk, das süß nach Freiheit schmeckt, aber einen bitteren Nachgeschmack von Mehrarbeit hat.

Dieser neue Geist des Kapitalismus unterwanderte die arbeits- und sozialrechtlichen Errungenschaften von Sozialstaat und Arbeiterbewegung in den letzten 20 Jahren. Der Trick daran ist: Der Zwang zu mehr Produktivität und Mehrarbeit wird scheinbar nicht mehr von oben befohlen, er wird von unten begehrt. Und zwar deswegen, weil das Pensum in der normalen Arbeitszeit mit den vorhandenen personellen Kapazitäten nicht zu schaffen ist - einfach gesagt, mehr Arbeit für weniger Personal. Der Zwang zu Mehrarbeit und Selbstaktivierung wird in die Subjekte selbst hineinverlegt. Dies trifft auf die neuen digitalen Dienstleistungsökonomien, aber auch auf die veränderten Arbeitsverhältnisse in Industriebetrieben und staatlichen Kulturbehörden zu.

Das klingt nach einem Sado-Maso-Verhältnis: Ich liebe die Ketten, die mir ins Fleisch schneiden. Sag ja zu Autonomie, Flexibilität und Mobilität! Und vergiss die chronisch unterbelichteten Schattenseiten der Prekarität und Mehrarbeit, vergiss das Aufweichen von Arbeitsschutzbestimmungen. Gestern war "fordistisch" genannte Fließbandproduktion, heute projektförmige Produktion in Arbeitsgruppen. In denen gibt es Demokratie und Freiheit - aber nur auf Zeit. Zusammenkommen, nachdenken, kritisieren - und danach ist der Chef wieder Chef. Und wie funktioniert der Köder, da mitzumachen? Indem Arbeitnehmer vor die Nase gehalten bekommen, was sonst Spitzenkräften vorbehalten bleibt: Vernetzung und Aktivität. So empfinden die Mitarbeiter ihre Arbeit als wertvoller. Aber sie bezahlen auch dafür. Indem sie an den Projekten am Wochenende weiterarbeiten, indem sie für Fragen auch abends am Telefon bereitstehen. Die Grenze zwischen Arbeit und Freiheit geht dabei verloren - mit gravierenden Folgen für die Gesundheit und das Sozialleben. Wie es gerade die Frauen erleben, die Pflege und Kinderbetreuung während Corona ganz allein zu stemmen hatten.

Wir leben in einer Welt der ästhetisch aufgemotzten Selbstoptimierungs- und Kreativitätsimperative. Mittlerweile kann niemand mehr das Massenphänomen psychosozialer Erschöpfungskrankheiten übersehen. Deswegen gibt es gleichzeitig Angebote, sich mehr um sich selbst zu sorgen. Die sollen dann die überkommenen Kreativitätsimperative mit ihrer aggressiven Sprache der Eroberung und des Kampfes leicht esoterisch abdämpfen. So war am 31.12.2019 in der linker Umtriebe unverdächtigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen: "Die Arbeitsbelastung der Beschäftigten steigt. Laut einer Umfrage von 1500 deutschen Arbeitnehmern durch das Beratungsunternehmen EY gaben 70 Prozent an, dass ihre Arbeitsbelastung in den vergangenen fünf Jahren gestiegen sei, bei 40 Prozent ist sie danach sogar stark gestiegen."

Die Semantik des geilen Projekts

Die Internetökonomie ist wegen ihrer jugendlichen Aura dabei besonders anfällig für pseudo-egalitäres und pseudo-emanzipatorisches Selbstmarketing. Sie erfüllt hier eine Avantgardefunktion, die auch in die anderen Arbeitsbereiche ausstrahlt. Die Behauptung eines von allen Mitarbeitern verinnerlichten unternehmerischen Geistes, die Semantik des geilen Projekts, an dem alle leidenschaftlich arbeiten, verschleiert nicht nur wachsende Arbeitsbelastungen. Sie verschleiert auch reale Ungleichheiten der Macht, des Einkommens, der sozialen Absicherung und des Ansehens. Das ist auch die Grundthese in "Gig Economy", dem neuen Buch des britischen Politikwissenschaftlers Colin Crouch. Schon alleine auf der sprachlichen Ebene sei die Gig Economy "ein zynisches Manöver, eine prekäre Beschäftigungsform mit der Romantik des Entertainmentgewerbes aufzuhübschen".

Nomen est omen. Wie toll: Ich kann mich wie ein Musiker bei einem Gig, also bei einem Auftritt verwirklichen. Von dem wir wissen sollten, dass die allermeisten davon ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können - übrigens auch dank Internetkonzernen wie Spotify oder Amazon Music, die die CD-Verkäufe und somit die Einkünfte von Musikerinnen und Musikern drastisch haben einbrechen lassen. Freiheit muss man sich leisten können - oder man bezahlt sie mit Altersarmut. Sollte sich in den nächsten Jahrzehnten die Arbeit genauso entwerten wie die Musik, dann graut mir vor der Zukunft.

BR-Redakteur Martin Zeyn | Bild: Bayerischer Rundfunk zum Video Kommentar Grundeinkommen + Kulturschaffende

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Die Gig Economy setzt nicht nur auf den nackten, stummen Zwang der Verhältnisse, also den forcierten Zwang zum Überleben.  Es arbeitet ja niemand freiwillig bei schlechter Bezahlung, sondern die ausgehölten sozialstaatlichen Sicherungen zwingen ihn dazu. Wir behaupten, wir würden die Arbeit genießen. In Wahrheit aber beutet man uns aus. Kein neues Phänomen, davon sprach schon Antonio Gramsci. Der italienische Theoretiker zeigte, dass Kapitalismus ebenso auf Ausbeutung beruht wie auf Konsens. Was ja erstaunlich ist, denn es gibt, was niemand abstreitet, Menschen, die mehr von dieser Wirtschaftsform profitieren als andere.

Gramcsi war überzeugt, dass Herrschaft in den Köpfen hergestellt wird. Zwei Denkfiguren greifen dabei ineinander: einerseits Zwang, anderseits die Überzeugung, Herrschaft und Ausbeutung seien quasi naturgegeben. Gramsci bezeichnete die entscheidende Vermittlung von Zwang und Konsens mit dem Wort Hegemonie. Es geht dabei um die kulturelle Führung, die Herrschaft über die Sprache, die Begriffe und die Definitionsverhältnisse. Gramscis berühmte Formel für die Sicherung von Herrschaft lautete: "Hegemonie gepanzert mit Zwang". Die Seite des Zwangs ist offensichtlich, denn viele Menschen haben keine Alternative, sie müssen schlechte Arbeitsverhältnisse akzeptieren. Die Seite der Hegemonie aber ist ebenso wichtig: also mit welchen kulturellen Deutungsmustern, und mit welchen politischen Vereinbarungen ein zumindest relativer Konsens, also eine vorläufige Zustimmung der Beherrschten zu den sozial ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen erzeugt wird. Und hier beginnt eben das Reich der Ideologie, das Reich von Täuschung und Beihilfe zur Selbsttäuschung.

Gig Economy ist alt

Was uns als neu verkauft wird, sind uralte Muster der Ausbeutung. Der Politikwissenschaftler Colin Crouch sagt zu Recht, dass die New Economy gar nicht so neu ist. Diese Pseudoselbstständigkeit gab es schon im 19. Jahrhundert im sogenannten Verlagshandel. Großhändler gingen in Vorleistung und belieferten Heimarbeiterinnen mit Rohstoffen. Die mussten sie zu Stoffen verweben. Das fertige Produkt holten dann die Händler ab und bezahlten dafür. Sehr wenig, weil die Frauen nicht über Kapital verfügten, um sich selbst die Ausgangsmaterialien zu kaufen. Das heißt sie mussten teuer einkaufen und billig verkaufen. Weil sie keine Verhandlungsmacht besaßen. Wie die Gig-Arbeiter, die einem Friss-oder-Stirb- System unterworfen sind. Die App des Anbieters gibt vor, was wann in welcher Zeit zu tun ist.

Dass das Kapital strukturell mächtiger ist als die Arbeiter, wissen wir seit Marx. Es handelt sich aber, das lehrt uns der Geschichte der Arbeiterbewegung, um einen durchaus offenen Kampf, einen Kampf, der hin und her wogt. Und der etwas mit Interessenrepräsentation und Politik, aber auch mit Kultur und Ideologie zu tun hat. Also mit einem Kampf um Deutungsmacht. Deswegen sind die öffentliche Diskussion und die politische Willensbildung so wichtig. Ich glaube, wir erwachen heute gerade langsam aus einem Alptraum: Es war der Alptraum eines langen postpolitischen oder postdemokratischen Zeitalters. Postdemokratie war ja auch der Titel des Buches, mit dem Colin Crouch in den 1990er Jahren berühmt wurde. Es war der Alptraum einer Ohnmacht der Politik.

Wir geben die Macht an die Experten, die Verwaltung und an Internetkonzerne ab, weil die viel besser als wir wissen, was gut für uns ist. Diktatur light. Ein Albtraum, der aus Bürgern Konsumenten macht. Entmündigung durch Verwaltung, neuerdings auch durch Algorithmen. Eine Entleerung, die begleitet wird vom enormen Anstieg von Ungleichheit. Die Soziologin Saskia Sassen hat schon vor Jahren prognostiziert, dass sich die Entwicklung von Zentren abkoppelt von der Peripherie. Das heißt große Metropolen oder industrielle Zentren sind die Gewinner der Zukunft.

Gewinner, die Verlierer produzieren. Das trifft nicht nur auf das Verhältnis des reichen globalen Nordens zum globalen Süden zu. Es betrifft auch den globalen Norden selbst, der, wenn wir nicht aufpassen, immer mehr seinen eigenen Süden produziert. Er produziert seine eigenen Ränder, seine eigene Spaltung zwischen Zentrum und Peripherie: "Die Obdachlosigkeit in prosperierenden Gebieten wie San Francisco oder Seattle wächst - weil viele mit ihren Löhnen keine Wohnung mehr bezahlen können. Und wie weiland Krupp, wie vor 150 Jahren fangen heute einige Firmen an, Wohnungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bauen, 20.000 alleine der Google-Konzern. Es sieht so aus, als wäre das Versprechen, alle Probleme mit ein paar Klicks zu lösen, an sehr alten Problemen gescheitert. Und Corona ließ die Schlangen vor den Suppenküchen sehr lang werden, weil die Arbeitslosenzahlen in den USA auf über 20 Prozent anstiegen."

Entstehen neue Zonen-Randgebiete?

Entsteht eine Zweiklassengesellschaft Im Grundgesetz steht, dass der Gesetzgeber die Lebensbedingungen angleichen soll. Das gelingt jetzt schon nicht. Und wie soll es erst gelingen, wenn multinationale Konzerne statt Regierungen bestimmen, wo Macht und Reichtum sich ballen? Es ist noch nicht entschieden, ob wir aus diesem Alptraum aufwachen können. Dazu brauchen wir einen neuen Glauben an die Macht des Politischen und der intellektuellen Debatte. Popkulturell gesprochen: Yes, we can.

Wir müssen das historische Bewusstsein schärfen. Es ist nämlich genau so, wie Sie mit Colin Crouch sagen: Das Neue ist gar nicht so neu, es ist vielmehr das ganz Alte in neuer Auflage: prekäre Beschäftigung, Scheinselbständigkeit, Armut, Enteignung der Lohnarbeiterinnen von ihren Produktionsmitteln, Abhängigkeit von der Großen Industrie, schlechte und krankmachende Arbeit, massenhafte Existenzangst. Auch die Sozialpolitik der Hartz IV Sanktionen ist nicht neu. Die wichtigste Funktion kritischen historischen Bewusstseins liegt in der Fähigkeit, bestimmten Ideologien, mit denen Herrschaft stabilisiert werden soll, wirksam entgegenzutreten. Das ist auch die Intention von Colin Crouch.

"Die Plattformanbieter machen ihren Arbeitskräften vor, dass sie selbstständige Unternehmer seien, während sie in Wirklichkeit nur durch und durch subalterne, streng überwachte Rädchen einer gewaltigen Gewinnmaximierungsmaschinerie sind."

- Colin Crouch, 'Gig Economy'. Suhrkamp 2019

Nun kommt es aber darauf an, wie solche Wortmeldungen wie die von Colin Crouch in der öffentlichen Debatte rezipiert werden. Bleiben sie eine reine Provokation? Werden sie zu einer neuen Form der Hegemonie, einem neuen Common Sense, um es in der Sprache von Antonio Gramsci zu sagen? Gramsci hat den schönen Begriff des Interregnums geprägt, um einen Zustand zu beschreiben, der unserem heutigen sehr ähnelt: Eine bestimmte historische Hegemonie beginnt zu zerfallen, aber es hat sich noch keine neue Hegemonie, kein neuer Common Sense, keine neue herrschende Sicht der Dinge durchgesetzt.

Ich plädiere dafür, dass wir uns klarmachen, welche Verantwortung wir als Intellektuelle, als Wissensarbeiterinnen tragen: nämlich die Mitarbeit an der Formierung dieses neuen Common Sense. Was ist eine gerechte Entlohnung? Was gute Arbeit? Auf welche Mindestrente hat jeder Mensch ein Anrecht? Dürfen Firmen die Gewinne in Länder mit niedrigeren Steuern transferieren? Die Frage, die wir uns täglich stellen sollten: Warum können wir die Konzerne im Netz nicht genauso reglementieren wie die in der Realwirtschaft? Natürlich könnten wir das. Es gibt da tatsächlich schon lange konkretere Überlegungen in der Europäischen Union. Etwa Unternehmen zu begünstigen, die ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen permanent fortbilden, damit die nicht auf unqualifizierte Gig- und Clickjobs angewiesen sind. Ein Bonussystem für Unternehmen, die sich für die Wiedereingliederung nach der Elternzeit einsetzen. Bevorzugung bei Ausschreibungen, wenn alle Angestellten sozialversichert sind. Und insgesamt die Anstrengungen, die Besteuerung von Unternehmensgewinnen dort durchzusetzen, wo die Gewinne erzielt werden.

Wir dürfen aber nicht nur über solche neuen sozialstaatlichen und arbeitsrechtlichen Institute nachdenken. Sondern auch über neue Unternehmensformen. Als Reaktion auf die offensichtlich gescheiterten bisherigen Formen der privatkapitalistischen Sharing- und Plattformökonomie entstehen gerade in den USA immer mehr platform co-ops (engl.), also Plattform-Kooperativen oder Plattform-Genossenschaften. So gibt es zum Beispiel das Projekt FairBnb als faire Alternative zu AirBnb und einige genossenschaftliche Supermarkt-Projekte.

Genauso ist es, und daran wird die Gesellschaft wieder anknüpfen müssen. Bisher hat die Digital-Wirtschaft noch nicht zu einer Massenarbeitslosigkeit geführt, aber sie vertieft gesellschaftliche Gräben. Die Makroverdiener in den wenigen Zentren stehen den Mikroverdienern an den Rändern gegenüber.

Wir befinden uns an einem Scheideweg. Wenn wir nichts unternehmen, dann überlassen wir den Internetgiganten das Feld. Wir müssen endlich eigene Bilder von guter Arbeit entwickeln. Von gerechter Bezahlung, von genossenschaftlichem Besitz, von einer Machtbeschränkung des Kapitals, von echter Selbstverantwortung. Es geht darum, die Demokratie, die Beteiligung aller auch in der Wirtschaft zu verankern.